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Wie schulische und wissenschaftliche Formate Nonsens produzieren

In meinem Buch habe ich Nonsens als Information definiert, die für Betroffene keine Relevanz hat. Sie müssten diese Information einordnen, können das aber nicht. Ein Beispiel sind Werbeslogans: Sie sagen nichts über die Welt aus, sind weder wahr noch falsch – und als Reaktion auf die Überforderung, die sie darstellen, lernen Kinder sie auswendig.

Der Grund für den vielen Bullshit ist der, dass Menschen einfach reden.     

Dieses Zitat aus Harry Frankfurts Abhandlung zu Bullshit macht deutlich, dass Nonsens in Situationen entsteht, in denen Menschen mehr sagen müssen, als sie wollen, können oder sollen. Werbetreibende müssen Aussagen machen, die mehr sind als relevante Information.

Dieses Problem gibt es auch in schulischen und wissenschaftlichen Kontexten. Betrachten wir dazu drei Beispiele – im Anschluss daran formuliere ich Ansätze zu einer Lösung des Problems.

(1) Vorträge

Eine klassische Aufgabenstellung im Deutschunterricht der 10. Klasse besteht darin, in einem 20-minütigen Referat die Biographie einer Persönlichkeit vorzustellen. Was passiert, zeigt das folgende Meme (»min« = Zürichdeutsch für »mein«):

Bildschirmfoto 2019-03-26 um 08.50.25

Instagram: @gymi_memes

Die Vorträge stellen oft angelesenes Halbwissen aus. Warum? Weil das Format das verlangt, es ist seine Affordanz. Der Vortrag wird nicht von den Schülerinnen und Schülern aus als Form für die Wissensvermittlung gewählt, sondern er ist der Anlass für den Wissenserwerb. Schülerinnen und Schüler gehen die Aufgabe also so an, dass sie 20 Minuten reden können – das ist ihr erstes Ziel, vorgegeben vom Format Vortrag.

Ein weiteres Problem: Die Schülerinnen und Schüler imitieren oft Muster, die sie kennen. Vor der Präsentation der Maturaarbeiten (große propädeutische Arbeit vor den schweizerischen Abiturprüfungen) habe ich mit einer Klasse einmal tedXZurich besucht. Sofort entstanden andere Vorträge, andere Folien.

(2) Aufsätze

Die Leute schreiben in der Schule so, wie sie das dort lernen. Daneben eignen sie sich aber für ihre Freizeit neue Konventionen an. Dort müssen sie nämlich nicht mehr komplexe Texte strukturieren, sondern Interaktionen organisieren.

Diese Analyse des Linguisten Androutsopoulos in einem Interview mit der SZ benennt das Problem der Aufsätze sehr gut: Es ist ein Format, das auf schulischen Konventionen beruht. Es gibt für Kinder und Jugendliche kein naheliegendes Kriterium, mit dem sie abschätzen können, was in einem Aufsatz Nonsens ist und was nicht – sie schreiben die Texte so, wie die Lehrkräfte sie haben wollen.

Der Gegenbegriff zu »komplexe Texte strukturieren« ist bei Androutsopoulos »Interaktionen organisieren«. Das ist Aufschlussreich: Da ich im Rahmen einer Interaktion ja durchaus merke, ob ich meine kommunikativen Ziele erreiche, ob ich die richtigen sprachlichen Formen wähle, um entsprechende Reaktionen hervorzurufen. Das ist bei Aufsätzen nicht der Fall – 90 Minuten lang zu einem vorgegebenen Thema etwas zu schreiben, produziert in jedem Fall Nonsens. (Was sich ja bei der Korrektur auch bemerkbar macht, aber dann oft in einer falschen Analyse auf die Inkompetenz der Schülerinnen und Schüler zurückgeführt wird.)

(3) Tagungen

Ich habe kürzlich #skipintro gefordert: Bei Tagungen sollen Grussworte und langfädige Einleitungen vermieden werden. Diese Forderung kann man erweitern: Generell sollen Formate vermieden werden, mit denen bestimmte Zeitslots gefüllt werden müssen, bei denen Menschen gezwungen werden, anderen zuzuhören. Auch wenn hochqualifizierte Menschen sprechen – sie tendieren dazu, Nonsens vorzubringen, sobald es einen Anreiz dazu gibt. Jedes Mal, wenn ich mich »für die nette Einführung« bedanke, wird mir bewusst, dass sowohl die Einführung wie auch der Dank lediglich Formalitäten sind, die zu formelhaftem Sprechen führen.

Was tun? 

Formalitäten können an Schulen und im akademischen Kontext nicht vermieden werden. Sie haben oft logistische Gründe, leiten sich aus Stundenplänen, Reglementen etc. ab. Vorträge, Aufsätze und Tagungen müssen an vielen Institutionen durchgeführt werden. Daran lässt sich kurzfristig wenig ändern.

