Extrinsische Motivation gibt es nicht – weshalb sich Menschen nur selber motivieren können

Lehrende stehen oft Klassen gegenüber, die sich für Unterrichtsaktivitäten nicht gut motivieren können. Sie haben keine Lust, das zu tun, was in der Unterrichtsplanung für sie vorgesehen wurde. Die Lehrperson ist (oder fühlt sich) aber verpflichtet, dennoch mit den Schüler*innen diese Aktivitäten durchzuführen. Was passiert?

Die Lehrperson sucht nach Anreizen, welche die Schüler*innen »extrinsisch motivieren« sollen. Zum Beispiel sprechen sie von Prüfungen, bei denen die Unterrichtsaktivitäten wichtig sind. Oder sie stellen Belohnungen in Aussicht oder drohen Strafen an, wenn die Klasse sich wie erwünscht verhält.

(Gestern habe ich Coach Carter gesehen, ein Film über einen Basketballtrainer, dessen Spieler Linienläufe oder Liegestütz machen müssen, wenn sie sich nicht so verhalten, wie er das möchte.)

Coach Carter | Netflix
Coach Carter, Screenshot

Die Anreize, welche Lehrende einsetzen, legitimieren sie meist dadurch, dass sie Schüler*innen so motivieren. Sie setzen sie unter Druck, aber nur deshalb, damit die Kinder oder Jugendlichen dann das tun, was sie tun sollten, was für sie gut ist.

Im Hintergrund steht oft die Theorie der selbstregulierten Motivation, wie sie Deci und Ryan formuliert haben (1993):

Extrinsisch motivierte Verhaltensweisen können durch die Prozesse der Internalisation und Integration in selbstbestimmte Handlungen überführt wer den. […] Wir sind der Auffassung, dass der Mensch die natürliche Tendenz hat, Regulationsmechanismen der sozialen Umwelt zu internalisieren, um sich mit anderen Personen verbunden zu fühlen und Mitglied der sozialen Umwelt zu werden. Durch die Integration dieser sozial vermittelten Verhaltensweisen in das individuelle Selbst schafft die Person zugleich die Möglichkeit, das eigene Handeln als selbstbestimmt zu erfahren. Im Bemühen, sich mit anderen Personen verbunden zu fühlen und gleichzeitig die eigenen Handlungen autonom zu bestimmen, übernimmt und integriert die Person also Ziele und Verhaltensnormen in das eigene Selbstkonzept.

Die Selbstbestimmungstheorie der Motivation, S. 227

Was als »extrinsische Motivation« bestimmt wird, ist so ein Trick, mit dem Menschen Druck (oder Anreizen) begegnen: Wenn sie sich nicht dagegen wehren können, tun sie so, als wäre das Erfüllen externer Vorgaben etwas, was sie selber wollen. Sie tun das, so Deci und Ryan, um sich anderen anzupassen. Wenn also Lehrende ganze Klassen davon überzeugen können, dass sie im Unterricht Dinge tun müssen, die sie zunächst gar nicht wollen, dann beginnen die Schüler*innen diese Aktivitäten irgendwann doch als selbstbestimmt zu interpretieren.

Das ist aber keine Motivation, die darin besteht, eine eigene Aktivität zu wollen – es ist der Trugschluss, eine ungewollte Aktivität sei doch irgendwie gewollt. »Extrinsische Motivation« ist eine unfaire Abkürzung, eine Rechtfertigung von Druck auf Menschen zu ihrem eigenen Wohl.

Was wäre die Alternative? Mit Schüler*innen daran zu arbeiten, Freude an Lernaktivitäten zu finden, ohne sie unter Druck zu setzen. Ihnen zu helfen, Vorstellungen zu entwickeln, wie sie sich entfalten können, was ihnen Freude bereitet und ihnen guttut. Ihnen in attraktiven Lernumgebungen den Raum zu geben, ihrer Motivation nachzugehen. Kinder und Jugendliche können sich selber motivieren – und sie können nicht über Anreize motiviert werden.

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