«Algorithmic Awareness» bezeichnet die Fähigkeit, die Wirkung von Algorithmen auf digitalen Plattformen zu verstehen. Ich habe kürzlich genauer analysiert, wie der TikTok-Algorithmus funktioniert und wie User:innen lernen können, ihn zu verstehen. Ein entscheidender Punkt ist dabei, dass User:innen ihre Handlungen nicht an der tatsächlichen technischen Funktionsweise von Algorithmen ausrichten (die kaum zu ergründen ist). Vielmehr stützen sie sich auf Erzählungen, Erfahrungen und Vorstellungen ab:
Annahmen und Erzählungen über den TikTok-Algorithmus beeinflussen Verhaltensweisen und Handlungen von User:innen. Das geschieht teilweise unbewusst, praktisch immer aber informell: Der TikTok-Algorithmus ist nicht Gegenstand von Bildungsangeboten, sondern wird über Erfahrungen, in Communities und in TikTok-Beiträgen selbst erprobt. Dadurch entstehen das „algorithmic imaginary“ und die „folk theories“.
– Den Algorithmus verstehen, S. 31
In letzter Zeit gibt es besonders unter politisch aktiven Content Creators die Tendenz, die Algorithmic Awareness in Social-Media-Beiträgen zu thematisieren. Zwei Schweizer Beispiele aus Instagram habe ich hier abgebildet:

Hier wird eine «Folk Theory» etabliert (der Begriff meint nicht, dass die Theorie falsch ist, er betont, dass sie volkstümlich ist, also durch Alltagserfahrungen entsteht). Die Theorie besagt zweierlei:
- Der Instagram-Algorithmus ist so eingestellt (oder stellt sich selber so ein), dass politische Inhalte weniger Reichweite erhalten als Beiträge ohne politische Botschaft.
- Der Algorithmus gibt Bildern von Gesichtern und Körpern mehr Reichweite als anderen.
Suter und Rossenwasser nutzen dieses Wissen nun subversiv, d.h. sie klären darüber auf und verpacken politische Überlegungen so, dass sie vom Algorithmus voraussichtlich nicht benachteiligt werden.
Zu diesen Absichten zwei Kommentare: Der Aufbau von Wissen zu Algorithmen hat den Charakter einer Sisyphus-Arbeit. Sie ist anstrengend, weil Erfahrungen, Vermutungen, Daten und Community-Wissen abgeglichen und verdichtet werden müssen. Gleichzeitig ist sie aber auch vergeblich, weil die Algorithmen nicht einem Code folgen, der irgendwann entschlüsselt ist, sondern sich mit KI-Verfahren so optimieren, dass die Nutzungszeiten/Interaktionen/etc. maximiert werden, weil die Plattformbetreiber:innen damit Geld verdienen.

Das führt mich zur zweiten Überlegung: Die Vorstellung, auf einer kommerziellen Plattform politische Arbeit leisten zu wollen, ist deshalb nachvollziehbar, weil Menschen enorm viel Zeit auf diesen Plattformen verbringen und es evtl. sinnvoll wäre, wenn sie diese Zeit auch in politische Überlegungen investieren würden. Sie tun das aber (auch das eine Erkenntnis aus meiner Analyse), um abzuschalten – die Algorithmen helfen dabei, die perfekte Me-Time zu haben, also zu sich zu kommen und den Alltag zu filtern. Das ist auch der Grund, weshalb die Algorithmen politischem Content keine starke Reichweite geben: Weil Menschen den nicht auf Social Media wollen.
Die subversiven Politik-Aktivist:innen kämpfen also einerseits gegen die Plattform-Struktur, andererseits gegen die Bedürfnisse von Menschen. Sie sind aber eine Ausnahme: Die Regel sind Content Creators, die ihre Reichweite dadurch maximieren, dass sie den realen oder imaginierten Anforderungen des Algorithmus so streng wie möglich folgen. Sie tun das, um wahrgenommen zu werden.
Paradoxerweise kämpfen aber auch Mainstream-Influencer:innen im doppelten Sinne gegen den Algorithmus. Erstens merken sie, dass diejenigen Beiträge am meisten Aufmerksamkeit erzeugen, die Grenzen verletzen. Sie müssen also Wege finden, um sexuelle, gewalttätige, extreme Inhalte so zu präsentieren, dass der Algorithmus sie nicht abwertet oder gar so markiert, dass ein Ausschluss aus der Plattform droht. Die Originalität von viralem Content liegt darin, mit den Regeln zu spielen.
Der zweite Kampf entsteht bei der Monetarisierung von Content. Was Influencer:innen von Aktivist:innen in einem engen Sinne unterscheidet, ist die Bereitschaft, die eigene Reichweite zu verkaufen. Suter und Rosenwasser brauchen Reichweite, um politische Projekte umzusetzen. Influencer:innen machen ihre Reichweite zu Geld, indem sie «Kooperationen» eingehen. Sie spielen dann Beiträge aus, für die sie bezahlt werden. Da User:innen eigentlich keine Werbung auf ihrem Feed haben wollen, geht es auch da darum, das Algorithmus-Wissen so einzusetzen, dass die Werbung maximale Reichweite erhält – ganz analog zu politischen Content, den User:innen nicht sehen wollen.
Eine neue Studie zeigt, dass die Algorithmen nicht das Problem sind, es sind die Plattformen selbst. Wären Algorithmen so eingestellt, wie sich das Menschen wünschen, die sich damit analytisch beschäftigen, ändert das kaum etwas an der Verbreitung von Content. Das Problem liegt darin, wie Menschen Content wahrnehmen und verbreiten. Algorithmen wirken hier höchstens verstärkend.











