Warum «Adolescence» kein sinnvoller Impuls zum Nachdenken über Jugendliche und Medien ist – und eine Theorie über Emotionen im Internet

Das ist Jamie, in der Netflix-Serie «Adolescence» gespielt von Owen Cooper. Jamie hat eine Mitschülerin umgebracht. Die vier Folgen der Serie zeigen:

  1. wie die Polizei Jamie verhaftet und behandelt
  2. wie Jamies Schulerfahrung und sozialen Beziehungen funktioniert haben
  3. wie Jamie psychologisch tickt und an welchen Rollenbildern er sich orientiert
  4. wie Jamie erzogen und von seinen Eltern begleitet wurde.

Die Serie ist nur in der ersten Folge kurz ein Krimi, bevor die Zuschauer:innen (und Jamies Vater und Jamies Anwalt) die erdrückenden Beweise vorgelegt werden: Jamie wurde bei der Tat gefilmt. Danach bietet die Serie eine Erklärung für die Tat. Sie zeigt, wie ein spezieller Junge aufgrund einer gewissen Vernachlässigung seiner Eltern, überforderten Lehrpersonen, durch permanentes Mobbing belastete Beziehungen zu Peers und eine problematische Mediennutzung zum Mörder wurde.

Die Rezeption der Serie betont vielstimmig, wie wichtig die Auseinandersetzung mit den Themen dieser Geschichte sei. Im Folgenden möchte ich dagegen argumentieren, ich bin überzeugt, dass «Adolescence» kein geeigneter Impuls ist, um über Jugendliche, Medien, Gewalt und Geschlechterrollen nachzudenken.

In der Kritik von Lisa Füllemann findet man das Argument, «Adolescence» sei wichtig, in folgender Formulierung:

Die Geschichte ist symptomatisch für unsere Zeit. Es geht um Kinder, die sich in den sozialen Medien bewegen, fernab ihrer Eltern, die schon lange nicht mehr wissen, was die Kinder dort genau treiben. Es ist eine Welt, in der harmlos wirkende Emojis schon eine tiefere Bedeutung haben, die Erwachsene kaum dechiffrieren können. Nur dank seines Sohnes findet Kriminalkommissar Luke Bascombe (Ashley Walters) heraus, dass Jamie von seinem späteren Opfer Katie auf Instagram vorgeworfen wurde, ein Incel zu sein. Der Begriff steht für «involuntary celibate» – «unfreiwillig zölibatär» – und beschreibt einen Mann, der keine Frauen abkriegt – und darum zum Frauenhasser wird. Wie ohnmächtig Eltern und Lehrer sind, wenn es darum geht, in welcher Realität ihre Kinder bereits leben, zeigt sich, indem sie sogleich von Andrew Tate sprechen. Viel mehr als den Namen des umstrittenen Männer-Influencers verbinden sie nicht mit dem Internetkult, der jungen Männern beibringt, dass sie sich von Frauen nehmen dürfen, was sie wollen. Dabei geht es bei Kindern schon lange nicht mehr nur um Figuren wie Tate. Es geht um weitverbreitete misogyne Theorien wie die «80-20»-Regel, die besagt, dass 80 Prozent der Frauen auf nur 20 Prozent der Männer stehen.

Die Serie analysiert die Zusammenhänge rund um die Manosphere-Influencer. Dabei handelt es sich um Männer, die sich an Knaben und pubertierende Jungs heranmachen, um sie entweder negativ zu beeinflussen oder finanziell auszubeuten. Eine gute Darstellung dieser Zusammenhänge findet sich im «Panic World»-Podcast zu Adolescence, auf die darin geäusserten Thesen von Ryan Broderick werde ich mich mehrmals beziehen. Das Manosphere-Thema ist bedeutsam, es ist eine zentrale Herausforderung für die gesunde Sozialisation junger Männer. Die Verbindung mit der Incel-Thematik sowie die Vorstellung von codierten Botschaften auf digitalen Plattformen sind hingegen problematisch.

Incels sind junge Männer, welche gerne Kontakte und Beziehungen mit Frauen führen würden, das aber nicht können. Sie ziehen sich ins Internet zurück und radikalisieren sich online, beeinflusst von Manosphere-Influencern. Ein 13-jähriger Junge ist kein Incel, er ist ein schlechtes Beispiel für dieses soziale Phänomen. Sicherlich werden viele 13-Jährige von Andrew Tate und anderen radikalen Frauenhassern manipuliert, auch von Incels. Sie können aber keine Incels sein und würden sich auch nicht als solche betrachten.

Selbstverständlich können viele Eltern und andere Erwachsene nicht genau verstehen, wie die digitale Kommunikation unter Teenagern verläuft. Diese können oft auch gar nicht genau erklären, was ihre Nachrichten und Symbole genau bedeuten. Ihre Mitteilungen sind oft esoterisch in dem Sinne, dass sie Eingeweihten ein Zugehörigkeitsgefühl ermöglichen und Erwachsene bewusst ausschliessen. Es wäre aber falsch zu denken, dass man mit dem richtigen Schlüssel auf Nachrichten von Jugendlichen blicken kann und plötzlich klar sieht, was hier eigentlich abgeht. Die Vorstellung, «harmlos wirkende Emojis» hätte «eine tiefere Bedeutung» mag in seltenen Ausnahmen korrekt sein – das ist aber nicht entscheidend. Radikalisiert werden junge Menschen, wenn sie mit den falschen Menschen auf die falsche Art über die falschen Themen nachdenken. Das tun sie oft im Versteckten – die Kenntnis von Codes hilft aber Erwachsenen nicht, das zu verstehen oder zu intervenieren.

Neben der problematischen Darstellung der Incel-Thematik und der seltsamen Sicht auf digitale Kommunikation halte ich die schauspielerische Leistung von Owen Cooper, der Jamie Miller spielt, für das dritte zentrale Problem. Cooper spielt einen zerrissenen 13-Jährigen, der kalkuliert die Kontrolle über jede Situation behalten will, zu impulsiven, gewalttätigen Wutausbrüchen neigt und gleichzeitig noch ein Kind ist, das sich nach Fürsorge und Wärme von Erwachsenen sehnt. Diese Mischung aus Gerissenheit und Aggressivität, aus Berechnung und Verletzlichkeit stellt Cooper so überzeugend dar, dass wir mit Jamie Miller letztlich eine Ausnahmefigur erleben. 13-Jährige sind nicht so wie Jamie Miller, solche Figuren gibt es nur in Netflix-Serien. Die für viele Kritiker:innen beste Folge von Adolescence, die dritte, zeigt das sehr deutlich: Eine professionelle, fürsorgliche Psychologin kümmert sich um Jamie und will abklären, wie er zum Mord steht, den er begangen hat. Die Interaktion ist spannungsgeladen, sie schlägt immer wieder um. Das muss in einer Serie so sein, damit wir über eine halbe Stunde lang zusehen, wie eine Psychologin mit einem Kind spricht – dafür erhalten wir aber keine realistische Darstellung eines Jugendlichen, sondern eine übertriebene, verdichtete, gescriptete. Dasselbe betrifft die Tat: Online-Radikalisierung hat viele Auswirkungen, sie führt zu psychischen Problemen, zu Gewalt, zu belasteten Beziehungen. Ein Mord unter 13-Jährigen ist das Extrem, das sich für Netflix eignet, aber nicht für ein Verständnis der grundlegenden Zusammenhänge.

Damit sind wir beim vierten Problem, das ich in der Serie sehe. Die Darstellung der Institutionen, in denen sich Jugendliche bewegen, sind seltsam schwarz-weiss gezeichnet. Die Polizei ist hoch professionell, sie agiert fürsorglich, aber streng, hält sich kleinlich an Regeln und Abläufe und achtet doch auf die Bedürfnisse der Menschen, mit denen sie zu tun hat. Sie ist in der Serie zweifelsfrei im Recht, sie muss einen Mord aufklären und den Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, tut das aber in jeder Hinsicht professionell. Das ist Copaganda in Reinform. Dasselbe gilt für die Institution, in der Jamie abgeklärt wird: Die Wärter agieren zurückhaltend, aber bestimmt, die Gutachten werden sorgfältig und unter Berücksichtigung professioneller Standards entwickelt.

