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Literarisches und mediales Lernen mit Playmobil-Kurzvideos

Das ist ein längerer Beitrag, der zwei Teile umfasst: Ein Vorwort, in dem es um wissenschaftliche Publikationsformen und eine aktuelle Erfahrung geht, die ich kurz reflektiere. Darauf folgt ein Fachartikel. Darin geht es um die Frage, wie man mit den Videos von »Sommers Weltliteratur to go« im Deutschunterricht arbeiten kann – spezifisch mit zwei Fontane-Videos. Wer nur den Beitrag lesen will, kann direkt dorthin springen – deshalb habe ich ein kleines Inhaltsverzeichnis gebaut.

Vorwort
Reflexion
Literarisches und mediales Lernen mit Playmobil-Kurzvideos
Verdichtung, Visualisierung und Sprache der Videos
Arbeit mit den Sommer-Videos im Unterricht
Die Wahrnehmung von Schülerinnen und Schülern
Wert der Videos im Deutschunterricht
Literaturverzeichnis

Vorwort: Wissenschaftliches Publizieren – oder eine unerfreuliche Erfahrung mit Praxis Deutsch

Im November erhielt ich von Prof. Karla Müller eine Anfrage: Zusammen mit Prof. Dieter Wrobel sei sie für ein Fontane-Heft bei Praxis Deutsch zuständig, das 2019 erscheinen soll. Über einen Beitrag von mir würden sie sich sehr freuen:

Es sind ja nur wenige Texte, die immer wieder in den Schulen rauf und runter gelesen werden. Daran wird man wohl nichts ändern können. Aber die Zugänge sollten doch etwas erfrischend sein. So meinen wir, dass die bei YouTube verfügbaren, sehr witzigen Kurzvideos mit Playmobilfiguren zu „Effi Briest“ und „Irrungen, Wirrungen“ für literarisches und mediales Lernen (unabhängig von speziellen Lehrplanvorgaben) zugänglich gemacht werden sollten.

Ich habe einen möglichen Artikel in einem Abstract entworfen, eine kritische Rückmeldung erhalten und das Konzept angepasst. Nach einer weiteren Rücksprache habe ich den Text ausgearbeitet und einen Entwurf an die Herausgeberin und den Herausgeber geschickt – das war Ende Dezember.

Im Januar erhielt ich eine Antwort: Sie fänden den Beitrag »sehr professionell und gewinnbringend« und würden sich dafür einsetzen, dass er im Heft erscheinen soll. Der Text müsse aber noch konkret an die »Autorenleitlinie« von Praxis Deutsch angepasst werden.

Fälschlicherweise habe ich das als Floskel verstanden. Im März erhielt ich eine Absage: Mein Text könne »nicht berücksichtigt werden«, da zu viele »Modelle für die Oberstufe« vorlägen und mein Text noch »zu weit von der Vorgabe des Autorenmerkblatts entfernt« sei.

Ich fand das enttäuschend, weil ich erstens gar nicht mit der Möglichkeit gerechnet hatte, der Beitrag könnte nicht in Heft übernommen werden, weil das zweitens bei meinen bisherigen Publikationen in Fachzeitschriften noch nie ein Thema war. (In der ersten Anfrage stand am Schluss, dass erst die Konferenz der Herausgeber über die definitive Publikation entscheiden würde, was ich aber als Formalismus interpretiert habe.)

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Reflexion

In meiner Einschätzung bin ich derjenige der Autoren, dem man am leichtesten absagen kann. Meine wissenschaftliche Reputation ist beschränkt, ich werde als Lehrer wahrgenommen, der ohne Doktortitel akademisch nicht satisfaktionsfähig ist.

Das ist aus meiner Position heraus etwas paradox: Wenn ich den Beitrag online publiziere – was ich jetzt mache – lesen ihn mehr Menschen und ich er erzeugt mehr Resonanz. Ihn bei Praxis Deutsch zu platzieren ist zwar ein weiterer Eintrag auf meiner Publikationsliste, aber ich verzichte dadurch auf Wahrnehmung und Reichweite. Der Beitrag wird hier auch noch in Jahren über Google gefunden und rezipiert, er ist für die Unterrichtsvorbereitung direkt zugänglich. Zudem kann ich ein digitales Thema formal sauber angehen: Ich kann die Videos einbetten, auf Szenen verweisen. Zudem kann ich den Beitrag verbessern, überarbeiten und von der Länge her so gestalten, wie es mir sinnvoll erscheint.

