Wie es sich anfühlt, bildungspolitisch zu verlieren – und was ich daraus gelernt habe

Im Gegensatz zu den USA ist Loser ein Begriff, der im deutschen Sprachraum selten verwendet wird. Verlieren ist nicht nur ein Tabu, es wird Menschen auch nicht als dauerhafter Zustand zugeschrieben – wer heute verliert, könnte morgen gewinnen.

Pionier:innen verlieren nicht. Sie agieren in einer Zone, in der es keine Rolle spielt, was die anderen tun oder denken: Sie sind einen Schritt voraus und beschäftigen sich mit Themen, von denen die anderen noch nicht einmal wissen, dass sie auf sie zukommen.

Man könnte nun mit der Bleistift-Metapher oder mit Vorstellungen aus dem Change Management argumentieren, dass die Praxis der Pionier:innen irgendwann zu einer breiten Veränderung führt. Die Grundidee: Pionier:innen erproben, testen und streiten – und geben dann belastbare Erkenntnisse an alle anderen weiter, die sie so umsetzen, dass sich für alle tatsächlich spürbar etwas verändert.

Nur: Hier kommt leider das Verlieren ins Spiel. Als Pionier habe ich viele Erkenntnisse gesammelt, Kritik daran gehört und Debatten geführt. Dann bin ich davon ausgegangen, dass daraus eine Art Konsens oder Kompromiss entsteht, der in die Breite wirken könnte. In den letzten Jahren habe ich weniger Zeit damit verbracht, jeden Trend zu erproben, und mir stattdessen überlegt, wie eine nachhaltige Veränderung des Systems gelingen könnte. Gerade bei diesem Schritt passiert bildungspolitisch aber das Gegenteil: Es setzen sich Ideen und Vorstellungen durch, die meinen Erkenntnissen und Werten widersprechen. Und zwar nicht ab und zu, sondern ständig. Immer und immer wieder stehe ich auf der Seite, die nicht gehört wird und nicht genügend Verantwortliche überzeugen kann.

Hier sind einige konkrete Themenfelder, die mich beschäftigen:

  1. Umgang mit Digitalität
    Eine sinnvolle Position: Im Dialog mit Kindern und Jugendlichen sollten Schulen vor Ort postdigitale Lernerfahrungen gestalten, in denen digitale Praktiken einerseits selbstverständlich werden und andererseits eine Reflexion sinnvoller Wissensarbeit möglich wird.
    Was sich durchsetzt: Verbote, Adultismus und kulturpessimistische Angstdiskussionen.
  2. Umgang mit Beurteilung
    Eine sinnvolle Position: Beurteilungen sind ungenau und führen für Lehrende und Lernende zu Fehlanreizen und unnötigem Stress. Wir sollten Beurteilungen auf ein Minimum reduzieren und sie nur dort einsetzen, wo es im System nicht anders geht.
    Was sich durchsetzt: Parlamente schreiben Schulen Benotung vor, und es besteht eine breite Forderung nach mehr standardisierten High-Stakes-Prüfungen.
  3. Rhythmisierung, Vertiefung und Fächer
    Eine sinnvolle Position: Schüler:innen brauchen Grundfertigkeiten und sollten dann in interdisziplinären Themengebieten vertiefte Lernerfahrungen machen. Zu viele Fächer verhindern Vertiefung – Wahlangebote sind lernwirksamer als erzwungene Breite. Lehrpersonen sollten nicht für Fachunterricht angestellt werden, sondern für alle ihre Aktivitäten an einer Schule.
    Was sich durchsetzt: Die Reform der Schweizer Matur führt weitere Grundlagenfächer ein und beschränkt interdisziplinäre Gefässe und Wahlmöglichkeiten weiterhin stark. Bildungspolitik kann sich nicht von Fächern lösen.
  4. Umgang mit Bildungspopulismus
    Eine sinnvolle Position: Nicht die alarmistischen, lauten und anbiedernden Stimmen sollen Gehör und Bühnen erhalten, sondern Menschen, die Erfahrung haben und Zusammenhänge differenziert beurteilen können.
    Was sich durchsetzt: Pädagogischer Populismus – Diskurse, in denen Kinder instrumentalisiert werden, um Unsicherheiten und Ängste anzusprechen und die eigene Position zu verbessern. Unseriöse Menschen ohne Expertise erhalten mit «Hot Takes» viel zu viel Aufmerksamkeit von Politik und Medien.
  5. Verständnis von Leistung
    Eine sinnvolle Position: Es gibt unterschiedliche Formen von Leistung, gerade in einer beruflich und sozial komplexen und diversen Gesellschaft. Schule muss Kindern und Jugendlichen dabei helfen, ganz unterschiedliche Leistungen zu erbringen und Stärken auszubilden. Sie muss alle fördern – das gelingt mit einer engen und normierten Vorstellung von Leistung nicht. Eine gute Schule hilft jungen Menschen, sich in einem umfassenden Sinn zu entwickeln.
    Was sich durchsetzt: Ein schulisches Leistungsverständnis, das sich rein auf Grundfertigkeiten wie Rechnen, Lesen oder Schreiben bezieht und davon ausgeht, dass Fokussierung und Druck bessere Leistungen hervorbringen. In diesem Schulverständnis sollen Schulen möglichst brauchbare Arbeitskräfte hervorbringen.