Die Realität sieht anders aus. Nehmen wir Brian, der in der Schweiz mit 10 Jahren in Kontakt mit der Polizei kam. Humanrights.ch fasst seine Geschichte wie folgt zusammen:

Als 10-Jähriger wird Brian fälschlicherweise der Brandstiftung verdächtigt, mit Handschellen wird er von zu Hause abgeführt und das erste Mal in Untersuchungshaft genommen. Als 12-Jähriger (2008) wird Brian angeblich «zu seiner eigenen Sicherheit» acht Monate lang in einem Erwachsenengefängnis inhaftiert. An seinem sechzehnten Geburtstag (2011) wird Brian in einer psychiatrischen Klinik während dreizehn Tagen ununterbrochen ans Bett fixiert, es werden ihm starke Medikamente zwangsverabreicht. Nach einem medialen Aufschrei wegen der Einrichtung eines Sondersettings (Fall «Carlos») wird der 17-jährige Brian (2013) sechs Monate lang ohne rechtliche Grundlage im Massnahmenzentrum Uitikon eingesperrt. Als 19-jähriger (2015) kommt Brian sechs Monate lang unschuldig in Untersuchungshaft, weil ihn jemand eines Messerangriffs beschuldigt. Als 21-Jähriger (2017) erfährt Brian im Gefängnis Pfäffikon eine unmenschliche Behandlung im Sinne der Definition in der Europäischen Menschenrechtskonvention.

Andererseits wird die Schule als eine Institution gezeigt, in der verrohte Schüler:innen einander quälen, ohne dass die inkompetenten Lehrpersonen auch nur das Geringste tun könnten, um das zu verhindern. Während es viele Details aus der Darstellung sicherlich so gibt (überforderte Lehrpersonen, Mobbing, Übergriffe etc.), werden sie in der Serie so zusammengesetzt und verdichtet, dass Zuschauer:innen schließen müssen, Schüler:innen seien in der Schule Mobbing komplett schutzlos ausgeliefert, während ihre Schul-Erfahrungen ein zentraler Faktor in ihrer Radikalisierung darstellt.

Eine Schülerin verprügelt einen Schüler, Screenshot Adolescence.

Den fünften Kritikpunkt, die seltsame Kameraführung, halte ich kurz: Ein künstlerisches Mittel wird eingesetzt, um eine Art hektische Unmittelbarkeit herzustellen, die uns zeigt, wie überfordert die Erwachsenen im Moment sind. Gleichzeitig wirkt das extrem künstlich, wenn etwa eine Drohne genutzt wird, um uns von A nach B zu bringen, oder wenn die Kamera Menschen nur folgt, um einen Schnitt ersetzen zu können. Das Verfahren müsste entweder konsequent auf POV setzen oder sich mit Schnitten an einer zeitlichen Vorgabe orientieren.

Aus der Serie können wir mitnehmen, dass es eine Incel- und Manosphere-Kultur gibt, in der junge Männer radikalisiert werden. Sie sprechen sehr selten offen darüber, verinnerlichen aber in komplexen, langfristigen Prozessen Gebote zur Selbstoptimierung, zur Isolation, zum Frauenhass. In einem Artikel im Cut hat Kathryn Jezer-Morton die damit verbundenen Herausforderungen für Eltern als Dilemma präsentiert:

We’ve given our children access to media technology that very few of us are capable of managing, and now they’re consuming content they are developmentally unequipped to handle. No one knows what to do. In one corner, we’ve got the idea […], that kids need more independence among their own peers, that “quality time” with adults is not what they’re missing. In the other corner, whenever we leave our kids alone, it’s far too easy for them to get sucked into toxic online vortices.

Über dieses Dilemma müssen Eltern nachdenken: Wie können sie Teenager auf eine Art begleiten, welche diese annehmen können – und ihnen dabei so viel Freiraum lassen, wie sie für ihre Entwicklung brauchen, im Wissen darum, dass sie im Internet von niederträchtigen Männern manipuliert und missbraucht werden?

Aus meiner Sicht ist Adolescence kein geeignetes Format, um über diese Zusammenhänge nachzudenken. Ryan Broderick hat im bereits erwähnten Podcast eine Theorie formuliert, die zeigt, wie Radikalisierung im Internet über eine Besetzung emotionaler Schwachstellen funktioniert. Anfällige Menschen lassen sich von Ideen im Internet anstecken, um emotionale Abgründe zu füllen. Das ist ein langsamer, aber konstanter Prozess, der sich schlecht in einem kriminahen Format zeigen lässt. Ich zitiere ein automatisch generiertes Transkript:

The Internet provides an emotional replacement that is extremely seductive and engrossing. And the pandemic being the moment when teachers started noticing more incels in schools makes sense because based on everything that we can see, the the pandemic was a moment when more people started to use the Internet. So I don’t actually think it’s a matter of this ideology spreading. I actually think it’s just like there’s a subset of people that this will be true for because of the way the Internet sort of interacts with the human brain and the human emotional system and all of that. It’s the same kind of logic behind, like, the rise in gambling online during the pandemic. And, like, there’s just a bunch of, like, weird Internet bait that the resurgence of eating disorder content on TikTok during the pandemic.

There are mimetic social diseases, and I think toxic masculinity is one of them. That’s really bleak. […] There is a lot of people out there who, when given the option to fill the void inside of them with Internet content, will, and it manifests in different ways. And if we can target that, we might be able to kill the whole thing. That’s the issue.

Als eine Art Fazit kann ich das Menschenbild, das hinter Adolescence steht, als Mittelpunkt meiner Kritik heranziehen. Die Serie stellt junge Männer genau so dar, wie das die Manosphere tut: Als isolierte Wesen, die weder mit ihrer Sexualität noch mit dem Sinn ihres Lebens klarkommen. Die von Frauen oder Vätern etwas bräuchten, was diese ihnen vorenthalten, weshalb sie sich an Figuren wie Andrew Tate wenden müssen, die ihnen destruktive Gedanken einflössen. Im New Yorker schreibt Doreen St. Félix in ihrer Kritik:

The creators of “Adolescence” think of the contemporary English boy as a breakable creature, abandoned by society. No one has taught him how to manage his incipient sexuality; no one has taught him how to cope with rejection. Interestingly, the feeling of abandonment mirrors the animating force of the nastiest parts of the American manosphere: the belief that men got left behind.

Throughout the series, Eddie laments his parenting, and questions whether he’d unwittingly abdicated his responsibilities. […] And yet this is not the “sins of the father” literary scenario of earlier centuries. Rather, this son is inheriting an earth his father does not know.

Wir müssen die Beziehungen zu diesen jungen Männern aufrecht halten. Sie müssen sich so an uns Lehrer:innen und Erwachsenen reiben können, dass sie merken, dass die Manosphere-Influencer Märchen erzählen, dass die Welt nicht so ist, wie sie sich das haben einreden lassen. Wir dürfen nicht in die verschiedenen Moral Panics verfallen, die sich hier gebildet haben, uns nicht von der Angst leiten lassen, ein 13-Jähriger würde unbemerkt ein Mädchen umbringen, weil er im Internet die falschen Nachrichten erhalten hat. Wir dürfen aber auch nicht so tun, als ob diese Radikalisierungstendenzen nicht gebe und Menschen Bedürfnisse nicht mit Internet-Manipulationen zudecken würden.

Wie der RAABE mit RAAbits Online Lehrpersonen in Abos zwingen will

Im November 2024 habe ich eine Einheit zu Woyzeck vorbereitet – ich wollte meinen Lehramtsstudierenden zeigen, welche Handreichungen es dazu für Lehrpersonen gibt. Auf RAAbits Online habe ein entsprechendes pdf Dokument gefunden. Da ich eingeladen wurde, das Angebot kostenlos zu testen, habe ich mich angemeldet.

Um mit dem File besser arbeiten zu können, habe ich es runtergeladen. Direkt nach dem Download habe ich eine Mail bekommen, die mich darüber informiert hat, dass ich nun ins kostenpflichtige Abo-Modell gewechselt habe. Sofort habe ich mich an den Kundenservice gewandt und das Abo widerrufen.

Der Kundenservice hat mir geantwortet, das sei nicht möglich, ich hätte den Widerruf aktiv ausgeschlossen, indem ich ein File runtergeladen habe:

Für mich liegt hier ein deutliches Dark Pattern vor. Ich bin kein ungeübter Internet-Nutzer und habe in dem Moment, als ich es bemerkt habe, das Abo widerrufen. Ich habe weder eine Kreditkarte hinterlegt noch eine andere Form von Zahlungsversprechen geleistet – ich habe einzig die Download-Funktion genutzt.