Weil das oft gefragt wird: Beiträge in Zeitschriften werden mit symbolischen Beträgen vergütet, etwas einträglicher sind dann die Zahlungen von VG Wort, die an eine Publikation gebunden sind. Aber Geld ist hier nicht der treibende Faktor. Ich publiziere in Fachzeitschriften, weil das mein Ansehen in der Offline-Welt vergrößert.

Was folgt, ist also dieser Text – zuerst die etwas erweiterte Entwurfsversion, die aber mit der Zeit verbessert und ergänzt wird…

Literarisches und mediales Lernen mit Playmobil-Kurzvideos

»Fontane in 10 Minuten«, verspricht der Untertitel des Youtube-Videos »Irrungen, Wirrungen to go«, während es bei »Effi Briest to go« »11 Minuten« sind, die in den Fontane-Roman einführen sollen. Die Zeitangabe, der von Take-Away-Theken bekannte Slogan »to go« sowie der Einsatz von Playmobil-Figuren machen deutlich, dass der Literaturwissenschaftler und Dramaturg Michael Sommer die Verkürzung von literarischen Texten auf kurze Youtube-Videos ironisch reflektiert. In seinem Begrüßungsvideo bezeichnet er seine Filme als »eine knackige Kurzversion, die alles Wichtige enthält, und sich mit bunten Bildern in unsere Großhirnrinde einbrennt« (Sommer 2015a, 0:50-0:56).

 

Der Tonfall wie auch der weitere Verlauf der Begrüßung machen deutlich, dass Sommer den Akzent auf »knackig« und »bunt« legt: Sommer sieht sich als Literaturvermittler; seine Videos als einen Weg, um einen Zugang zu literarischen Texten zu schaffen. Am Beispiel der beiden erwähnten Fontane-Filme diskutiert der folgende Beitrag, welchen Stellenwert dieser Zugang im gymnasialen Deutschunterricht einnehmen kann und soll. Dazu ist zunächst eine kurze Analyse der Videos erforderlich, an die dann didaktische Hinweise anschließen, wie mit den Videos im Unterricht so gearbeitet werden kann, dass literarisches und mediale Lernen vertieft und erweitert werden kann.

Verdichtung, Visualisierung und Sprache der Videos

Die beiden Filme sind ähnlich gebaut: Zu Beginn zoomt die Kamera aus dem Hintergrund raus, so dass ein Bild erkennbar wird, vor dem dann die Vorstellung der wichtigsten Figuren des Romans stattfindet. Sommer zeigt die Playmobilfigur, die er einer literarischen Figur zugeordnet hat, stellt sie vor dem Hintergrund auf und charakterisiert sie knapp. Dazu formuliert Sommer in einem Satz die Fabel des Romans – bei Irrungen, Wirrungen vor der Vorstellung der Figuren, bei Effi Briest danach:

Es geht um Love and Marriage oder besser Ehe ohne Liebe aber mit Moral oder ohne jede… na ja, wir werden sehen. (Sommer 2015b, 2:01-2:07)

Diese Einführung ins Werk dauert eine gute Minute. Danach räumt Sommer alle Figuren ab und beginnt, den Plot ausgehend vom ersten Schauplatz des Romans nachzuerzählen – das Gut Hohen-Cremmen bzw. die Dörrsche Gärtnerei.

In der Folge verkürzt Sommer die beiden Romane auf rund 20 Szenen. Bei Irrungen, Wirrungen gibt es bis auf drei Ausnahmen zu jedem der 26 Kapitel eine Szene in der Zusammenfassung von Sommer, bei Effi Briest fehlen einige der 36 Kapitel, besonders die Handlung in Berlin wird gerafft und auf die Entdeckung der Briefe, das Duell und die Entfremdung der Tochter Annie reduziert.

