Portfolioarbeit im postdigitalen Deutschunterricht – das Beispiel Literaturgeschichte

Mein Deutschunterricht ist in dem Sinne postdigital, als dass alle Unterrichtsmaterialen sowohl digital als auch nicht-digital genutzt werden können. Schüler*innen können Notizen und Lernprodukte anlegen und abgeben, wie sie wollen. Wir drucken aus und scannen ein, wenn das nötig ist. Die Materialien, Einsichten, Tafelbilder und Arbeitsaufträge halte ich mit einer Mischung aus Teams und Craft zusammen.

Bei einem externen Feedback wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass ich in diesem Setting recht viel Zeit damit verbringe, Notizen anzulegen. Schüler*innen sind dann teilweise passiv, weil sie davon ausgehen (können), dass ich das Wichtigste dokumentiere. Diese Einsicht kam zusammen mit einer Auseinandersetzung mit Literaturgeschichte, die mir zeigte, dass die Auswahl von Texten oft von Lehrpersonen gesteuert wird und so ein Straßenlampen-Effekt eintritt.

Die Lösung für dieses Problem sah ich in Portfolio-Arbeit. Meine ganze Arbeit an Literaturgeschichte fokussiert im Moment darauf, dass die Schüler*innen in der zentralen Unterrichtsphase ein Portfolio anlegen, in dem sie ihre Auseinandersetzung mit einer Epoche oder Fragestellung dokumentieren. Ein Portfolio ist eine digitale oder nicht-digitale Sammlung von Dokumenten, welche die Schüler*innen bearbeiten, sammeln und ablegen.

Die Präsentation der Ergebnisse aus der Portfolio-Arbeit dient dann dazu, die gemeinsam erarbeiteten literaturgeschichtlichen Einsichten zu vertiefen und zu erweitern.

Das didaktische Setting habe ich in der entsprechenden Ausarbeitung wie folgt beschrieben:

  1. Ein bestimmter Zeitraum wird abgegrenzt und benannt. Die Abgrenzung und Benennung wird mit den Schüler*innen diskutiert. 
  2. Gemeinsam erarbeitet die Klasse ein Verständnis eines authentischen Mediums, eines wichtigen kulturellen Konzepts und eines zentralen literarischen Textes aus dieser Zeit. Dabei werden Fachbegriffe eingeführt.
  3. Individuell lesen die Schüler*innen unterschiedliche Texte aus der Epoche. 
  4. Sie führen dazu ein Portfolio und bearbeiten literaturgeschichtliche Fragestellungen bei der Lektüre der Texte. 
  5. Erkenntnisse, Thesen und Fragen stellen sich die Schüler*innen gegenseitig vor. Sie können so die Vielfalt literaturgeschichtlicher Prozesse wahrnehmen und im Unterricht sichtbar machen. 

Meine Literaturgeschichts-Seite zeigt an zwei Epochen, wie dieses Setting genau funktioniert.

Da ich ohne Prüfungen arbeite, benote ich die Portfolio-Arbeiten. Sie stellen eine sinnvolle Form von Projektarbeit dar, da sie nicht mit einem Schlussspurt und einem riesigen Zusatzaufwand außerhalb des Unterrichts verbunden ist.

Qualitätskriterien

Aktuell erprobe ich das Verfahren noch, sehe aber folgende Herausforderungen:

  • Die Schüler*innen müssen sich aktivieren und motivieren können, in den jeweiligen Arbeitsphasen zur Literaturgeschichte zu arbeiten (das ist nicht immer der Fall, da die Prüfungskultur die Schüler*innen so unter Druck setzt, dass sie in ‚lockeren‘ Deutschlektionen entweder nichts machen oder für die nächste Prüfung »lernen«…)
  • Die Schüler*innen sollten vertieft in eine Fragestellung eintauchen können – die Arbeit in unterschiedlichen Phasen und die Sammlung von Dokumenten verleitet sie zuweilen, an der Oberfläche zu bleiben. Sie lesen dann jede Stunde ein Gedicht und markieren es farbig – trauen sich aber nicht zu, eine längere Erzählung oder einen Roman zu lesen.
  • Ich bin verleitet, aktiv zu werden und den Schüler*innen immer wieder Inputs zu geben – was der Methode widerspricht. Mittlerweile bringe ich einfach möglichst viel Material (Bilder, Texte, Lehrbücher) mit, damit eine produktive Arbeit möglich wird.

Weitere Ideen zu Portfolios im Deutschunterricht findet ihr hier und hier.

1 Kommentar

  1. Daniel Jäggli sagt:

    Vielen Dank für das Teilen der craft-Datei (inhaltlich, aber für mich v. a. gestalterisch, vom Layout her)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.