In ihrem Buch Zerstörungslust haben Amlinger und Nachtwey Menschen wie mich als «soziokulturelle Expert:innen» beschrieben, denen eine «Macht über Definitionsverhältnisse» zugesprochen werde. Zu sagen, was eine sinnvolle Position ist, wirkt auf viele überheblich, vor allem, wenn auch noch auf Forschungsergebnisse verwiesen wird. Das aktuelle politische Klima geht mit soziokulturellen Expert:innen nicht milde um, sondern bringt viele in Stellung, die sich wünschen, dass Menschen wie ich verlieren und sich nicht durchsetzen können.

Das ist eine Erklärung dafür, warum wichtige Bildungsreformen ins Stocken geraten sind. Eine andere liegt darin, dass Schule unterschiedliche gesellschaftliche Funktionen hat. Ich gehe davon aus, dass Schule jungen Menschen eine positive Entwicklung ermöglichen soll – diese Vorstellung wird nicht breit geteilt. Viele mächtige Menschen möchten, dass Schule Konformität erzeugt, bestimmte Vorstellungen in jungen Menschen verankert und sie diszipliniert.

Wenn ich auf die Schule meiner Eltern und auf meine eigene Schulzeit zurückblicke, bin ich nicht grundsätzlich pessimistisch: Vieles ist besser geworden. Veränderungen sind möglich, aber sie sind langsam. Nur: Schaut man diejenigen Ideen an, die wirklich eine Transformation bewirken könnten, sieht man auch, dass sie sich nie durchsetzen konnten. Grundlegende Einsichten zu Bewertung, zum Umgang mit Technologie und zu Demokratie an Schulen gibt es seit über 50 Jahren in jeder denkbaren Differenziertheit. Immer wieder gab es Initiativen, Programme und Vorstösse – alle wurden sie als idealistisch und nicht umsetzbar abgetan. Wer Schule neu denken will, verliert immer.

Bertolt Brecht hat über seinen Lehrer Folgendes geschrieben:

Er ist sehr für den Kampf, aber er selber kämpft eigentlich nicht. Er sagt, es sei nicht die Zeit dazu. Er ist für die Revolution, aber er selber entwickelt eigentlich mehr das, was entsteht. […] Stets behält er sich die größtmögliche Freiheit vor. Wenn etwas dadurch verlorengeht, selbst Wichtiges, ist er nicht traurig. Ich glaube, er ist furchtlos. Was er aber fürchtet, ist das Verwickeltwerden in Bewegungen, die auf Schwierigkeiten stoßen. Er hält ein wenig zu viel auf seine Integrität, glaube ich. […] Mein Lehrer ist sehr ungeduldig. Er will alles oder nichts. Oft denke ich: Auf diese Forderung antwortet die Welt gerne mit: nichts.

Der Begriff «Kampf» ist hier entscheidend: Brecht macht deutlich, dass man im Kampf vieles riskiert. Man muss Mittel einsetzen, die man ablehnt, seine «Integrität» und Freiheit aufs Spiel setzen und andere anders behandeln, als man gerne würde – sie instrumentalisieren und zwingen. Wollte ich Erfolg haben, müsste ich selber zum Bildungspopulisten werden, Schüler:innen für meine Sache einspannen, Koalitionen bilden und mir die Hände schmutzig machen.