Generell folgt Sommer dem Erzählrhythmus der Romane, was sich an Irrungen, Wirrungen gut zeigen lässt: Die ersten 16 Kapitel des Romans erzählen von Pfingsten 1875 bis zum Oktober desselben Jahres, als Lene den bereits verheirateten Botho in der Stadt trifft. Das 17. Kapitel beginnt mit einer Zeitangabe: »Drittehalb [zweieinhalb, wörtlich: »Das Dritte nur halb«, Anm. Ph.W.] Jahre waren seit jener Begegnung vergangen« (Fontane 1891, 116), die dann im 18. Kapitel konkretisiert wird: »Nun war Juni 78.« (ebd., 125). Sommer verschiebt diese bestimmte Ellipse leicht: In seinem Video erwähnt er sie vor den Geschehnissen in Kapitel 18 (»Zweieinhalb Jahre später ist alles schon eingespielt«, Sommer 2016, 7:29-7:31), aber nach dem in Kapitel 17 erzählten Umzug von Lene und Frau Nimsch. Ob es sich dabei um ein Versehen oder eine bewusste Erzählstrategie handelt, ist schwer zu entscheiden: Letztlich wird aber an dieser Stelle erkennbar, dass Sommer genau wie Fontane rund 60% der Erzählzeit für die Ereignisse im Sommer und Herbst 1775 verwendet.

 

 

Die Inszenierung von Sommer arbeitet stark mit amerikanischen Einstellungen, bei denen nur selten Figuren im Hintergrund ganz zu sehen sind. Die Kamera ist fix eingestellt, was dazu führt, dass alles, was zu nahe ans Objektiv gehalten wird, unscharf erscheint. Dieser Effekt ist aber wie die bei Szenenübergängen sichtbare Hand und die umgeblätterten Hintergrundbilder bewusst eingesetzt: Sie lässt die Zusammenfassung als improvisiert erscheinen. Sommer gibt nicht vor, ein reales Geschehen zu inszenieren, sondern er spielt die Handlung mit Playmobilfiguren nach. Die verwendeten Figuren verorten das Spiel des Dramaturgen zunächst in einer modernen Puppenstube: Die Nacherzählung erfolgt so, wie Kinder mit Playmobil spielen. Darüber hinaus lassen die Figuren aber die Protagonistinnen und Protagonisten der Romane Fontanes auch als Typen erscheinen, also als feststehende, unveränderliche Figuren mit fixierten Merkmalen. Einzig Effi Briest verändert Sommer im Laufe des Videos, indem er ihr einen Hut aufsetzt, um damit zu markieren, sie sei »unter die sogenannte Haube« gekommen (Sommer 2015b, 2:50). Nach der Scheidung nimmt er die Haube wieder ab (ebd., 8:55). Ansonsten sind aber besonders charakterliche Veränderungen der Figuren nicht sichtbar.

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Abb. 1: Unschärfe und Effi »unter der Haube« mit Rollo und Instetten (Sommer 2015b, 3:30)

Figuren und Hintergrund vereinfachen und vereindeutigen die erzählte Handlung, schaffen aber auch gleichzeitig eine Distanz: Es wird für die Zuschauenden deutlich, dass hier kein reales Geschehen dargestellt wird, sondern ein literarischer Text nachgespielt wird. Daraus resultieren auch komische Effekte, wenn Sommer etwa die Kutschen-Szene zwischen Effi und Crampas nachspielt. In der literarischen Vorlage wird sie so beschreiben:

»Effi«, klang es leis an ihr Ohr, und sie hörte, dass seine Stimme zitterte. Dann nahm er ihre Hand und löste die Finger, die sie noch immer geschlossen hielt, und überdeckte sie mit heißen Küssen. Es war ihr, als wandle sie eine Ohnmacht an. (Fontane 1895, 181)

Sommer drückt die Figur Crampas auf die der Effi: Das bei Fontane perspektivisch und detailliert Erzählte wird überdeutlich.

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Abb. 2: Die Kutschen-Szene (Sommer 2015b, 6:33)

Im Text kommentiert Sommer den möglichen Übergriff, durch den intertextuellen Verweis auf das Theaterstück, bei dem Effi im 18. Kapitel mitspielt, erklärt er aber einerseits eine mögliche Deutung dieses Handlungselements, verharmlost damit aber andererseits die sexualisierte Gewalt, die Fontane andeutet. Dieser Effekt wird durch die ironische Formulierung, »Effi setzt sich nicht genügend zur Wehr« verstärkt.