Seit diesem Vorfall mehrere Mails mit den Verantwortlichen ausgetauscht. Ich will die Plattform nicht nutzen, ich wollte kostenlos ein Dokument einsehen und habe es aus Bequemlichkeit runtergeladen. Ich habe seit dem November weder Dokumente eingesehen noch runtergeladen.

RAABE besteht darauf, dass ich ein Abo für ein Jahr bezahlen muss. Ich bin nicht bereit, mich so erpressen zu lassen.

Heute habe ich nun ein Schreiben von Rechtsanwalt Heiko Mampel erhalten:

Ich bin zuversichtlich, dass die Möglichkeiten zum Widerruf zumindest in der Schweiz mich vor diesen Forderungen schützen. Grundsätzlich halte ich es für skandalös, dass ein Anbieter für Unterrichtsmaterialien Lehrpersonen so abzocken will. Wer das Angebot bezahlen will, soll das können. Aber weshalb besteht ein Verlag darauf, jemanden in ein Abo zu zwingen, der das gar nicht will?

Sousveillance als Grundbegriff

Kürzlich habe ich im Kontext von Ringen, mit denen sich Partner:innen gegenseitig überwachen können, zum ersten Mal von Sousveillance gehört. Der Begriff ist schon älter, er bezeichnet einen Aufzeichnungsvorgang, der nicht von einer Autorität ausgeht, sondern von einer Privatperson.

Die aktuelle Technik, die Kameras und GPS-Tracking in viele Geräte integriert, macht Sousveillance zu einem alltäglichen Problem. Es ist enorm einfach, das Verhalten von Menschen mit Auto-Apps, Handy-Apps oder Uhren aufzuzeichnen. Mittlerweile sind auch viele Wohnungen oder Häuser mit Kameras ausgestattet, die wirksame Sousveillance erlauben. Kürzlich habe ich ihm Rahmen einer Einheit zu Femizid mit Jugendlichen darüber gesprochen, wie problematisch es ist, wenn Partner:innen sich gegenseitig überwachen (das Ergebnis der Diskussion habe ich hier zusammengefasst).

Sousveillance wird zu einer permanenten sozialen Kontrolle, die nicht nur in Beziehungen, sondern auch am Arbeitsplatz und in anderen sozialen Verhältnissen zu einer Belastung wird.

Historisch hatte Sousveillance eine positive politische Konnotation, da diese Form des Aufzeichnens zum Widerstand gegen ein Überwachungsregime genutzt werden kann (vgl. den Wikipedia-Artikel). Die Beispiele sind einleuchtend: Menschen können dokumentieren, wie sich Sicherheitspersonal oder Polizist:innen bei Eskalationen verhalten, sie können ihre Perspektive der von Überwachungskameras entgegenhalten etc. Heute scheint Sousveillance aber nicht eine Handlung zu sein, die sich gegen ein autoritäres Regime richtet, sondern eine, die in gleichberechtige Beziehungen Machtverhältnisse einführt.

Die Diskussion um Smartphone-Verbote führt in die Irre

Wir führen aktuell eine Diskussion um Smartphone-Verbote an Schulen, die aus zwei Gründen problematisch ist: Erstens ist sie Teil eines Trends, in dem Politiker:innen den Handlungsspielraum von Schulen beschränken, um unwissenschaftliche Vorstellungen zum Umgang und Lernen mit Jugendlichen durchzusetzen. Zweitens geht die Diskussion davon aus, man könne ernsthafte Probleme mit der Lernkultur an Schulen und der psychischen Gesundheit von Jugendlichen über ein Verbot lösen. Was wiederum eine unseriöse, unwissenschaftliche Sicht auf die Zusammenhänge ist.

Grundsätzlich hängen beide Probleme zusammen, indem sie von einer fehlenden Bereitschaft zeugen, Zusammenhänge zu verstehen und jungen Menschen wirksam zu helfen. An die Stellen von dem, was etwas nützen würde, tritt eine Regel, die sinnvolle Vorgehensweisen für Schulen erschwert, nur mit hohem Aufwand durchzusetzen ist und wohl mehr schadet als nützt.

Wozu soll ein Handyverbot überhaupt eingeführt werden? Was ist das, was sich Vertreter:innen konkret davon versprechen? Ich habe einige Vermutung in der Slide aufgeschrieben. Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, in Schulen lange Arbeitsphasen ohne Smartphone-Nutzung durchzuführen. Es spricht auch nichts gegen transparente Regeln, wie Kinder und Jugendliche Smartphones an Schulen nutzen dürfen. Und selbstverständlich dürfen Jugendliche Smartphones an Schulen weglegen oder sie gar nicht erst mitnehmen, wenn sie das möchten.

Gerade dieser letzte Punkt zeigt die Absurdität einiger Argumente für ein Smartphone-Verbot: Wenn es wirklich darum geht, jungen Menschen einen Gefallen zu tun, dann könnten sie entweder ihr Gerät zuhause lassen oder es in der Schule einfach irgendwo einschliessen. Ihnen das anzubieten ist kein Verbot. Alles, was über dieses Angebot hinausgeht, entspricht aber offensichtlich nicht dem Bedürfnis dieser jungen Menschen. Viele übernehmen zwar Gedanken von Erwachsenen, aber genau wie diese Erwachsenen können und wollen sie nicht aufs Smartphone verzichten. Vielleicht wäre das ein guter Ausgangspunkt für eine seriöse Diskussion: Das Eingeständnis, dass wir gerne am Smartphone sind und nicht freiwillig darauf verzichten möchten. Deswegen müssen wir kein schlechtes Gewissen haben – und kommen dann vielleicht auch nicht auf die Idee, anderen die Nutzung verbieten zu wollen.

Warum die Schule Jugendliche psychisch belastet – und nicht die Smartphones dafür verantwortlich sind

In den letzten Monaten haben wir, angestoßen durch Jonathan Haidts Buch »The Anxious Generation«, intensiv darüber diskutiert, wie Schulen durch Smartphone-Verbote Jugendlichen helfen können, sich besser zu fühlen und produktiver zu sein. Die (problematische) These von Haidt besagt, dass die Verbreitung von iPhones die primäre Ursache für die Zunahme von psychischen Problemen unter Jugendlichen sein muss.

Ich habe schon darüber geschrieben, warum Haidts Argumentation nicht haltbar ist und wo die blinden Flecken liegen. Beim Hören einer Folge des Podcasts von PJ Vogt ist mir klar geworden, dass sich das zentrale Problem einfacher formulieren lässt – und ganz fundamental mit der Schule zu tun hat. Die Folge und ein Transkript findet man hier (herzlichen Dank an Hanna, die mich auf den Podcast aufmerksam gemacht hat). Vogt geht darin der Frage nach, weshalb junge Menschen ein anderes Verhältnis zu KI-Anwendungen haben als er. Insbesondere in Bezug auf das Schreiben von Texten fragt er sich, wie er seinen Kindern und anderen Jugendlichen vermitteln kann, weshalb es wichtig ist, Texte selber zu schreiben. ChatGPT sei kein Taschenrechner, so sein zentrales Argument weil ein Taschenrechner grundsätzlich dasselbe mache wie ein Mensch, der schriftlich rechne – nur schneller. ChatGPT hingegen tue etwas fundamental anderes, sein Einsatz ist also keine Arbeitserleichterung, sondern ein Ersatz für wichtige Prozesse, die rund ums Schreiben stattfinden sollten, aber bei jungen Menschen nicht mehr so ablaufen, wie es ihnen gut tun würde.

Vogt spricht mit Forscher:innen (unter anderem geht er auf diesen exzellenten Bericht ein, der die Perspektive junger Menschen abbildet). Eine davon äußert die folgende Vermutung, welche die korrekte Sicht auf die psychische Belastung von Jugendlichen enthält:

When I look at the increases in anxiety and depression among student age kids, I see a direct correlation between the kinds of things they’re asked to do in school and those emotions and the pressure of doing those things well. And if instead they could just kind of exist and do this work in a way that’s meaningful to them that still helps them build these capacities that are gonna serve them well, I think it could be a catalyst towards increased human thriving. But this is not outsourcing this work to this technology. This is using this technology to allow ourselves to be more human.

