Warum Rechtschreibung in der Kultur der Digitalität an Bedeutung verliert

Schweizer Medienkonzerne haben begonnen, Korrektorate zuerst ins Ausland auszulagern, dann ganz abzuschaffen. Die Folge sind Fehler in großen Tageszeitungen – hier hat das Jacqueline Preisig am Beispiel der Berner Zeitung vorgeführt:

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Nun kann man das als verfehlte Sparmaßnahme bezeichnen und es als Qualitätsverschlechterung beklagen – mit allem Recht. Es ist aber ein gutes Beispiel für Digitale Transformation. Um das zu erklären, lohnt es sich, den Text von Daniel Meyer zu lesen, der bei der Republik Korrektor ist:

»Sie kennen vielleicht den etwas bösen Spruch, dass manch einer, der geht, eine Lücke hinterlässt, die ihn voll und ganz ersetzt. Ist von einem Korrektorat die Rede, kommt er mir zuverlässig in den Sinn. Fragen darf man sich aber schon, warum der umgekehrte Weg keine Option ist. Warum stehen Medien­unternehmen nicht hin und sagen: Wir legen Wert auf eine gepflegte Sprache und legen uns ordentlich ins Zeug? Wir wollen auch in diesem Bereich die Messlatte setzen? Gerade der grösste Player im Land mit Titeln in der halben Schweiz sollte hier einer gewissen Vorbild­funktion nachkommen. Die Beiträge der Autorinnen, damit verbunden die Glaubwürdigkeit, sind das Kernprodukt eines Medien­unternehmens.«

Ich möchte diese Fragen nicht als rhetorische verstehen, sondern versuchen, sie zu beantworten.

Was oft als »Digitalisierung« bezeichnet wird, sind vier parallele Prozesse:

  1. Verfügbarkeit von digitalen Geräten und Software für Arbeitsprozesse
  2. ein Leitmedienwechsel vom Buch zum Netz
  3. Digitale Transformation als eine durch 1. und 2. bedingte Veränderung der Gesellschaft und aller daran beteiligten Systeme
  4. Kultur der Digitalität als eine neue Form im Umgang mit Kultur

Alle diese Prozesse führen dazu, dass die Korrektur von Texten und auch Orthographie an Bedeutung verlieren:

  • digitale Textverarbeitung arbeitet zunehmend mit Textbausteinen, Speech-to-Text-Verfahren, automatisierter Rechtschreib- und Stilprüfung. Sie ersetzen menschliche Korrektur nicht (wie Meyer richtig schreibt), führen aber zur Frage: Wenn Texte anders geschrieben werden können, weshalb braucht es weiterhin dieselben Korrekturabläufe?
    Korrekturabteilungen einzusparen ist eine (falsche) Antwort auf die Frage, wie mit dem (vermeintlichen) Produktionsgewinn umgegangen werden soll.
  • Netztexte erscheinen in Versionen, es braucht keine fertige Druckversion. Fehler können korrigiert werden, wenn sie bemerkt werden. Ich korrigiere Blogtexte nicht aufwendig, verbessere sie aber immer wieder, wenn ich Fehler entdecke oder darauf hingewiesen werden (danke, Ivano!).
  • Zeitungen können ihre Texte weniger gut monetarisieren, weil Werbung auf anderen digitalen Plattformen ausgespielt wird. Entsprechend müssen sie sparen.
  • Online first und real time haben etwa über Ticker-Formate die Publikationszeit im Journalismus fast auf 0 reduziert: Sobald ein Text geschrieben ist, kann er zur Lektüre freigegeben werden. Das Korrektorat wird hier als Verlangsamung wahrgenommen. Durch die Überarbeitung von Texten geht Zeit verloren, die für das Sammeln von Klicks und Aufmerksamkeit wichtig wäre.
  • In der Kultur der Digitalität übernehmen gesprochene Sprache und audiovisuelle Medien Funktionen geschriebener Texte. Zudem verbreiten sich konzeptionell mündliche und interaktionsorientierte Texte auf digitalen Plattformen: D.h. Fehler sind keine schlimmen Normverstöße, sondern gehören zur Sprachverwendung dazu und können ohne große Umstände korrigiert werden (wie wenn ich einen Namen falsch ausspreche – dann entschuldige ich mich und sage ihn noch einmal richtig). Bildschirmfoto 2020-07-07 um 11.08.37

In einem Vortrag über digitale Didaktik habe ich folgende Definition formuliert und begründet:

Bildschirmfoto 2020-07-07 um 11.02.10.png

Ist Rechtschreibung eine Kompetenz, die in der Kultur der Digitalität eine Rolle spielt? Wohl nur teilweise. Bereits seit einigen Jahren kann beobachtet werden, dass Orthographie weniger intensiv unterrichtet wird. Das vermag Menschen immer wieder zu empören (zu dem hier verlinkten Beitrag habe ich auch hinter der Social-Media-Bühne kritische Rückmeldungen erhalten), aber letztlich ist es eine Konsequenz aus der Entscheidung, auf welche Kompetenzen sich Schule fokussieren sollte. Wenn im Sprachunterricht gesprochene Sprache und der Umgang mit Bildern eine größere Rolle einnimmt, dann nimmt formale Korrektheit eine kleinere Rolle ein.

