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Der Journalismus-Bias (und seine Auflösung)

Mit dem Aufkommen der digitalen Plattformen (die man früher Web 2.0 oder Social Media genannt hat) sind verschiedene Krisen verbunden. Diese verlaufen ungleichzeitig, erschüttern aber gesellschaftlich wichtige Institutionen und Systeme. Eine Krise kann man als Disruption verstehen, als Voraussetzung einer Entwicklung – oder als Gefahr.

Der Qualitätsjournalismus hat diese Krise sehr schnell erfahren. Als System hat er – so habe ich vor einer Weile ausgeführt – den Paradigmenwechsel der digitalen Publikation (»online first«) auch aktiv mitgeprägt. Das Netz und der Journalismus haben sich ko-evolutionär entwickelt. Die Krise des Journalismus hat wirtschaftliche Gründe, auf die ich hier nicht eingehen möchte, und epistemische: Diese sind mit der Frage verbunden, wie wir die Wirklichkeit wahrnehmen und erkennen. Darum geht es im Folgenden.

Zuerst möchte ich eine seltsame Denkverzerrung beschreiben, die ich gern Journalismus-Bias nennen würde, die aber Gell-Mann Amnesia Effect heißt.  Sie funktioniert so: Wer sich in einem Fachgebiet auskennt oder eine Skandal-Geschichte genau kennt, weiß, wie selektiv, einseitig, fehlerbehaftet viele journalistische Geschichten sind. Das ist verständlich: Journalistinnen und Journalisten betreiben keine Wissenschaft, sie beschäftigen sich mit Fällen, zu denen sie in kurzer Zeit verständliche Texte produzieren müssen. Sie hören Geschichten und müssen Geschichten erzählen. Nur: Diese Erfahrung übertragen wir nicht auf andere journalistische Publikationen (diesen Gedanken habe ich wohl zum ersten Mal von Axel Krommer gehört – danke auch für den Kommentar!). Lese ich eine Wirtschaftsreportage, einen Sportbericht oder von einem Skandal, von dem ich keine direkte Kenntnis habe, dann denke ich bei Qualitätsmedien: Ah ja, so wird es ungefähr gewesen sein. Während ich Texten zu Themen, mit denen ich vertraut bin, denke: So kann man doch darüber nicht schreiben!

Zurück zur Krise. Die Frage wäre nun, ob digitale Medien diesen Bias abgeschwächt haben. Ob wir bei mehr Themen den Eindruck haben, davon etwas zu verstehen – oder ob einfach die Methoden transparenter geworden sind: Es nachvollziehbar ist, wie sich Journalistinnen und Journalisten informieren, woher sie ihre Bilder nehmen, wie sie verdichten, zuspitzen, auswählen.

Der Umgang mit diesem Problem ist sehr komplex: Eine aufgeklärte Gesellschaft und eine funktionierende Demokratie brauchen Qualitätsjournalismus – davon bin ich überzeugt. Es gibt ihn nicht ohne Lücken, ohne Fehler, ohne Einseitigkeiten, ohne Narrative – die sich aber überlagern und aufheben sollten, in einer funktionierenden journalistischen Ökologie. Einerseits sind also die Erwartung wohl zu hoch – und andererseits vielleicht die Formate noch nicht entwickelt, mit denen Journalismus im Netz stattfinden kann, der Fachleute und Menschen, die mit Zusammenhängen vertraut sind, nicht übersetzt und überdeckt, sondern einbindet.

* * *

 Audrey Watters kritisiert den Effekt in einem lesenswerten Essay. Ihr Argument läuft auf das raus, was Danah Boyd an der Medienkompetenz-Erziehung bemängelt – wir lernen, sehr selektiv zu vertrauen und misstrauen allem, was nicht unseren Überzeugungen entspricht. Das hieße, dass es nicht um ein Problem des Journalismus geht, sondern um ein Problem unserer Wahrnehmung von Information: Wir reden uns ein, alles besser zu verstehen, tun das aber gar nicht. Watters schreibt:

We still trust some stories sometimes. Importantly, we trust what confirms our pre-existing beliefs. Perhaps we can call this the Michael Crichton Ego Effect. We have designated ourselves as experts-of-sorts whenever we confront the news. We know better than journalists, because of course we do. (This effect applies most readily to men.)