Das eigentliche Problem, das Jugendliche «anxious» macht (leider fehlt ein gutes Deutsches Wort für diese Kombination aus Angst, Nervosität, Unrast und Unsicherheit), ist die soziale Situation, in der sie sich befinden. Diese zeichnet sich durch folgende Komponenten aus:

  1. Unsichere Zukunftsperspektive mit brüchigen Lebensentwürfen und Angst vor katastrophalen Szenarien.
  2. Aufwachsen in einer digitalen Transformation, die viele kulturelle Praktiken so schnell ändert, dass Erwachsene das nicht verstehen können und Jugendlichen kaum Hilfe beim Meistern von Herausforderungen anbieten können.
  3. Eine Prüfungskultur, die Selektion und Allokation mit massivem Druck verbindet und Jugendlichen Zukunftsentscheidungen abverlangt, bevor sie dafür bereit sind.
  4. Ein schulisches Umfeld, das langweilige Aufgaben in schwierigen sozialen Situationen anbietet, was zum Gefühl führt, wenig für die Zukunft Bedeutsames lernen zu können.
  5. Lehrpersonen, die am schulischen Lernen als einzigem Weg zu einem glücklichen Leben festhalten, obwohl weder sie noch die Schüler:innen Grund haben, daran zu glauben.
  6. Ein unbeholfener und unreflektierter Einsatz von Technologie in der Schule.
  7. Unklare und sich wandelnde Beziehungsmodelle, für die es kaum Anleitungen gibt. Jugendliche müssen in einer zunehmend technologisch verwalteten Welt ausprobieren, was für sie funktioniert.

Für Verantwortliche ist es nun extrem leicht, die Schuld auf die Technologie zu schieben. Jugendliche sind ständig am Handy, aber nicht, weil sie dumm oder süchtig sind, sondern weil das eine Form von Aufwertung langweiliger Settings darstellt, weil es ihnen hilft, Beziehungen zu knüpfen und weil sie oft überfordert sind.

Die Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit entstehen nicht aufgrund der Technologie, sondern aufgrund des Druck und der sozialen Situation, in der sie sich befinden.

Das Problem ist also, wie so oft, deutlich komplexer. Smartphones an Schulen zu verbieten fühlt sich richtig an, ist aber meist falsch. Es ist eine Symptombekämpfung, die Jugendlichen mental kaum etwas bringt, aber Erwachsenen das Gefühl gibt, etwas zu tun, obwohl sie am eigentlichen Problem nichts ändern können.

Sichtbarkeitsregime – was Elon Musk so gefährlich macht

Elon Musk und seine Anhängerschaft feiern die Zerstörung von Twitter und sein Ersatz durch X oft mit Argumenten, die mit Meinungsfreiheit zu tun haben. Musk inszeniert sich als Kämpfer gegen Zensur von Plattformen und von Staaten, obwohl er auf seinen Plattformen und durch seine Machtübernahme in den USA unliebsame Meinungen mit aller Kraft unterdrückt.

Diesen Widerspruch lässt sich begrifflich einfach auflösen: Musk übt seine Macht in einem Sichtbarkeitsregime aus. In einem Zeit-Artikel (💰) wird hat Johannes Schneider den Begriff vorgestellt:

Wie also soll man Phänomene nennen, die Zensur und Propaganda ähneln, aber sich nicht in staatlichen Institutionen, sondern in Sphären des Privaten vollziehen? Der Vorschlag hier wäre: Sichtbarkeitsregime. [Der Begriff] beschreibt nicht nur, wie autoritär strukturierte Social-Media-Präsidenten und ihre Netzwerkbetreiber den Diskurs bestimmen, indem sie ihn mit Unrat fluten. Zu etwas grundsätzlich Neuem und spezifisch Bösem wird das schließlich erst in Kombination mit technischen Möglichkeiten, andere Meinungen einfach verschwinden zu lassen. Mit konzentrierter Macht über Öffentlichkeit und dem Know-how, sie auch auszuüben, können plötzlich sehr wenige Personen darüber entscheiden, was überhaupt wahrgenommen wird. Besser – weil zugleich unauffälliger und umfassender – ließen sich Untertanen noch nie lenken.

Denn genau das ist es, was das Sichtbarkeitsregime aus Bürgern am Ende des demokratischen Zeitalters wieder macht, beziehungsweise machen kann: Untertanen. Auf einmal sind wir hoffnungslos vereinzelt, einer gemeinsamen Öffentlichkeit beraubt und damit auch der demokratischen Willensbildung. Zwar gab es sogenannte Gatekeeper, die Informationen gewichten und vorsortieren, schon immer, auch Zeitungen oder Onlinemedien gehören dazu. Doch klassische Medien konnten und können sich gegenseitig Fehler nachweisen, auch blinde Flecken. Den Plattformbetreibern wiederum kann niemand etwas nachweisen, schon gar nicht, dass sie bestimmte Meinungen mit politischem System unsichtbar machen. Dass sich dahinter nicht nur Bugs im Algorithmus verstecken: Wer vermag das sagen? Niemand kennt ihn schließlich – Betriebsgeheimnis, und im Zweifel auch betriebsintern kaum mehr zu durchschauen.

Der Begriff hat einen philosophischen Hintergrund, den man erahnen kann, wen man diese Zusammenfassung liest, die ich mit Perplexity erstellt habe. Das Fazit des KI-Textes bringt wesentliche Aspekte auf den Punkt:

Sichtbarkeitsregime operieren an der Schnittstelle von Macht, Wissen und visueller Praxis. Während Foucaults disziplinäre Logik in Überwachungstechnologien fortlebt, verlangt die digitale Ära neue Analyseinstrumente, um algorithmische Kontrolle und datengetriebene Singularisierung zu erfassen. Judith Butlers Fokus auf Anerkennung bleibt zentral, um zu verstehen, wie Marginalisierung durch Sichtbarkeitsordnungen perpetuiert wird. Zukunftsforschung muss interdisziplinär arbeiten – von der Bildungsethnografie bis zur KI-Ethik –, um die ambivalente Rolle von Sichtbarkeit in Demokratien zu entschlüsseln. Nur so lässt sich ein kritisches Bewusstsein schaffen, das Sichtbarkeit nicht nur als Kontrollmechanismus, sondern auch als Ressource für emanzipatorische Kämpfe begreift.

Musks Sichtbarkeitsregime hat in den letzten Woche eine noch nie dagewesene Potenz erhalten, da es drei Elemente kombiniert:

  1. Eine wichtige digitale Plattform (X), die Musk ohne Einschränkung kontrollieren kann, um Einfluss auf den öffentlichen Diskurs zu nehmen. (Das hat er schon getan, als er bei einer Abstimmung im Parlament eigene Beiträge allen User:innen prominent anzeigen liess und so die Abstimmung direkt beeinflusste.)
  2. Ein leistungsfähiges KI-Tool (Grok).
  3. Zugang zu sämtlichen Regierungsdaten der USA (von Steuererklärungen über Zahlungsdaten bis hin zu Polizei- und Geheimdienstakten).

Musk kann nun die Sichtbarkeit nicht nur über X steuern, sondern auch die Sichtbarkeit von Regierungsdaten beeinflussen. D.h. er kann im grossen Stil Doxing betreiben, also Informationen veröffentlichen, die nicht öffentlich sein sollten. Das ist nur ein Aspekt des Problems: Die Regierungsdaten können auch als Trainingsdaten für Musks KI verwendet werden, die wiederum über X an zahlende Kund:innen verkauft wird.

Musk nutzt die KI und den Zugang zu Regierungsdaten aktuell auch dafür, um bestimmte Institutionen und Dienstleistungen der Bundesregierung der USA einzuschränken oder abzuschaffen. Wie das geschieht, ist genauso intransparent wie die Steuerung der Algorithmen auf digitalen Plattformen.

Schneider schreibt zu den Auswirkungen des Sichtbarkeitsregimes:

Ob ich nur aufgrund eines Glitches bei Instagram plötzlich ständig MAGA- und AfD-Reels angezeigt bekomme oder ob dahinter eine bewusste Strategie steckt: Ich weiß es im Zweifel nicht. Äußere ich trotzdem den Verdacht auf Manipulation, breche ich selbst die Regeln des faktenbasierten Diskurses. Am Ende verstummen wir freiwillig, weil sich eh nichts mehr überzeugend darlegen lässt oder eine Gruppe überhaupt verlässlich unsere Erfahrung teilt.

Mit Musk betrifft das nun plötzlich auch die Regierung: Es ist unklar, ob Probleme entstehen, weil Fehler gemacht wurden – oder ob das Absicht ist. Wer sich dagegen wehren will, kann nicht nachvollziehen, was Musks DOGE-Agentur genau gemacht hat, wie sich das auf die Regierungstätigkeit auswirkt. Musk hat also das Sichtbarkeitsregime von X auf die Bundesregierung ausgeweitet.