Zu erwarten, die Welt ändere sich durch die Einsicht von Menschen, ist naiv. Auf diese Erwartung antwortet die Welt auch mit «nichts», um bei Brecht zu bleiben. Meine Ideen, meine Texte und meine Konzepte werden sich wohl zu denen anderer gesellen, die Schule gern verändert hätten, es aber nicht geschafft haben – sofern ich nicht Teil einer Bewegung werden möchte, die andere Mittel einsetzt, als ich sie einsetzen möchte.

Mein Weg, um trotzdem nicht zu resignieren – und diese Gefahr ist mir sehr bewusst –, ist der von Candide, der am Ende seiner Abenteuer zum Schluss kommt, man müsse einfach den eigenen Garten bestellen. «Good Practice» nennt man das heute. Ich kann mit meinen Klassen, an meiner Schule, in meinem Einflussbereich so mit Lernenden arbeiten, wie ich das für richtig halte. Ich kann anderen zeigen, dass vieles von dem, was sie vielleicht für unmöglich halten, problemlos funktioniert und dass eine Veränderung möglich wäre, wenn die dafür nötigen politischen Voraussetzungen geschaffen würden. Das kann auch dann eine gewisse Genugtuung verschaffen, wenn der politische Wind in eine andere Richtung bläst.

Rezension: Hannes Grassegger – Das Kapital bin ich

Vorbemerkung: Diese Rezension erschien bereits Mitte Juni. Auf Wunsch des Verlags kein & aber, der eine Sperrfrist für Besprechungen verfügt hatte, wurde sie depubliziert.

»Schluss mit der digitalen Leibeigenschaft!« Diese Forderung führt Hannes Grassegger, Journalist und Ökonom, in seinem schmalen Essay aus, der im Juli bei Kein & Aber erscheint. Im Wesentlich gliedert der Autor sein Argument in drei Teile:

  1. Wir sind unsere Daten.
  2. Mit unseren Daten verdienen Unternehmen Geld – ohne uns Mitsprache zu gewähren.
  3. Wir können etwas tun: Unsere Daten verkaufen.

Grassegger schafft in seinem unterhaltsamen Text ein Geflecht aus Zitaten, Verweisen und Bildern. Daten sind ein Rohstoff, sind Erdöl, sind das Ackerland, das nur durch die Arbeit vieler Menschen einen Wert erhält. Die Unternehmen im Silicon Valley sind Cowboys, Kidnapper, Overlords, Sklaventreiber – und Hippies. Diese Form der sprachlichen Annäherung an die wirtschaftlichen und politischen Auswirkungen der Digitalisierung ist symptomatisch: Phantasien aus Science-Fiction-Filmen vermengen sich schnell mit wirtschaftlichen Ängsten, luziden Analysen und Verschwörungstheorien, wenn Menschen über den Cyberspace nachdenken. Es ist dem Essay zugute zu halten, dass er die Unschärfe der Bilder in den Text reinnimmt, mit denen Menschen über Datenverarbeitung sprechen. So zeichnet der die Funktionsweise einer Wirtschaft nach, in der allein der Glaube an den Wert von Daten mächtige Unternehmen entstehen lassen kann, die nicht in der Lage sind, ein Produkt zu verkaufen.

Gegen das zentrale Argument Grasseggers müssen so zwei Einwände vorgebracht werden: Erstens vertraut er dem Versprechen des Silicon Valley, dass Big-Data-Anwendungen tatsächlich einen wirtschaftlichen Wert jenseits des Verkaufs von Werbung und der Kontrolle von Menschen haben. Zweitens analysiert er Daten, als wären sie Eigentum. Das sie sind aber nicht, wie Jürgen Geuter unlängst ausgeführt hat. Das Konzept des Eigentums hat sich durchgesetzt, um das Problem der Knappheit von Gütern pragmatisch in den Griff zu bekommen. Es ist ein einfaches und recht klares Konzept, was es in praktischer, nicht aber in ethischer Hinsicht auszeichnet. Daten funktionieren nicht so. Geuter unterscheidet fünf Datentypen:

  1. Daten, die ich bewusst selbst verbreite.
  2. Daten, die ich eintrage, weil ich eine Dienstleistung nutzen will oder mich ans Gesetz halte.
  3. Daten, die ich als Spuren hinterlasse (weil ich Webseiten besuche oder aus dem Haus gehe etc.)
  4. Daten, die andere über mich verbreiten (Bilder, auf denen ich zu sehen bin).
  5. Daten, die durch meine Beziehungen zu anderen Menschen entstehen.