Effi setzt sich nicht genügend zur Wehr, als der Major über sie herfällt, und es passiert das, was man ‘Einen Schritt vom Wege’ nennt. (Sommer 2015b, 6:33-6.35)

So wird die Nacherzählung nicht nur eindeutiger, sondern auch mit humoristischen Effekten versetzt. Wer die Vorlagen Fontanes nicht kennt, kann nicht entscheiden, ob bestimmte Szenen dort lustig beschrieben sind, oder lediglich auf Sommers Playmobil-Bühne lustig erscheinen.

Daran hat auch die verwendete Sprache einen wesentlichen Anteil: Sommer verwendet mehrfach saloppe und auch vulgäre Ausdrücke. So bezeichnet er im Effi-Video Sidonie von Grassenabb als »blöde, adelige Bitch« (Sommer 2015b, 6:06), sagt, Effis Mutter fände Instetten »scharf« (ebd., 2:30). In Lenes Brief an Botho ersetzt er das Adjektiv »stattlich« (Fontane 1891, 38) durch »schnieke« (Sommer 2016, 3:01). Die Funktion dieser Ausdrücke sind eine klare Verankerung der Videos in der heutigen Zeit: Sie erscheinen deutlich als Nacherzählungen aus der Perspektive des 21. Jahrhunderts. Das verdeutlicht Sommer auch durch Anspielungen, etwa auf die Fernsehsendung »Wetten dass« (ebd., 4:01). Damit präsentiert er sich auch als Erzähler dieser Videos, der sie nicht nur kommentiert – etwa, wenn er anmerkt, die von Käthe im 18. Kapitel von Irrungen, Wirrungen angetretene Kur wegen ihrer Kinderlosigkeit sei ein »etwas lustiges Konzept eigentlich […], aber so war das damals« (ebd., 7:42-7:45) –, darüber hinaus erklärt Sommer einige derjenigen Aspekte, die in Schulausgaben der Werke in Fuß- oder Endnoten angeben werden: Willmersdorf sei zur Zeit von Fontane noch kein Stadtteil Berlins gewesen, mit dem Immortellenkranz trage Botho symbolisch die Liebe zu Lene zu Grabe, Kessin habe es nicht gegeben, die Stadt sei Swinemünde nachempfunden. Aufgrund der Kürze der Videos reduziert Sommer diese Erklärungen auf die von ihm dargestellten Szenen. Dabei folgt er aber auch Bedeutungsspuren im Text: Im Video zu Effi Briest zeigt er deutlich, welche Bedeutung dem Hund Rolle zukommt, während in Irrungen, Wirrungen to go die Motive der Namen und der Briefe nachvollziehbar präsentiert werden.

Arbeit mit den Sommer-Videos im Unterricht

In seinem Buch zu Literaturverfilmungen im Deutschunterricht betont Klaus Maiwald den »Eigenwert des Mediums Film« (Maiwald 2015, 21). Daraus leitet er einige Maximen ab, unter anderen fordert er, »nicht als erstes nach ‘Abweichungen’ von der Vorlage« zu suchen und den Film als »eigenständigen, audiovisuellen Text mit eigenen Darstellungsmitteln« zu begreifen, der »oft als Marktprodukt intendiert« sei und dessen Analyse am besten »von konkreten Textstellen« aus zu leisten sei (ebd., 140).

Verstehen wir die Arbeiten Sommers als spezifische Formen von Literaturverfilmungen, dann können wir uns an den Hinweisen Maiwalds orientieren. Ein produktiver Umgang mit den Playmobil-Videos müsste dann also von Text- oder Filmstellen ausgehen, mediale Eigenheiten der Filme in den Blick nehmen und auf eine Auflistung von Abweichungen verzichten.

