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Automatisierte Texterstellung – drei Beispiele und eine Einschätzung

Gestern konnte ich an einem Netzwerktreffen von Dozierenden teilnehmen, die an den Schweizer Fachhochschulen Schreibmodule anbieten. Ein Thema war der Einsatz von Tools, die Texte automatisch generieren – was letztlich bedeutet, dass Menschen in bestimmten Berufen keine Texte mehr selbst schreiben müssen. Ich erwähne drei Beispiele und nehme dann eine kurze Einschätzung vor. 

(1) Abklärungsinstrument zum Kindesschutz

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Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter erstellen Berichte, mit denen sie Maßnahmen beantragen können, um etwa Kinder durch eine behördliche Intervention schützen zu lassen. Für diese Berichte im Bereich des Kindessschutzes haben Teams der Hochschulen Luzern und Bern ein automatisiertes Abklärungsinstrument entwickelt.

Auf dem Screenshot ist ersichtlich, wie das Tool funktioniert: Es geht von der gesetzlichen bzw. juristischen Logik aus, die Kriterien vorgibt, welche geprüft werden müssen. Die Antragsstellenden klicken nun die zutreffenden Felder an und geben in die leeren Felder fallspezifische Begründungen ein, wenn das nötig ist.

Daraus generiert das Tool dann – Knopf oben recht – einen Abklärungsbericht: Einen ausformulierten Text, der den juristischen Anforderungen genügt. Damit ist sicher gestellt, dass die Berichte keine Formfehler aufweisen oder unvollständig sind – ganz ähnlich wie das kantonale Tools bei Steuererklärungen machen. Die Verantwortlichen können den fertigen Text dann noch mal überarbeiten und einreichen.

(2) Automatisierte Arbeitszeugnisse

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Firmen wie Aconso bieten Software an, die aus wenigen Klicks von Vorgesetzten ausformulierte Arbeitszeugnisse generieren. Dabei sind alle Datenbanken eines Unternehmens angeschlossen und die resultierenden Texte genügen wie im Beispiel (1) den juristischen Anforderungen.

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Interessanterweise können diese Tools auch umgekehrt verwendet werden, wie die Darstellung der Scanning-Funktion zeigt, welche Aconso ebenfalls im Portfolio hat. Mit dieser lassen sich also aus Arbeitszeugnisse wieder die entsprechenden Daten erzeugen, welche die Grundlage für das Arbeitszeugnis waren.

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(3) Wissenschaftliche Arbeiten

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In Zusammenarbeit mit Otto Kruse hat die ZHAW den Thesis Writer entwickelt: Ein Tool, das Studierenden erlaubt, mit digitaler Unterstützung wissenschaftliche Arbeiten zu schreiben. Während in einer ersten Version primär Vorschläge aus dem Tool übernommen werden können, die gut zu den einzelnen Teilen des Textes passen würden, ist offenbar angedacht, dass einzelne Textpassagen auch automatisch generiert werden könnten.

(4) Einschätzung

Das Beispiel des Arbeitszeugnisses wie auch des juristischen Berichts oder Antrags zeigt: Ausformulierte Texte scheinen nur noch ein Relikt zu sein, das Maschinen generieren, um Menschen den Eindruck zu vermitteln, sie seien als Lesende gemeint. (Zumindest, wenn es klare Strukturen und Kategorien gibt, von denen die Texte abhängen.)
Längst lesen Maschinen Texte und schrieben sie auch. Das macht ihnen nicht einmal Mühe – sie verwerten und generieren aber Daten, die dann als Nebenprodukt zu Texten führen.

Solche Texte müssen Menschen nicht mehr schreiben (und bald auch nicht mehr lesen). Das gibt ihnen Raum für die relevanten Fragen – wer einen Antrag auf Kindesschutz liest, kann mithilfe einer maschinellen Auswertung schnell die kritischen Aspekte identifizieren und sich darauf konzentrieren, statt lange Berichte zu studieren oder zu schreiben.

Dasselbe gilt auch für wissenschaftliche Texte. Werden sie nur geschrieben, um die Reputation (verstanden als numerischer Wert) zu erhöhen, die wiederum davon abhängt, wie wie oft ein Text zitiert worden ist – dann ist das im besten Falle Scheinwissenschaft, im schlechteren Nonsens. Die Forderung, die Zahl wissenschaftlicher Publikationen zu reduzieren, ist deshalb sehr verbreitet.

