Prüfungskultur an Hochschulen

Was folgt, ist ein Rant – das heißt ein etwas emotionalerer Text, weil mich das Thema nervt. Ausgangslage ist folgende: Traditionelle Prüfungen an Schulen und insbesondere Gymnasien werden oft damit legitimiert, dass sie eine zentrale Vorbereitung für ein Studium darstellen. Wer erfolgreich studieren will, muss traditionelle Prüfungen absolvieren können – und damit meine ich: alle Mitglieder einer Lerngruppe werden eingeschlossen und lösen isoliert und mit sehr wenigen Hilfsmitteln Aufgaben, die nach einer vorgegebenen Musterlösung bepunktet werden. Das Bestehen der Prüfungen ist meist Bedingung für eine Weiterführung des Studiums.

Diese Prüfungssituation an Hochschulen wird als gegeben und unveränderlich angeschaut, obwohl sie hochproblematisch, eigentlich skandalös ist. Sie führt zu massiven mentalen Problemen. Studierende leiden unter der Prüfungsvorbereitung, brechen deswegen das Studium ab, nehmen Drogen und Aufputschmittel, um Prüfungen bestehen zu können. Diese entkoppeln die Lernkultur in Seminaren, wo kooperativ und poly-perspektivisch gelernt wird, von der Prüfungskultur – was dazu führt, dass die Lernkultur leidet und Studierende sich bei Gruppenarbeiten und Präsentationen ausklinken, weil sie wissen, dass solche Methoden für Prüfungssessionen wertlos sind. Prüfungen werden ohne jedes Feedback und oft Wochen nach dem Prüfungstermin zurückgegeben, Hochschulen unternehmen nicht einmal den Versuch, Prüfungen in den Lernprozess zu integrieren. Mehr noch: Wie César Hidalgo kürzlich dargelegt hat, hindern Prüfungen Studierende daran, wesentliche Kompetenzen zu erwerben, sie machen sie abhängig von Vorgaben und Dozierenden und verhindern, dass sie Verantwortung für ihre Entwicklung und für Projekte übernehmen können.

Hochschulen müssen ihre Prüfungskultur so schnell wie möglich radikal überdenken. Sie ist überholt und schädlich. Studierende brauchen mehr Feedback und weniger Abhängigkeit.

Wenn sich nun Schulen daran orientieren und sich bemühen, Schüler*innen auf diese sinnlose Prüfungskultur vorzubereiten, dann ist das aus einer Perspektive verständlich: Die Prüfungskultur ist eine Realität. Sie ist falsch, aber es gibt sie. So entsteht dann ein Dilemma, das ich nicht weiter ausführen muss. Es verschwindet erst, wenn die Prüfungsessionen an Unis verschwinden.

Nur: Im Leben und der Welt gibt es vieles, was real, aber falsch ist. Eine gute Schule orientiert sich nicht am Falschen, sie baut das Falsche nicht systematisch ein, sondern stärkt Menschen, unterstützt sie bei ihrer Entwicklung.

Wenn also ehemalige Schüler*innen von ihren Prüfungserlebnissen an Hochschulen berichten, dann müssen Lehrpersonen lernen, selbstbewusster und kritischer aufzutreten. Prüfungen an Universitäten sind nicht selbstverständlich, sie sind nicht unveränderbar. Ein erfolgreiches Studium zeigt sich nicht in Prüfungsergebnissen. Hier braucht es Widerstand und die Bereitschaft, Hochschulen zu entwickeln.

Ein letzter Punkt: Feedback und Betreuung skalieren nicht – sie sind arbeitsintensiv. Hochschulen müssen sparen und verteilen viel Arbeit auf wenigen Schultern (von denen zu viele in prekären Arbeitsverhältnissen stehen). Prüfungen durchzuführen ist dann eine Notlösung, die man nicht einzelnen Personen vorwerfen darf – sondern dem System. Alles steht und fällt mit Betreuungsverhältnissen. Gute Unis ermöglichen Studierenden, im direkten Austausch miteinander und mit Dozierenden zu lernen. Schlechte Unis zwingen Studierende zu Prüfungssessionen ohne Feedback.

Ein Bild der Vergangenheit: 900 Studierende der Universität Zürich legen ihre Prüfung vor Ort ab.
Prüfungssession an der Uni Zürich, Bildquelle

6 Kommentare

  1. lukas sagt:

    Mir scheint hier wird fälschlicher Weise ein gröberer Dualismus konstriert: Prüfungen an Unis sind schlecht, Förderung und Feedback ist gut. Und es gebe an den Unis nur das eine oder das andere.
    Darüber hinaus ist dieser Rant wohl emotional aufgeladen, differenziert ist er nicht. Gelten diese Überlegungen als mögliche Entwicklungsperspektive für alle Studienrichtungen? Wie sind die Überlegungen einzubetten in eine (interessensbedingte) Selektionsfunktion an den Unis? Wollen wir geförderte oder wissentlich die qualifiziertesten Ärzte an uns rumtocktern lassen?

  2. Kurt Wiedemeier sagt:

    Danke Philippe. Jetzt gehst du deine Frage von der in meinen Augen entscheidenden Perspektive an. Wenn wir an der Prüfungskultur etwas ändern wollen (und dafür gibt es eine Reihe nachvollziehbarer Gründe), dann hat das nur Aussicht auf Erfolg, wenn die tertiäre Bildung von Anfang an auch in die neu zu entwickelnde Kultur einbezogen ist und sich auch entsprechend engagiert. Das Gegenteil ist leider bis heute der Fall: ich erinnere mich noch gut an die absurde Situation einer Didaktikvorlesung: in zwei Doppelstunden zu den Sozialformen des Unterrichtes hat uns der Professor ex cathedra im reinsten Frontalunterricht überzeugen wollen, dass Gruppenarbeiten viel besser seien als ein Monolog der Lehrperson. Das war 1976. Vieles hat sich in den letzten 46 Jahren an den Schulen verändert. Die Didaktik und Lehre an den tertiären Bildungsinstitutionen hält aber erratisch an ihrer Tradition fest. Eine neue Prüfungskultur wird sich nur entwickeln lassen, wenn die Bereitschaft zum Überdenken der Lehrkultur auch auf tertiärer Stufe Raum gewinnt.

    1. Danke. Genau dieselbe didaktische Situation habe ich im Lehramtsstudium erlebt – und mich auch darüber gewundert… 

  3. Danke Philippe Wampfler für das Plädoyer. Als ETH-Absolventin war ich lange stolz darauf, ein Diplom zu besitzen, bei welchem so viele Studierenden durchfielen. Mittlerweile bin ich allerdings entsetzt, wie absurd dieses System ist: Kein Land kann sich leisten, die motiviertesten Leute im Studium sich selber zu überlassen – das verringert die Outputqualität. Mit individualisiertem Feedback wird effizienter und effektiver gelernt, und von der höheren Kompetenz würde der Wirtschaftsstandort Schweiz massiv profitieren.

  4. natalevy sagt:

    Danke für den Beitrag! Das wäre doch ein toller Impuls für das Prüfungskultur Barcamp am 5.2., ich würde gerne meine Kollegen:innen vom Lehrstuhl zur Diskission einladen!

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