Die folgenden Vorschläge zeigen, wie das im Bezug auf die hier im Fokus stehenden Beispiele denkbar wäre:

    1. Eine Szene des Videos visionieren, bevor die Klasse die entsprechende Passage im Roman liest. Als Beispiel eignet sich die erste Begegnung von Effi mit Roswitha im 13. Kapitel des Romans. Diese Szene wird von Sommer knapp vorgeführt (Sommer 2015b, 4:19-4:37) und mit einer Pointe abgeschlossen: Die Figur, welche Annie, das Kind von Effi, repräsentiert, fällt auf die Bühne. Beschreiben nun Schülerinnen und Schüler die Figur Roswitha und die Geburt von Annie im Video, so werden sie bei der Lektüre der Passage auf die entsprechenden Aspekte besonders achten (etwa auf den Kontrast und die Konkurrenz zwischen Johanna und Roswitha oder auf die Auslassung der Geburt in der Erzählung).
    2. Der Playmobil-Dialog zwischen Effi und Roswitha kann im Unterricht als Anlass dienen, die entsprechende Textstelle genau zu lesen. Schülerinnen und Schüler können von Sommer herausgefordert eigene 15-Sekunden Verdichtungen des Dialogs vornehmen oder beurteilen, wie Sommer das Gespräch verdichtet und bewertet hat.
    3. Sommer betont in seinen Videos für ihn wichtige Motive eines Romans. Daraus kann – nach Abschluss der Lektüre eines Fontane-Romans – ein weiterführender Auftrag entstehen: In einem ersten Schritt beschreiben die Schülerinnen und Schüler, welche Motive Sommer in seinem Video akzentuiert, in einem zweiten erstellen sie eine Liste mit weiteren wichtigen Motiven, die im Text fehlen. Allgemein lassen sich verschiedene Ideen finden, wie nach Abschluss der Roman-Lektüre weiterführende Überlegungen mit den Sommer-Filmen verbunden werden könnte: Warum lässt Sommer was weg? Was betont er, was schwächt er ab? Was ist ihm am Text wichtig, was nimmt er ernst, was weniger?
    4. Die Wirkung der Playmobil-Figuren in den Sommer-Videos ist eine attraktive Interpretationsübung für den Deutschunterricht: Sie verbindet einen persönlichen Zugang (»Wie wirken die Figuren auf mich?«) mit einem kultursemiotischen (»Wofür stehen (diese) Playmobilfiguren?«) und laden ein, die literarischen Figuren mit den ästhetischen Entscheidungen Sommers zu vergleichen (»Können sich die Figuren bei Sommer verändern?«, »Was würde sich ändern, wenn er Lego-Figuren oder Puppen verwenden würde?«). Diese Aufgabe zeigt gut, wie es vermieden werden kann, die Videos als defizitäre Abweichungen von einer Vorlage zu verstehen (also als eine »Ver-Filmung« im wörtlichen Sinne, vgl. Hickethier 1989), sondern sie vielmehr als Einladung verstehen kann, gleichzeitig über zwei ästhetische Verfahren nachzudenken und sie auch zu würdigen. Hier wäre es als Exkurs auch interessant, die Praktiken des Puppentheaters und des Einsatzes von Ausschneidefiguren im 19. Jahrhundert zu beleuchten. Er legt die Frage nahe, wie Sommer-Videos mit Medien, die für zeitgenössische Leserinnen und Leser Fontanes zur Verfügung standen, hätten umgesetzt werden können.
    5. Sommer selbst bezeichnet seine Videos als »eine knackige Kurzversion, die alles Wichtige enthält, und sich mit bunten Bildern in unsere Großhirnrinde einbrennt« (Sommer 2015, 0:50-0:56). Sie ersetze, so seine pointiert-ironische Argumentation, die Lektüre langer Werke, etwa für die Schule. Einen Hinweis darauf liefern die Kommentare unter den Videos. So schreibt etwa »gamer2000« im Januar 2018 unter das Video zu Effi Briest: »Wenn man sich in der 12 Klasse am Abend vor der Klausur diese Playmobil Zusammenfassung anschaut, weil man keine Ahnung von dem Buch hat, es aber in der Klausur dran kommt«, bei Irrungen.Wirrungen lautet der Kommentar mit den meisten Likes: »So bereitet man sich auf eine Klausur über Irrungen, Wirrungen vor.« (2016 verfasst von »Füchse Fan«).
      Tatsächlich benutzen Schülerinnen und Schüler Ersatztexte, um die Lektüre längerer Ganzschriften abkürzen zu können. Eine Diskussion darüber, was ein Video – etwa im Vergleich auch mit einem Kindler-Text – leisten und nicht leisten kann, ist für ältere Schülerinnen und Schüler eine anregende Aufgabe. Denkbar wäre beispielsweise, die Klasse nach der Lektüre von Effi Briestgruppenweise das Sommer-Video oder den Kindler-Eintrag oder den Wikipedia-Eintrag zu Irrungen, Wirrungen lesen zu lassen und dann über den Roman so zu sprechen, als hätten die Klasse ihn gelesen. Diese Erfahrung kann dann als Grundlage für eine Reflexion über solche Ausweichstrategien und das Lesen im Deutschunterricht herangezogen werden. Sie bezieht auch den Markt ein, in dem die Videos von Sommer um Aufmerksamkeit buhlen – zu Effi Briest finden sich auch andere Erklärvideos auf Youtube, die unter anderem ein Publikum ansprechen, das Hilfestellungen bei der Bewältigung schulischer Lektüreaufgaben benötigt.
    6. Werden die Werke für eine Prüfungsvorbereitung oder zum Vergleich mit anderen gelesenen Werken im Unterricht repetiert, so können die Sommer-Videos als schnelle Erinnerungshilfen dienen: Die Klasse kennt sofort wieder alle Namen und bekommt die zentralen Szenen noch einmal vorgeführt.
    7. Gerade im Vergleich mit einem Kindler-Text lässt sich noch ein kritischer Blick auf die Sommer-Videos werfen. Betrachten wir ein kurzes Zitat aus der Zusammenfassung von Irrungen, Wirrungen:

      So sind Botho und Lene ganz ohne Aufhebens in ihre Ordnung zurückgekehrt; doch das von Bothos Freund Pitt leichthin gesprochene Wort – »es tut weh, und ein Stückchen Leben bleibt daran hängen. Aber das Hauptstück ist doch wieder heraus, wieder frei« – trifft für sie nicht zu. Das Glück ihrer kurzen Liebe ist ihnen unvergesslich, aber auch der Schmerz der Trennung bleibt allgegenwärtig. Das Leben geht weiter, aber alles ist ohne Glanz, das »Hauptstück« ist »hängengeblieben«. (Kindler 2017, Paywall)

      Die hier verwendete Zitat-Technik bildet einen Kontrast du Sommer, der wenige Zitate einsetzt, weil er sie auch nicht markieren kann. Zudem erklärt der Kindler-Text die Bedeutung des Plots, während Sommer ihn nacherzählt. Gleichzeitig nimmt aber auch Sommer einen Kommentar vor, seine humoristische, dramaturgisch geschickte Inszenierung zeigt auch seine eigene Lesart der Romane, die gerade auch im Kontrast mit den Kindler-Texten herausgearbeitet werden könnte.

    8. Die doppelte Adressatenstruktur: Die Sommer-Videos wirken auf Menschen, die mit dem Text vertraut sind, deutlich anders als auf andere. Sommers Scherze wirken besser und stärker, wenn man ihr Verhältnis zum Originaltext beurteilen kann. Schülerinnen und Schüler finden die Videos in meiner Erfahrung nur bedingt lustig.
      Es ist deshalb naheliegend, davon auszugehen, dass Sommer gleichzeitig zwei Publika anspricht: Eines, das den Plot bedeutender literarischer Texte verdichtet kennen lernen will, ein anderes, das es genießt, eine freche Zusammenfassung bereits bekannter Texte dargeboten zu bekommen. Erarbeitet eine Deutschlehrerin oder ein Deutschlehrer mit einer Klasse, wie diese doppelte Adressatenstruktur funktioniert, so lässt sich leicht die Frage damit verbinden, ob auch die Fontane-Texte mit diesem Prinzip arbeiten und welche unterschiedlichen Gruppen von Leserinnen und Leser sie ansprechen…

Die Wahrnehmung von Schülerinnen und Schülern

Nach der Lektüre von Effi Briest hat eine Abiturklasse der Kantonsschule Enge Kommentare zum entsprechenden Playmobil-Video verfasst. Sie zeigen, wie Jugendliche die Videos wahrnehmen. Grundsätzlich sind sie handwerklich von der Arbeit Sommers überzeugt:

Die Figuren wurden gut gewählt. Gieshübler als freundlicher mit blumenbestickte Figur in violett, pink gekleidet. Oder auch Crampas mit seinem provozierenden Schnurrbart in giftgrün gekleidet kommt realistisch als Casanova an. Die wechselnden Hintergründe, die als Bühne verwendet werden, brachten Orientierung und Abwechslung. Ebenfalls gaben sie einem eine Vorstellung der jeweiligen Standorte und so erwachte diese Zusammenfassung zum Leben.