Der Fokus des menschlichen Schreibens sollten Texte sein, die für Menschen geschrieben sind. Was das genau heißt, wird zu bestimmen sein. Es zeichnet sich ab, dass etwa echte Empfehlungsschreiben neben Arbeitszeugnissen an Wert gewinnen könnten, wenn sie denn überhaupt die erste maschinelle Phase eines Anstellungsverfahrens überstehen.

Aber die Idee, dass fast alle Menschen in Dienstleistungsberufen schrieben müssen, wird wohl bald obsolet. Aus sauber erfassten Daten können Maschinen je nach Kontext unterschiedliche Präsentationsformen generieren, für die es keine Texte im traditionellen Sinne mehr braucht.

***

Vilém Flusser hat sich schon 1987 mit der Frage auseinandergesetzt, ob Schreiben eine Zukunft habe. In seinem Buch »Die Schrift« ist diese Frage der Untertitel. Flusser konstatiert darin:

Es gibt mittlerweile Codes , die besser als die Schriftzeichen Informationen übermitteln. Was bisher geschrieben wurde kann besser auf Tonbänder, Schallplatten, Filme, Videobänder, Bildplatten oder Disketten übertragen werden.  Und vieles was bislang nicht geschrieben werden konnte, ist in diesen neuen Codes notierbar.  Die derart codierten Informationen sind bequemer zu erzeugen, zu übertragen, zu empfangen und zu speichern, als geschriebene Texte. Künftig wird mit Hilfe der neuen Codes besser korrespondiert, Wissenschaft geschrieben, politisiert, gedichtet und philosophiert werden können als im Alphabet. (S. 187)

In der Einleitung auf die Errungenschaften der Schrift für die Menschheit:

Die Schrift, dieses zeilenförmige Aneinanderreihen von Zeichen, macht überhaupt erst das Geschichtsbewußtsein möglich. Erst wenn man Zeilen schreibt, kann man logisch denken, kalkulieren, kritisieren, Wissenschaft treiben, philosophieren – und entsprechend handeln. Vorher dreht man sich in Kreisen. Und je länger man Zeilen schreibt, desto historischer kann man denken und handeln. Die Geste des Schreibens ruft das historische Bewußtsein zutage, welches sich durch immer weiteres Schreiben verstärkt und vertieft und das Schreiben seinerseits immer stärker und dichter werden läßt. Dieses Feedback zwischen dem Schreibenden und dem historischen Bewußtsein verleiht dem Bewußtsein jene sich immer steigernde Spannung, die ihm erlaubt, immer weiter voranzustoßen. Das ist die Dynamik der Geschichte. (S. 11)

Lesen, Schreiben, Denken – dieser Zusammenhang wird sich für Menschen so schnell nicht ändern. Wer schreibt, kann sich selbst und die Welt um einen herum durchdringen. Auch und gerade wenn Schreiben unpraktisch wird.

4 Comments

  1. Giorgio Macaluso

    Ich finde das Spannend was du schreibst. Oder war das schon eine Maschine? Ich möchte das ausprobieren, hast du eine Idee wo das es möglich ist?

  2. ruthwiederkehr

    Danke für den Post, Philippe. Hier ein Gedanke zum Textbegriff: Kürzlich sprach ich mit einer Bekannten, die nach ihrer Pensionierung ein Geschichtsstudium abgeschlossen hat und inzwischen Grundlagenforschung im Bereich Wirtschaftsgeschichte betreibt. Sie war in ihrem Berufsleben Mathematikerin und studierte später noch Betriebswirtschaft. Sie sagte: „Dass erst durch das Schreiben der Gedanken verfertigt wird, ist mir erst in diesem dritten Arbeitsleben bewusst geworden.“ Im naturwissenschaftlich-technischen Umfeld sei diese für sie nie so zentral gewesen. Gedanken habe sie in dieser Weise visualisiert, in andere komplexe Formen gebracht (Pläne, Formeln).

  3. Es fehlt mir hier die Differenzierung von Textsorten. Texte die lediglich Fakten transportieren, und Texte, die Gedanken und Ideen, Einschätzungen und Positionen beinhalten. Bei der letzteren Textsorte ist der grösste Teil des Textes subjektiv, der Autor ist also inhärent. Wenn meine Kaffeemaschine – wie heute morgen – reklamiert, ich solle Bohnen nachfüllen, ist das nicht zu vergleichen mit diesem Kommentar hier.

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