Daraus nun abzuleiten, dass bestimmte Daten mit gehören, erfordert absurde Entscheidungen. Ist ein Bild, das eine Fotografin anfertigt, als Datensatz ihr Besitz (weil er auf ihrem Chip gespeichert ist) oder der der abgebildeten Personen? Wie regelt man Konflikte, wenn einige der abgelichteten Menschen das Bild für sehr wichtig und bewahrenswert halten, andere es jedoch löschen möchten?

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Solche Fragen zeigen, wie kompliziert die Forderung »meine Daten gehören mir« letztlich ist. Sie verweist auf die feministische Forderung nach der Selbstbestimmung über den eigenen Körper – und bezieht sie auf ein Konzept, das schon immer unkontrollierbar war: Was andere über mich denken, woran sie sich erinnern, was sie erzählen, unterstand noch nie meiner Verfügung.

Es war allerdings – um zu Grasseggers Text zurückzukehren – auch noch nie maschinell aus- und verwertbar. Grassegger, ganz Ökonom, will die Verwertung mit einem Markt regeln. Entscheidungen der Individuen, die ihre Daten mit einer »undurchdringbaren Rüstung« (S. 69) schützen, sollen letztlich über die bezahlte Nutzung der Daten entscheiden. 250 Dollar im Monat sollen meine Daten wert sein, rechnet Grassegger vor. Er fordert, dass wir als Individuen unsere Daten von Zwischenhändler verkaufen lassen und den Profit einstreichen. Die Macht der Unternehmen, per AGB festzulegen, was mit den Daten geschieht, soll so gebrochen werden.

Kann ein Markt ein Problem lösen, dass er selbst geschaffen hat? Entscheiden sich nicht viele Menschen heute schon dafür, ihre Daten für ein paar Cumulus-Rabattgutscheine zu verkaufen? Warum sollten sie in Zukunft mehr verlangen, wenn sie das heute nicht tun?

Screenshot: Thomas Hutter.
Screenshot: Thomas Hutter.

Wie ein Gespenst geistert eine andere Lösung durch Grasseggers Essay: Genossenschaften regeln die Verwertung von Daten. Voraussetzung dafür ist, dass Menschen nachvollziehen können, welche Unternehmen welche ihrer Daten wie nutzen. Praktisches Beispiel: Zeigt mir Facebook eine Anzeige, so kann ich mit einem Klick nachvollziehen, aufgrund welcher Daten diese Anzeige ausgeliefert würde – und festlegen, ob diese Daten weiterhin so genutzt werden können. Je nach Entscheidung muss ich dann auf bestimmte Dienstleistungen verzichten.

»Transparenz ist Terror«, zitiert Grassegger Byung-Chul Han knapp und verkürzt (S. 67). »Es gehört zur Demokratie, dass die Menschen nicht alles wissen können«, sagt Byung-Chul Han. Und lässt dabei weg, dass zur Demokratie auch gehört, dass Menschen bestimmte Informationen jederzeit einsehen und über ihre Verwendung bestimmen können. Der solidarische und demokratische Umgang mit Daten erfordert politische Vorstösse, die ökonomische Lösungen nicht ersetzen können.

In dieser Hinsicht unterläuft Grassegger ein Denkfehler, der dem Netzdiskurs heute eigen ist: Die Unternehmen des Silicon Valley werden von Kritikern wie Jaron Lanier und Evgeny Morozov zu einem Gegner aufgebaut, der zu viel Aufmerksamkeit bekommt. Problematisch ist, dass politische Institutionen im Netz Grundsätze des demokratischen Rechtsstaats über Bord werfen, der als einziger in der Lage wäre, die Unternehmen in die Schranken zu weisen. So droht ein durch Scheindemokratien komplett überwachtes Netz, das auch die analogen Aspekte unsere Lebens erfasst – und sich paradoxerweise durch den Kampf gegen Google, Facebook und Co. legitimiert.