Auch die Sprache und der Rhythmus macht die Videos für Jugendliche zugänglich:

Ich muss gestehen, dass dieses schnelle Reden mit dem Wechsel von Personen und Hintergründen mich doch weiterhin aufmerksam schauen hielt. Vor allem für diejenigen, denen die altertümliche Sprache des originalen Romans nicht so zuspricht, gibt das Video der Geschichte einen modernen Touch.

Gerade aber im Vergleich mit der Arbeit am Roman im Unterricht erscheinen die Videos einigen Schülerinnen und Schülern eher flach:

Es steckt in Wirklichkeit viel mehr im Text, als diese etwas zu oberflächliche Zusammenfassung zeigt. Dennoch, ich denke, dass Herr Sommer ganz grob die Hauptereignisse der Geschichte gut erzählt, jedoch bleibt die Tiefgründigkeit eher auf der Strecke.

Diese Kritik erstreckt sich auch auf den Humor, den die Schülerinnen und Schüler mehrheitlich als unpassend empfunden haben, was darauf hindeutet, dass ihre Rezeptionserwartungen durch den literarischen Text parodistische Anteile bei einer Zusammenfassung ausschließen:

Die Art wie er es aber erzählt ist zu monoton und die Witze, die er machen will, kommen leider nicht so gut rüber. Witze sind in so einem Video unpassend, da man das Video schaut um Informationen zu bekommen und nicht um belustigt zu werden. Es ist sicherlich besser als nichts, aber eine schriftliche Zusammenfassung ist informativer und meiner Meinung nach hilfreicher.

Wert der Videos im Deutschunterricht

Was können die beiden Sommer-Videos konkret für einen zeitgemäßen und didaktisch durchdachten Deutschunterricht leisten? Sie sind eine zeitgemäße Form einer Adaption. Als solche zeigen sie eine Möglichkeit, wie in der auch durch mediale Möglichkeiten bestimmten Gegenwart ältere literarische Texte produktiv verarbeitet werden können. Symbolisch stehen die Videos im Unterricht für das Recht der Leserinnen und Leser, sich die Texte anzueignen, sie umzugestalten, produktiv damit umzugehen.

Das ist generell ein wichtiges Signal. Damit verbunden ist aber auch die Aufforderung, diese Filme wiederum als Texte mit entsprechenden ästhetischen Strategien zu verstehen, zu analysieren, wie sie funktionieren und welche besonderen Effekte sie zu erzeugen vermögen.

Darüber hinaus laden die Videos ein, über Verdichtungen, Nacherzählungen und Lektürehilfen im Allgemeinen nachzudenken – und selber ähnliche Texte zu produzieren.

Literaturverzeichnis

Fontane, Theodor (1891/2014): Irrungen, Wirrungen. Stuttgart: Reclam.

Fontane, Theodor (1895/2017): Effi Briest. Stuttgart: Reclam.

Hickethier, Knut (1989): „Der Film nach der Literatur ist Film – Volker Schlöndorffs »Die Blechtrommel« (1979) nach dem gleichnamigen Roman von Günter Grass (1959). In: Literaturverfilmungen. Hrsg. von Franz-Josef Albersmeier und Volker Roloff. Suhrkamp: Frankfurt a.M., S. 183–198.

Kindlers Literatur Lexikon (2017): Artikel »Effi Briest«. Abgerufen in der Online-Version, 5.1.2018: http://kll-aktuell.cedion.de

Maiwald, Klaus (2015): Vom Film zur Literatur. Stuttgart: Reclam.

Sommer, Michael (2015a): Sommers Weltliteratur to go – Begrüßung. Online: https://www.youtube.com/watch?v=w6O6H1QWq3A

Sommer, Michael (2015b): Effi Briest to go (Fontane in 11 Minuten). Online: https://www.youtube.com/watch?v=O24jFEA8lpc

Sommer, Michael (2016): Irrungen, Wirrungen to go (Fontane in 10 Minuten). Online: https://www.youtube.com/watch?v=MxzFLg_PhyA

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