Dennoch gibt es ein paar erste Schritte, die wir auf dem Weg zu Wissensvermittlung ohne Nonsens tun können:

  1. Unser Sprechen fokussieren:
    Wer vorträgt, vermeidet Nonsens. Wer schreibt, auch. Egal wie das Format aussieht: Nur Formulierungen verwenden, die relevant sind und Aussagekraft haben.
  2. Mit Formaten experimentieren:
    Dejan Mihajlovic bietet Schülerinnen und Schülern digitale Stories als Alternative zu Vorträgen an. Das Story-Format liegt der Erfahrungswelt Jugendlicher viel näher, sie können genauer abschätzen, wie es wirkt. Gleichwohl müssen sie damit Wissensvermittlung betreiben: Sie erweitern eine ihnen vertraute Praxis.
  3. Längenvorgaben vermeiden:
    Es gibt ein Kennedy zugeschriebenes Bonmot, eine gute Rede sei wie eine Badehose: Lang genug, um alles zu bedecken, aber kurz genug, um interessant zu sein. Kurz: Wer spricht oder schreibt, kann selber abschätzen, wie viel Raum das einnehmen soll. Dieses Urteil sollen Kindern von klein auf lernen. Wie sollen so lange sprechen dürfen, bis sie alles gesagt haben – aber nicht länger sprechen müssen.
    [Eine Obergrenze kann aber durchaus dabei helfen, Nonsens zu vermeiden – sie verhindert die subjektive Theorie, ein langer Text sei besser als ein kurzer, weil lange Texte durch die Aufgabenstellung schon ausgeschlossen werden. Eine Obergrenze lädt häufig zur Verdichtung ein.]
  4. Zwang vermeiden:
    Aus der Barcamp-Idee lässt sich viel Hilfreiches zum hier besprochenen Problem ableiten: Zum Beispiel »das Gesetz der zwei Füße«. Wer in einem Raum nichts mehr beitragen oder mitnehmen kann, geht.
  5. Den Freiheitsgrad erhöhen:
    Barcamps schaffen auch viele Freiräume für Menschen, die eigene Ideen haben, wie sie sich austauschen und weiterkommen können. Vorträge, Aufsätze und Tagungen sind oft unfreie Formate, bei denen vorgegeben ist, wie Wissen vermittelt werden muss. Warum nicht die Teilnehmenden in die Pflicht nehmen und ihnen die Freiheit geben, in den Formaten, die für sie passen, zu kommunizieren?
  6. Verantwortung übergeben:
    Das bedeutet letztlich auch, dass die Verantwortung bei den Lernenden liegt, nicht bei einem externen Rahmen. Im aktuellen System verantworten Lernende den Nonsens, den sie produzieren, nur teilweise: Weil sie auf Vorgaben reagieren müssen, die Nonsens belohnen oder einfordern.
  7. Muster reflektieren und durchbrechen:
    Sobald sich Muster ergeben, darüber sprechen und Formen finden, wie man sie ändern kann.

Habt ihr weitere Vorschläge, wie Nonsens vermieden werden kann? Ich freue mich wie immer über Feedback.  (Okay, das wisst ihr ja schon…)

Auch hilfreich: Wie man ein gutes wissenschaftliches Poster gestaltet.

Bildschirmfoto 2019-03-30 um 10.35.23.png

 

 

5 Comments

  1. Anonymous

    Danke für diesen Text! Sie schreiben mir aus der Seele. Als Moderatorin erlebe ich viele inhaltslose Wortmeldungen. Sogar Experten, die dafür bezahlt werden vor Publikum zu sprechen, tun dies schlecht vorbereitet. Die Redekunst wird in der Schule kaum gelehrt, deshalb fehlt der Sinn für Qualität.

  2. Patrick Keller

    Das mutmassliche Kennedy-Zitat zur Badehose krankt an der entscheidenden Stelle: ‚Long enough to cover it all‘ darf nicht mit ‚bedecken‘, sondern muss mit ‚abdecken‘ übersetzt werden, da nur Letzteres im Deutschen dem homonymen ‚to cover‘ entspricht.

  3. Die beschriebenen Phänomene beobachte ich auch. Ich frage mich bloß, ob die Formate selbst oder eher der unpassende Umgang mit ihnen dafür die Ursache ist. Insbesondere das angehängte Video über die situationsgerechte Gestaltung von Postern zeigt doch (wie auch einige der Beispiele im Text), dass die Kommunikationssituation angemessen reflektiert sein muss, damit ein adäquates Poster entstehen kann. Entsprechende Überlegungen müssten z.B. auch Schülervorträgen vorausgehen, damit nicht zu artifiziellen Kommunikationsanlässen bloß Pseudo-Kommunikation hervorgebracht wird.

    • Ja, das ist eine einleuchtende Differenzierung. Die Formate können ja durchaus auch kreativ wirken – aber nur, wenn sie reflektiert sind und auch zulassen, dass Muster durchbrochen werden können.

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