Ich denke, eine Mischung der beiden Thesen bildet die Wahrheit am besten ab: Es gibt den Effekt (Gell-Mann Amnesia heißt er, um das noch mal zu wiederholen), aber er wird durch den Myside Bias verstärkt.

Selective Focus Photography of Magazines

Update: Ergänzt und erweitert am 8. April. 

 

6 Comments

  1. Was Sie als „Journalismus-Bias“ bezeichnen ist m.E. ist ein konstruiertes Problem – den gibt es nicht wirklich.

    Als Pädagoge, so nehme ich an, passen Sie Ihre Lerninhalte stufengerecht an. Sie vermitteln ein Thema an der Kanti nicht auf dieselbe Weise wie an der Uni. Würden sie das tun, würden Sie entweder die Kanti-Schülerinnen überfordern oder die Uni-Studenten unterfordern (und vice versa). Generell gesprochen: Falls Kommunikation erfolgreich sein soll, muss sie publikumsgerecht sein.

    Auf den Journalismus übertragen heisst das: für ExpertInnen gibt es Fachpublikationen und Fachartikel. Vom (tages-)journalistischen Produkten/Artikeln (generell) Fachartikel-Niveau zu erwarten ist abstrus. Das gilt unabhängig vom Verbreitungskanal (analog/digital).

    • Meinrad

      Artikel fürs breite Publikum können im Gegensatz zu Fachartikeln ungenau sein, aber sie sollten nicht falsch sein. Das ist ein grosser Unterschied.

      Ich messe die Qualität eines Mediums an der Qualität von dessen Artikeln über ein Gebiet, in dem ich mich auskenne. Ein Beispiel: Anfangs Januar 2018 wurden die Spectre- und Meltdown-Lücken publiziert, durch deren Ausnutzung eine Software Daten aus dem Speicherbereich einer anderen Software auslesen kann. Bei solchen Sachen erwarte ich von einer Tageszeitung nicht, dass sie den Lesern den Unterschied zwischen L1- und L2-Cache erklärt. Das tut für den normalen Leser nichts zur Sache und wer es wissen will, kauft sich eine Fachpublikation.

      Aber: Qualitätsmedien haben getitelt „Sicherheitsprobleme bei Intel-Prozessoren“ und in den Artikeln geschrieben, dass die Attacken MÖGLICHERWEISE in Zukunft bei SPEZIFISCHEN Konstellationen ein Problem sein könnten.

      Bei Medien von „minderer Qualität“ gab es einen Totenkopf, den Titel „Dein PC ist nicht mehr sicher wegen neuer Lücke!“ und im Text stand zu lesen, dass man ab sofort quasi keinen PC mehr verwenden solle. Das war nicht ungenau, das war nicht zugespitzt, das war schlicht falsch.

      Genau so falsch werden die Artikel dieses Mediums zu Themen wie „Asylchaos“ oder „Vogelseuche“ sein.

      Dieses Problem gab es schon immer, aber der Online-Journalismus hat es verstärkt. Auch früher seriöse Zeitungen sparen sich die Stunde für die Rückfrage bei einem Experten, damit sie den Artikel online bringen können, solange er noch „heiss“ ist.

      • Auch wenn ich den Unterschied von L1- und L2-Cache nicht verstehe: vollkommen einverstanden. Falsch sollte in einem (populärwissenschaftlichen) Artikel nichts sein.

    • Das ist aber nicht, was ich meine. Es geht nicht um didaktische Reduktion (so nennt man das in der Schule), sondern eher um Ausgewogenheit und Korrektheit.

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