Das macht Bürger:innen zu Untertanen. Verkauft wird das als Effizienzgewinn, als Kampf gegen Verschwendung und als Einsatz für die Meinungsfreiheit und Meritokratie – obwohl völlig intransparent ist, was mit Effizienz gemeint ist, wessen Meinungen sichtbar werden oder was als Leistung wahrgenommen wird. Niemand kann überprüfen, was Musk genau macht. Im Zweifelsfall verhält er sich wie bei den Computerspielen, bei denen er betrügt, um besser dazustehen.

Symbolisch für das Sichtbarkeitsregime sind die Faktenchecks, die als Community Notes auf Twitter erscheinen. Auch sie sind kein transparentes, demokratisches Mittel, sondern ein Herrschaftsinstrument des Sichtbarkeitsregimes, das willkürlich gewisse Aussagen relativieren und andere verstärken kann.

Wie die Bildungspolitik Fakten als Meinungen interpretiert

Am Schluss der Januar-Ausgabe des Podcasts «Die neuen 20er» findet sich ein Gedanke, der für mich ein zentrales bildungspolitisches Problem auf den Punkt bringt. Die beiden Hosts verwenden das folgende Video als Beispiel, in dem der ehemalige Fussball-Profi Mario Basler sagt, die Punkt-vor-Strich-Regel interessiere ihn nicht. In der Folge bezweifelt er, dass es die Regel früher schon gegeben habe:

Im Podcast wird die Sichtweise Baslers als politische Möglichkeit interpretiert, Fakten als Meinungen umzudeuten. Wenn sich jemand in politischen Diskussionen also auf die Realität bezieht, dann tut man in der Reaktion so, als wäre der Realitätsbezug nur eine mögliche Sichtweise, nur eine von mehreren möglichen Meinungen.

Dieses Vorgehen zeigt sich insbesondere in der Bildungspolitik. Kürzlich hatte ich ein Telefongespräch mit einem FDP-Mitglied, dem es missfiel, dass ich den Parteipräsidenten Thierry Burkart dafür kritisiert habe, dass er in einem naiven Meritokratie-Denken forderte, Schulen müssten an Noten und Prüfungen festhalten. Empirische Forschung zeigt, dass Noten diskriminieren und deshalb nicht als Ausdruck von Leistungen geeignet sind – mehr noch, ,Leistungen‘ an sich sind Konstrukte, keine Realitäten. Die Einsichten tun viele Bildungspolitiker:innen schlicht als Meinung ab, sie stellen ihnen ihr eigenes Gefühl entgegen, dass Noten funktionieren und wichtig seien. Um ihr Gefühl zu legitimieren, stellen sie fundierte, durch Forschung erhärtete Einsichten als Meinung dar.

Dasselbe passierte kürzlich in einem Interview mit einem SVP-Politiker (, der sich zum Thema Bildung äußert. Eine Frage ist symptomatisch für das Bildungsverständnis:

Mit gezielter Frühförderung würden die betroffenen Kinder bereits vor dem Eintritt in den Kindergarten Deutsch lernen. Aber da ist die SVP dagegen. Das passt nicht zusammen.

Kinder sollen in diesem Alter Kinder sein dürfen, und die Eltern sollen selbst entscheiden können. Wir möchten nicht, dass die Kinder noch früher als ohnehin schon in schulischen Strukturen funktionieren müssen.

Das ist wieder ein Beispiel für die erwähnte Struktur: Die SVP fordert, dass Kinder, deren Erstsprache nicht Deutsch ist, Deutsch lernen sollten, bevor sie die Schule besuchen. Auch hier gibt es viele Studien, die klar belegen, dass das besonders wirksam ist, wenn es im Vorschul-Alter passiert. Aber auch das wischt der Bildungspolitiker beiseite, als sei das lediglich eine Meinung, die gleichwertig sei wie seine eigene.

Bildungspolitik ist stark an Erwartungen und Erfahrungen gebunden. Viele Erwachsene stellen sich Schule so vor, wie sie war, als sie diese selber besucht haben. Aus diesem Grund sind viele Sichtweisen auf Schule nicht rational und nicht an Tatsachen orientiert, sondern an Wünschen und Emotionen. Das ist einerseits verständlich, verhindert aber letztlich eine Verbesserung von Bildungsprozessen. Für Menschen, die sich in diesem Bereich engagieren, ist das deshalb besonders frustrierend, weil belastbare Studien und realitätsbezogene Argumente keine Wirkung entfalten, sich gegen gefühlte Wahrheiten und Meinungen nicht durchsetzen können. Das Verfahren, Tatsachen als Meinungen anzusehen, ist in diesem Bereich besonders wirksam.

Leider helfen oft auch Schulversuche und Erfahrungen nicht. In der Schweiz existieren über 20 Schulsysteme nebeneinander, oft mit vergleichbaren Bevölkerungsstrukturen. Es lässt sich recht einfach erkennen, welche Massnahmen wie gut funktionieren. Dennoch nutzt fast jeder Kanton diese möglichen Vergleiche so, dass das eigene System gerechtfertigt werden kann. Bildungspolitiker:innen investieren viel Energie, um Forderungen durchzusetzen, die eine klare Verschlechterung der Bildungsqualität bewirken.

Ein Beispiel ist der Kampf gegen die Integration, den SVP und FDP widern bessern Wissens führen. Mit dem Argument, Lehrpersonen seien durch die Integration überfordert, setzen sie sich für Sonderklassen ein. Dabei ignorieren sie, dass das Problem bei der Arbeitsbelastung der Lehrpersonen und bei den Klassengrössen liegt. Sie tun so, als liesse sich durch eine neue Sortierung der Schüler:innen ein Effizienzgewinn erzielen, der Lehrpersonen entlaste. Eine imaginäre Trennung von ,schwierigen‘ und ,einfachen‘ Schüler:innen ist die Basis dieser Phantasielösung, die aus drei einfachen Gründen nichts bewirken wird: Erstens werden praktisch keine Eltern bereit sein, ihre Kinder in Sonderklassen unterrichten zu lassen und sich mit allen erdenklichen juristischen Mitteln dagegen wehren. Das ist auch nachvollziehbar, weil es zweitens keine ,schwierigen‘ Schüler:innen gibt, sondern Kinder bestimmte Verhaltensweisen unter bestimmten Umständen zeigen – sie verhalten sich dann ,schwierig‘, wenn das Lernsetting nicht zu ihren Lernbedürfnissen passt. Sie in ein anderes Setting zu versetzen, löst dieses Problem nicht. Drittens werden sich keine Lehrpersonen finden, die unter der Bedingung der Kostenneutralität ,schwierige‘ Schüler:innen unterrichten möchten, welche dieses Setting selber gar nicht wünschen.

Der einzige Faktor der mich optimistisch stimmt: Letztlich muss man nicht alle Menschen überzeugen, um eine Veränderung zu bewirken. Es reicht, wenn eine Innovation eine Minderheit überzeugt, welche diese als angesagt, wichtig und cool ansieht. Dann verbreitet sie sich von selbst.

Was wir vom TikTok-Ban über eine Diktatur lernen können

Eine Diktatur zeichnet sich dadurch aus, dass eine Regierung nicht an Gesetze gebunden ist, sondern diese nach Belieben interpretieren, verändern oder missachten kann. Dagegen gibt es immer ein gewisses Maß an Widerstand. Erfolgreiche Diktaturen können jedoch diesen Widerstand brechen, oft deshalb, weil ihre Gleichgültigkeit gegenüber dem Rechtsstaat Anklang findet.

Der TikTok-Ban ist ein Gesetz, das es Unternehmen untersagt, die TikTok-App nach dem 19. Januar zur Verfügung zu stellen, wenn ByteDance die Plattform nicht Inhaber:innen aus den USA verkauft. Der oberste Gerichtshof hat das Verbot geprüft und ist letzte Woche zum Schluss gekommen, es verletze die Grundrechte der US-Bürger:innen nicht. Im Gesetz ist zwar vorgesehen, dass der Präsident das Verbot 90 Tage lang aussetzen kann, wenn absehbar ist, dass ein Verkauf erfolgen könnte. Trump hat angekündigt, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen.