Es ist bedauerlich, dass Korrektorate wegfallen. Eine ganzheitliche Betrachtung der Digitalen Transformation kann erklären, weshalb das passiert – und zeigen, dass Orthographie im Vergleich mit anderen Kompetenzen einen geringeren Stellenwert einnimmt.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht von Philippe Wampfler

philippe-wampfler.ch

11 Kommentare zu „Warum Rechtschreibung in der Kultur der Digitalität an Bedeutung verliert

  1. Hallo P. Wampfler,

    mit dem Begriff „Faulheit“ beziehe ich mich auf Leute, die eben einfach zu faul waren (oder sind), Rechtschreibung zu üben, zu üben und nochmal zu üben, wenn sie es denn Schwächen in dem Bereich haben). Oder zu faul sind, Fehler zu korrigieren, weil es ihnen einfach egal ist – oder nachzuschlagen, wenn sie nicht wissen, wie ein Wort geschrieben wird. Es ist ja auch nur EIN Aspekt.
    Die unterschiedlichen Dimensionen habe ich ja beschrieben und Legasthenie, Tippfehler usw. sind ja ein ganz anderer Kontext.

  2. Interessant, dass in diesem Artikel über Fehler in Texten gleich in der zweiten Zeile ein Fehler auftaucht: es müsste „ins“ Ausland heißen, nicht „in“ Ausland.
    Schön, dass hier zu sehen ist, dass niemand unfehlbar ist. Einfach menschlich…

  3. Das ist eine interessante Debatte und ein schöner Beitrag dazu. Dass die Fetischisierung von korrekter Rechtschreibung abnimmt, ist sicherlich wahr. Dass diese Laxheit auf den Kommunikations-Devices entstanden ist, liegt auf der Hand. Und dass die Zunahme an Missverständnis-Kommunikation durch Rechtschreibfehler entstanden sei, wird niemand ernsthaft behaupten.
    Aber warum gehörte Rechtschreibung einst zum Allerheiligsten des Bildungsauftrags (mein Bruder hatte eine „angeborene Lese-Rechtschreibschwäche“ – was der noch gelitten hat!)? Offenkundig war das Rechtschreibvermögen lange das soziale Signal Nr. 1 für Bildung, und Bildung war immer ein Distinktionsmerkmal für Klasse (heute noch sehr stark in den angelsächsischen Ländern – du hast „class“, wenn du „education“ hast). In dieser Hinsicht spielt Bildung eine immer geringere Rolle, während Klasse-haben sich immer mehr zu Konsummacht-haben verschiebt.
    Aber das sind nur Trends, also allmähliche Entwicklungen. Die Rechtschreibfähigkeiten behalten daher noch ihre Eigenschaft als Distinktionsmerkmal, aber nicht mehr nur im Sinne von „Person gehört zu den Gebildeten“, sondern auch im Sinne von Persönlichkeitsmerkmalen. Konkret: Hast du in deinem Bewerbungsschreiben drei dumme Rechtsschreipveler, bist du draußen. Es fehlt an Sorgfalt, Bereitschaft zur Selbstüberprüfung und dergleichen schöne wichtige Merkmale.
    Wo ist das wichtig? Beruflich beinahe überall, witzigerweise ganz extrem im Backend der Digitalität. Dort ist die korrekte Zeichenfolge die Grundvoraussetzung für alles. Programmschreiber wissen, was ein verdrehter Buchstabe für Folgen haben kann, ganz zu schweigen von einem verschobenen Komma bei einer Faktorzahl.
    Die Toleranz für Schlampigkeit auf Twitter, Whatsapp etc. ist in meinen Augen nicht nur okay, sondern Teil der zeitgenössischen, im Prinzip egalitären Kommunikationsformen. Für Schülerinnen und Schüler könnte man daher ein neues Bildungsziel aufstellen: Wesentliches vom Unwesentlichen unterscheiden zu können. Das geht in Richtung „(selbst-)kritisches Denkvermögen“. Man könnte fast sagen: Die Schule war nie besonders gut darin, Kindern ein Vermögen bezubringen, um ohne die Regelvorgaben der Autoritäten das Wichtige und Bedeutsame vom Banalen, Ablenkenden, Unwichtigen oder auch Zerstörerischen zu unterscheiden. FfF könnte man als Lernveranstaltung zu diesem Vermögen interpretieren.

    1. Wie lächerlich, Dummheit, Faulheit und Bildungsferne als „Ok“ und „Zeitgeist“ zu verkaufen. Die digitale Welt hat bewirkt, dass der Blick für Fehler (die aus Tippfehlern resultieren) verloren gehen kann. Man „sieht“ den Fehler einfach nicht, weil das Gehirn automatisch korrigiert – Blick und Gehirn am Bildschirm nicht gleich mitkommen. Der Zusammenhang zwischen Handbewegung des Schreibens und Verbindung zum Gehirn fehlt. Nicht gut, aber das ist verzeihlich und das geringere Problem. Aber die Masse an wirklich grottiger Rechtschreibung ist schlimm und zeugt von intellektueller Tieffliegerei – wobei krankheitsbedingte Schwächen hier nicht gemeint sind. Wir sind aber nicht plötzlich ein Volk voller Legastheniker ( und selbst die Schwäche kann bei richtiger Förderung verbessert werden), sondern die Leute werden immer fauler, ignoranter und dümmer.
      … und ja – schlechte Rechtschreibung ist schlimm und nicht zu verteidigen.

      Vrohe Verien auch im Nahmen vorne Virma und vorne Statt.

      1. Würde hier aufpassen – Rechtschreibfehler können immer erklärt werden, aber der Kontext ist ganz wichtig. »Faulheit« passt als Erklärung oft nicht und beeinträchtigt dann halt die Beurteilung von Personen.

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