Die Schweizer Matur ist einzigartig: Der Abschluss der Sekundarstufe II berechtigt zur Aufnahme eines Studiums an jeder Schweizer Universität – in fast jedem Fach. Diese Zulassung hat hohe Kosten – insbesondere zwei Aspekte machen die Schweiz zu einem Sonderfall:
- Bis zur Matur müssen die Gymnasiast:innen sehr viele Fächer auf einem Niveau lernen, das viele zumindest in einzelnen Bereichen überfordert.
- Die Gymnasialquote muss in vielen Kantonen künstlich tief gehalten werden, d.h. durch Selektion muss verhindert werden, dass zu viele Schüler:innen den Zugang zu den Hochschulen erwerben können. Diese Selektion ist aber schon deshalb problematisch, weil die Kantone sehr unterschiedlich damit umgehen und es im Kanton Basel etwa viel leichter ist, eine Matur zu erwerben, als das im Kanton Zürich der Fall ist – obwohl die damit verbundenen Berechtigungen identisch sind.
Das unter 1. notierte Problem führt zu einem Phänomen, für das wir einen Begriff brauchen – ich schlage «stille Abwahl» vor. Konkret gibt es als Schüler:innen, die wissen und merken, dass sie nicht in der Lage sind, literaturwissenschaftlich über einen Roman in einer Fremdsprache zu diskutieren, das aber müssen, auch wenn sie Pharmazie oder Elektrotechnik studieren wollen. Es gibt Schüler:innen, die nicht genau verstehen, was eine Funktion ist und deshalb die letzten zwei Jahre Mathematik vor der Matur nicht viel mehr als überfordert sind. Und es gibt Gymnasiast:innen, die keine eigenständige Projekte durchführen wollen oder können, aber in eng geführten Bildungsgängen Lernziele problemlos erreichen.
Man kann das auch anders formulieren: Die Anforderungen an Gymnasiast:innen, sich für kulturelles, ästhetisches, sprachliches, naturwissenschaftliches und abstraktes Denken, Reflektieren und Lernen interessieren zu können, erfüllen wohl im reinen Sinne nur 5-10% eines Jahrgangs. 30% eines Jahrgangs können aber erfolgreich ein Studium absolvieren.
Rund die Hälfte der Schüler:innen an Gymnasien kann also nicht von allen obligatorischen Lernangeboten profitieren. Das hat eine einfache Konsequenz: Die Schüler:innen wählen diese Fächer ab, obwohl sie das nicht dürfen. Sie minimieren ihren Einsatz, passen im Unterricht nur eingeschränkt auf und kompensieren ihre ungenügenden Noten in anderen Fächern.
Das führt auf der Seite der Lehrenden wie auch auf der der Lernenden zu viel Frustration. Ehrlicher wäre ein System, das eine echte Abwahl erlaubt – die mit Konsequenzen verbunden ist: Wer zwei Jahre vor der Matur Literatur abwählt, kann viele Geisteswissenschaften nicht mehr studieren, wer Physik und Mathematik abwählt, darf nicht an die ETH.
Bevor solche utopischen Vorschläge politisches Gehör finden, müssen Lehrpersonen an Gymnasien zur Kenntnis nehmen, dass diese stille Abwahl passiert – und vorwurfslos Lösungen finden, wie sie damit umgehen können.

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