Die Frage stellt sich nun, was nach dem Ablauf der 90 Tage passiert, wenn der Verkauf nicht erfolgt ist. Wenn Trump sich über das Gesetz stellen kann, ist das ein diktatorischer Akt, der nicht rechtfertigt werden kann. Er ist an sich harmlos, Menschen leiden nicht darunter, dass TikTok nicht verboten ist. Viele wünschen sich, die App weiterhin nutzen zu können, und würden aus diesen Gründen akzeptieren, dass Trump sich so über den Rechtsstaat stellt. Das ist deshalb problematisch, weil Trump das in vielen anderen Punkten auch tun dürfte. Letztlich fehlt es an einer Möglichkeit, Gesetze durchzusetzen, wenn der Präsident sie ausser Kraft setzt.

Das ist beängstigend. Dass es Trump gelingt, das so deutlich mit den Anliegen vieler junger Bürger:innen zu koordinieren, ist ein Lehrstück darüber, wie Diktaturen an die Macht kommen: Sie tun das, was viele Menschen sich wünschen. Das Beharren auf rechtsstaatlichen Prinzipien erscheint im Moment als Willkür und Pedanterie, die diktatorischen Wege als vernünftig, pragmatisch und angebracht.

Im Rückblick fragt man sich immer, wie es bei Diktaturen so weit hat kommen können. Heute sehen wir die eine Antwort. Die andere werden wir in den nächsten Tag auch sehen, wenn bewaffnete Agent:innen Migrant:innen verhaften, einsperren und deportieren dürften. Damit erzeugt Trump Angst. Das sind die beiden Mechanismen, mit denen Diktaturen funktionieren: Scheinbar harmlose Vorteile für viele und Angst für alle, die sich dagegen wehren würden. Beide bedingen einander: Wer Angst hat, redet sich ein, das sei doch alles nur harmlos; wer von den Vorteilen profitiert, kann ausblenden, wie grausam diese Herrschaft für viele andere ist.

Frustrierend ist, wie wenig die Biden-Administration gegen die kommende Diktatur unternommen hat. Es wirkt so, als hätten viele Demokrat:innen nach Spielregeln gespielt, die Trump längst ausser Kraft gesetzt hat. Biden hätte schon nur bezüglich TikTok Trump ins Leere laufen lassen können und selber den Ban verhindern können. Er hätte Trump verurteilen und einsperren können. Er hätte den Supreme Court erweitern und ausbalancieren können. Usw. Das ist dann wohl der dritte Bestandteil: Vertreter:innen des Rechtsstaats merken zu spät, dass er ausser Kraft gesetzt wird. Und wehren sich nicht dagegen.

Vor digitalen Gefahren warnen – pädagogischer Populismus als Versuchung

Wer schon einmal einen Elternabend zu medienpädagogischen Themen durchgeführt hat, kennt das Gefühl: Sobald problematische Aspekte der Mediennutzung junger Menschen zum Thema werden, geht ein Ruck durch die Eltern. Sie hören aufmerksam zu, stellen Fragen – was Redende sagen, wirkt stärker, als wenn sie über unproblematische Zusammenhänge sprechen. So entsteht eine Versuchung: Wer intensiv über Gefahren spricht und dabei in die Rolle der Warnerin oder des Warners schlüpft, entfaltet Wirkung. Es erscheint Eltern wichtig, informiert zu sein über Gefahren, die im Netz oder auf den Bildschirmen ihrer Kinder lauern – und einer Fachperson zuzuhören, die auch Tipps geben kann, wie man diesen Gefahren begegnet.

Wo liegt das Problem? Ist doch gut, könnte man meinen, wenn Eltern «sensibilisiert» werden für das, was ihren Kindern möglicherweise passiert. Ich zeige es an einem Beispiel, das auch als Illustration für diesen Beitrag dient: Hilal, über deren Rolle auf Instagram ich bereits vor ein paar Jahren einmal geschrieben habe, warnt aktuell in ihren Reels auf Instagram vor Snapchat – z.B. hier. Snapchat, so der Titel ihres Reels, sei «die gefährlichste App für Kinder». Das begründet sie wie folgt:

  1. Das Flammen-Feature führe zu Druck, der Kinder dazu drängen würde, auch intime Bilder hochzuladen.
  2. Die Standort-Funktion werde von Pädokriminellen genutzt, um Kinder zu suchen und Übergriffe zu planen.
  3. Auf Snapchat seien Kinder problematischen Inhalten ausgesetzt.
  4. Auf Snapchat würden Kinder von Pädokriminellen (verbal) misshandelt.

Das ist alles nur dann nicht falsch, wenn man extreme Beispiele raussucht. Die gibt es und damit würden Hülya und alle, die ihr zustimmen, auch argumentieren, dass die Warnung an die Eltern deshalb berechtigt ist. Die Grundeinsicht ist aber: Wir würden nicht vor dem Schulweg, vor Skifahren oder Eislaufen warnen, indem wir die krassesten Unfälle heranziehen, die sich dabei je ereignet haben. Kinder sterben bei all diesen Aktivitäten, sie bestimmen aber den Fokus der Eltern nicht.

Die Snapchat-Nutzung von Kindern und Jugendlichen sieht im Normalfall so aus: Sie nutzen die App, um Freund:innen und losen Bekannten viele Bilder zu schicken und den Kontakt zu halten. Hauptattraktion der App ist die soziale Eingebundenheit und das Spiel mit der aktuellen Realität und den Filtern. Flammen führen zu einem leichten sozialen Druck, der aber nichts damit zu tun hat, welche Bilder hochgeladen werden: Auch leere Bilder dienen dazu, die Strekas zu erhalten. Zudem nutzen viele Jugendliche Snapchat primär zum Chatten. Auf der Snap-Map sehen sie die Kontakte, die ihnen wichtig sind; viele sind nicht mit Fremden verbunden. Die konsumierten Videos entsprechen den eigenen Interessen, sie haben mit Idolen und Hobbies zu tun, nicht mit menschlichen Abgründen.

Überwachung digitaler Geräte ist ein echtes Problem, mit dem sich junge Menschen auseinandersetzen sollten. Dabei helfen aber Eltern nicht, die sich auf unwahrscheinliche, für viele Jugendliche auch absurde Gefahren konzentrieren. Sie müssen lernen, dass sie den Standort mit niemandem teilen müssen – aber sie dürfen das auch tun, wenn sie sich dabei wohl fühlen. Sie müssen lernen, dass sozialer Druck existiert und es zur Gesundheit gehört, Strategien zu erlernen, wie man mit diesem Druck umgeht.

Diese Lernerfahrungen verhindern einseitige, zugespitzte Warnungen. Eltern werden dadurch nicht «sensibilisiert», sondern sie entwickeln Ängste und versuchen etwas zu verhindern, was sie gar nicht verhindern können: Dass Kinder populäre Apps (heimlich) nutzen. Was sie brauchen ist ein echtes Verständnis für die komplexen Zusammenhänge zwischen sozialem Umfeld, Entwicklungspsychologie und Mediennutzung.

Lehrer:innen wie Hülya tappen in die Falle des pädagogischen Populismus. Sie dramatisieren Situationen und spielen sich als Retter:innen auf, weil sie die damit verbundene Aufmerksamkeit mögen (und davon weniger erhalten, wenn sie differenziert und sachlich bleiben). Damit erzeugen sie bei Eltern ein falsches Bild der Realität, das zu einer Belastung für Kinder und Jugendliche wird. Gleichzeitig immunisieren sie sich gegen diese Kritik, indem sie betonen, wie wichtig es sei, Eltern aufzuklären – gerade weil ganz schlimme Dinge passieren würden, gegen die man nicht genug tun könne.

Fazit: Wenn Lehrpersonen einseitig warnen, Gefahren zuspitzen und Eltern auffordern, ganz gut aufzupassen – dann sollte man ihnen diesen Beitrag zeigen und sie bitten, sich zu mässigen, sich einzulesen, mit jungen Nutzer:innen von Medienangeboten zu sprechen und differenzierter darüber zu berichten. Damit wäre allen geholfen.

Erhöhung der Studiengebühren in der Schweiz – wie eine politische Kampagne verläuft

Einleitung

Eine naive Sicht auf demokratische Prozesse geht davon aus, dass Themen aufgrund von Diskussionen in der Zivilgesellschaft in die Politik gelangen, wo sie dann bearbeitet werden, damit demokratische Entscheidungen gefällt werden können. In der Realität verhält es sich so, dass jahre- oder jahrzehntelange Prozesse von Interessengruppen dazu führen, dass Themen in den Fokus der Öffentlichkeit gelangen und sich die Meinungen der Bevölkerung dazu so verändert, wie das diese Interessengruppen gerne hätten. Damit ist nichts Verschwörungstheoretisches gemeint: Das betrifft NGOs, welche die Biodiversität schützen wollen, Gewerkschaften, welche Rechte von Arbeitnehmenden gesetzlich absichern möchten, Waffenlobbyist:innen, welche einen Verfassungszusatz so uminterpretieren, dass es auch für die Nutzung von Maschinengewehren kaum Bewilligungen braucht bis hin zu Fahrradaktivist:innen, die gerne mehr Radwege in Städten hätten.

In der Schweiz gibt es eine Kampagne zu Erhöhung der Studiengebühren an Hochschulen (sie liegen heute bei knapp 1000 Franken pro Semester, mit kantonalen Schwankungen). Dieses Anliegen stiess zunächst auf breite Ablehnung, im Kanton Luzern wurde ein erster Vorstoss vor drei Jahren von einer breiten politischen Allianz zurückgewiesen. Mittlerweile hat eine Expertengruppe um Serge Gaillard im Auftrag von Bundesrätin Keller-Sutter aber eine «Stärkung der Nutzerfinanzierung der kantonalen Hochschulen» vorgeschlagen (Bericht hier), mit der das Budget des Bundes um 120 Millionen entlastet werden sollte. Konkret bedeutet das, dass eine Erhöhung der Studiengebühren auf Bundesebene beschlossen werden dürfte, um andere Ausgaben (insbesondere für die Armee) zu ermöglichen.

Im folgenden Beitrag zeichne ich nach, wie eine Kampagne innerhalb der letzten drei Jahre diese Entwicklung ermöglicht hat – und wer dafür verantwortlich ist. Primär ging es um die Idee, rückzahlbare Studiengebühren einzuführen (sogenannte «nachgelagerte Studiengebühren») – eine Idee, die sich mit verschiedenen Argumentationslinien verbinden liess. Dadurch war das Thema während drei Jahren so präsent im medialen Diskurs der Schweiz, dass heute möglicherweise die Bereitschaft vorhanden ist, einer generellen Erhöhung zuzustimmen.

Timeline

2004 hat Economiesuisse ausführlich darüber nachgedacht, Studiengebühren zu erhöhen (primär über rückzahlbare staatliche Darlehen). Der Bericht findet sich hier. Diese Forderungen haben politisch wenig bewirkt, so dass bis im Dezember 2021 das Thema rückzahlbarer Studienebühren fast nur in Bezug auf ausländische Studien in den Schweizer Medien präsent war. (Im Rahmen der «Lausanner Initiative» wurde in den 1970er-Jahren diskutiert, allen Studierenden Stipendien zu gewähren, damit sie nicht von der Unterstützung ihrer Eltern abhängig wären. Diese Stipendien wären auch teilweise rückzahlbar gewesen. Die Idee, Auslagen nachträglich einzufordern, ist also selbstverständlich älter, sie wird bei Stipendien, Sozialhilfe und Ergänzungsleistungen in der Schweiz )

Der Auftakt zur Diskussion erfolgt im Dezember 2021 mit einem durch die Bonny Stiftung finanzierten Gastbeitrag in der NZZ (💰). Verfasst haben ihn der Bildungsökonom Stefan Wolter (FDP-Mitglied) und die Arbeitsökonomin Conny Wunsch. Den Vorschlag formulieren sie wie folgt:

Die Idee: Wer eine Tertiärausbildung absolviert, aber dann lediglich Teilzeit oder überhaupt nicht arbeitet, soll die vom Staat finanzierten Bildungskosten zurückzahlen müssen. […]
Ich kann Ihnen ein Beispiel geben. Eine tertiäre Ausbildung kostet 100’000 Franken – und diese Kosten sollen über die Mehrsteuern kompensiert werden. Als Vergleich dient eine Person ohne tertiäre Bildung, die jährlich 5000 Franken Einkommensteuern zahlt. Der Akademiker müsste bei einer Abzahlungsfrist von beispielsweise 25 Jahren also jährlich 4000 Franken mehr Einkommensteuern zahlen, damit er nicht auf Kosten der Nichtakademiker studiert hat. Zahlt er das oder mehr, spürt er nichts von der Steuer. Zahlt er in einem Jahr aber nur 7000 Franken, müssten 2000 Franken nachgezahlt werden. Das ist die nachgelagerte Studiengebühr.
Wolter/Wunsch, 2021

Die NZZ-Beilage, die den Beitrag enthält, basiert auf einer «Ideenwerkstatt», an der die NZZ, das IWP sowie die Bonnie Stiftung beteiligt waren. Der Think Tank, bestehend aus Beat Brechbühl (Bonny Stiftung), Altbundesrat Kaspar Villiger, Peter A. Fischer (NZZ) und Christoph Schaltegger (IWP) initiiert diese Kampagne und zeigt gleichzeitig, wie Interessensgruppen, Medien, Politik (insbesondere die FDP) und Wissenschaft dabei kurzgeschaltet werden.

Im Februar 2022 greift Gaudenz Zemp (FDP), der Direktor des Gewerbeverbands des Kantons Luzern, die Idee auf. Er bringt ein Postulat in den Luzerner Kantonsrat, das wenig Unterstützung erhält. In einem Portrait in der NZZ (💰) schreibt Erich Aschwanden:

Eigentlich ist es erstaunlich, dass die Idee der nachgelagerten Studiengebühren noch nicht von einer Politikerin oder einem Politiker auf dem nationalen Parkett aufgenommen wurde.
Aschwanden, 2022

Die nächste Diskursschleife wird von Andrea Franc eingeleitet. Die Historikerin hatte für Economiesuisse gearbeitet. Sie nimmt eine Argumentationslinie auf, die sich schon bei Wolter/Wunsch findet: Studierende würden von Ausgaben profitieren, die «Arbeiter:innen» tätigen würden. Franc spitzt dieses Argument so zu, dass es besonders Geisteswissenschaftler:innen trifft, die ihren Schilderungen gemäss im Studium wenig leisten würden. Franc schreibt bereits 2021 im Schweizer Monat und in der NZZ am Sonntag (💰) über das Thema. Breit rezipiert werden ihre Thesen aber erst nach einem Interview, das Katharina Fontana und Christina Neuhaus für die NZZ führen (💰). Franc verbindet darin verschiedene Argumentationslinien, insbesondere geht sie nicht nur auf Umverteilung ein, sondern spricht auch die Altersvorsorge an und stellt in den Raum, dass in der Schweiz zu viele Geisteswissenschaftler:innen ausgebildet würden:

Der Sozialstaat ermuntert gut ausgebildete Leute geradezu, wenig zu arbeiten. Wer als 38-jähriger Romanist mit Teilzeitpensum in einer Stadt wie Zürich wohnt, profitiert von ermässigten Kita-Tarifen, vielleicht erhält er noch eine städtische Wohnung, und die Krankenkassenprämien werden verbilligt. Für den Einzelnen mag dieses Modell stimmen. Doch was passiert, wenn die Heerscharen von Geistes- und Sozialwissenschaftern dereinst pensioniert werden? Viele werden keine genügende Altersvorsorge haben, das Erbe ist vielleicht schon aufgebraucht, sie werden Ergänzungsleistungen benötigen.
Andrea Franc, Interview 2022

Wolter und Franc postulieren beide, Akademiker:innen, welche die falschen Fächer studierten und zu wenig arbeiteten, würden den «Gesellschaftsvertrag» verletzen. Sie suggerieren damit, dass ein Hochschulstudium nur Menschen zustünde, die über Steuern für den Staat Einnahmen generieren.

In einem NZZ-Kommentar (💰) verstärkt der mittlerweile zu Avenir Suisse gewechselte Christoph Eisenring dieses Nutzen-Argument: Das Studium der Geisteswissenschaften «lohne sich» für die Gesellschaft nicht, insbesondere deshalb, weil zu viele Akademiker:innen aus diesen Fächern nur Teilzeit-Tätigkeiten nachgingen.

Der Beitrag von Franc löst eine Kritik-Welle aus, die sich insbesondere auch darüber empört, wie Franc das Verhalten von Studierenden beschreibt. Ihre Positionierung enthält alle Elemente, um die Diskussion in den Boulevard zu tragen, was auch passiert.

2023 gelangt das Thema der Studiengebühren mehrmals in die Medien. Ein Ausgangspunkt war die Debatte über Teilzeitarbeit, die auch in der NZZ breit geführt wurde. Exemplarisch kann der Kommentar von Katharina Fontana (💰) zitiert werden, in dem sie in der Schweiz eine «Dolce-Vita-Gesellschaft» sieht.

Im März 2023 publiziert Avenir Suisse eine «Studie» (pdf), in der nachgelagerte Studiengebühren gefordert werden. Florence Mauli, Marco Salvi und Patrick Schnell greifen in der Einleitung den «Gesellschaftsvertrag» auf und sprechen von der «fiskalischen Rendite» des Hochschulstudiums, die nicht mehr gegeben sei, wenn Akademiker:innen weniger als 70% arbeiten würden. Sie suggerieren damit wie Wolter und Franc, es gebe eine Art Verpflichtung von Studierenden, ihr Studium über Steuern zurückzuzahlen. Diese wollen sie über nachgelagerte Studiengebühren im Gesetz verankern und Akademiker:innen einkommensabhängig dazu verpflichten, die Kosten für ihr Studium nachträglich abzubezahlen.

Florence Mauli äusserte sich im Anschluss an diese Studie mehrmals als Vertreterin von Avenir Suisse gegen eine zusätzliche Akademisierung der Schweiz, sie setzte sich insbesondere gegen ein Master-Studium für Lehrpersonen und gegen eine Erhöhung der Gymnasialquote ein. Damit verband sie die Forderung nach erhöhten Studiengebühren mit einer Beschränkung der Akademisierungsquote und eine Stärkung der Berufsbildung.

Einen weiteren Vorstoss lanciert der Schweizerische Arbeitgeberverband, der einen 8-Punkte-Plan gegen den Fachkräftemangel publiziert (pdf). Darin betont der SAV die Bedeutung der Berufslehre und spielt, wie schon Wolter und Franc, Nicht-Akademiker:innen und Akademiker:innen gegeneinander aus. Zu viel Teilzeitarbeit, zu lange Studiendauer und falsche Studienwahl führten dazu, dass Menschen, die selber nicht studiert haben, das Studium anderer finanzieren müssten. Dagegen schlägt der SAV folgende Lösung vor:

Akademikerinnen und Akademiker sollen ihre Studienkosten amortisieren müssen. Mögliche Modelle wären exponentiell steigende Studiengebühren zum Beispiel nach zehn Semestern, nachgelagerte Studiengebühren oder
Darlehenssysteme. Mit solchen Instrumenten kann erreicht werden, dass vermehrt Studienrichtungen eingeschlagen werden, die im Arbeitsmarkt gefragt sind und die Gesellschaft nicht für unnötige Bildungskosten aufkommen muss.
8-Punkte-Plan SAV, April 2023

Der Plan wird in verschiedenen Medien vorgestellt, in der NZZ publiziert aber Christin Severin einen kritischen Kommentar (💰) dazu, in dem Fehlüberlegungen in der Kritik an Teilzeitarbeit Raum erhalten.

Im September 2023 schlägt der SVP-Franktionschef Thomas Aeschi in einem Tages-Anzeiger-Interview (💰) vor, die Studiengebühren generell zu erhöhen – um dann Akademiker:innen mit hohen Steuerbeiträgen die Kosten später teilweise zurückzuerstatten. Das Interview ist insofern bemerkenswert, als dass Aeschi die Forderung einerseits mit der Frage ausländischer Arbeitskräfte verbindet, andererseits auch eine Abschaffung des Numerus Clausus für Studiengänge im Bereich Medizin fordert. Wie sich zeigen wird, sind heute beide Vorschläge mehrheitsfähig und dürften zu einer Reform der Hochschullandschaft führen. Die Ökonomin Monika Bütler hat Aeschis Vorschläge (ebenfalls im Tages-Anzeiger, 💰) diskutiert und die Idee aufgebracht, dass die Studienjahre nicht an die AHV-Beitragsjahre angerechnet werden sollten, was dazu führen würde, dass Akademiker:innen erst später in Rente gehen könnten.

Im Januar 2024 äussern sich zwei Mediziner in der NZZ (💰) spezifisch zur Frage, wie sich die Kosten des Medizinstudiums rechtfertigen liesse, zumal auch Ärzt:innen zuweilen Teilzeittätigkeiten ausüben würden.

Danach verschiebt sich jedoch der Fokus auf Verhandlungen mit der EU und die Studiengebühren für Ausländer:innen. Der ETH-Rat diskutiert im März eine Verdreifachung der Studiengebühren, die letztlich aber abgelehnt wird. In mehreren Medienberichten wird die Frage diskutiert, ob es an Schweizer Hochschulen zu viele ausländische Studierende gebe. In der NZZ (💰) schreibt Hansueli Schöchli im Mai 2024: «Das Studium an den staatlichen Hochschulen ist fast sündhaft billig.» Zur gleichen Zeit hält Rico Bandle in der Sonntagszeitung (💰) fest: «Die ETH ist 40-mal billiger als andere Top-Unis.» Der internationale Vergleich von Hochschulen wird zum Standardargument, so dass es aus zwei Gründen einleuchtet, die Studiengebühren für Ausländer:innen zu erhöhen: Aus einer Anpassung an Markt einerseits, zur Beschränkung der Studierenden andererseits. Im November 2024 nimmt die EU die Gleichbehandlung von EU-Studierenden als Thema in die Rahmenverhandlungen mit der Schweiz auf, so dass eine einseitige Erhöhung für ausländische Studierende zumindest für EU-Staatsbürger:innen nicht mehr möglich erscheint.

Vor diesem Hintergrund erscheint es nun politisch denkbar, eine generelle Erhöhung voranzutreiben, wie im Gaillard-Bericht als «Stärkung der Nutzerfinanzierung der kantonalen Hochschulen» vorgeschlagen wird.

Die Rolle der Medien

Im Januar 2025 schreibt Christina Neuhaus für die NZZ eine Titelgeschichte (💰). Der Titel:

Kunstgeschichte studieren, weniger arbeiten, früher in Rente: Die Schweizer sind zu Konsumenten des Staats geworden
Neuhaus 2025

Diese Geschichte markiert vorerst den Abschluss einer Kampagne, welche die politische Haltung zu Studiengebühren in der Schweiz massiv verändert hat. Blickt man in die Publikationen, so sieht man Artikel im Schweizer Monat, im Nebelspalter, in der Weltwoche, in der NZZ und in der Sonntagszeitung, in welchen das Thema immer und immer wieder aufgegriffen worden ist. Exponent:innen wie Wolter und Franc wurden in diesen Publikationen immer wieder als Gewährsleute präsentiert, welche Glaubwürdig für eine Einschränkung der Bildungsrechte der Schweizer Bevölkerung benutzt werden. Hinter den Aussagen von Neuhaus steht grundsätzlich die Haltung, dass die freie Studienwahl nicht zu optimalen Ergebnissen führt, dass der ‚Markt‘ nicht genügend reguliert, wer was studiert. Die politisch damit verbundene Forderung ist eine stärkere Lenkung – über Gebühren.

Die Idee der Kampagne

Grundsätzlich hatte die Kampagne die Funktion, ein Studium als eine staatliche Investition zu framen. Die Ausgaben des Staates müssen sich, so die verbreitete Leitvorstellung, fiskalisch lohnen, indem Akademiker:innen mehr Steuern bezahlen als ihr Studium kostet. (Ausgaben für ein Studium können auch über ein Recht auf Bildung begründet werden, mit dem auch andere Bildungsausgaben rechtfertigt werden.)

Die zentrale Figur hinter der Kampagne ist Christoph Schaltegger. Er war in der Expertengruppe, welche die Beilage lanciert hat, in der das erste Studiengebühren-Interview mit Wolter publiziert wurde – und er ist Mitglied der Gaillard-Expertengruppe, welche eine Erhöhung der Studiengebühren über eine Reduktion der Bundesbeiträge empfohlen hat.

Die Kampagne zeigt, dass es letztlich nicht primär um Argumente geht. Fachkräftemangel, Teilzeitarbeit, Berufsbildung, ausländische Studierende, Langzeitstudierende, Umverteilung etc. sind alles Möglichkeiten, um staatliche Leistungen abzubauen und Gebühren für Studierende zu erhöhen. In der Schweiz wurde das so lange versucht, bis eine der Argumentationslinien – mit Hilfe der EU – verfangen hat. Entscheidend war wohl letztlich, dass nachgelagerte Studiengebühren in der SVP nie eine breite Unterstützung genossen hatten, während das über die xenophobe Benachteiligung ausländischer Studierender gelang.

Vorgehen

Ich habe für diesen Beitrag mit Swissdox recherchiert und die Texte dann in einem NotebookLK bearbeitet, um Timelines und Zusammenhänge herauszuarbeiten.