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Die Dialektik der Digitalisierung

Digitalisierung wird oft im Schema »Chancen und Risiken« reflektiert. Die Veränderung, welche als Digitalisierung beschrieben und unter diesem Begriff auch diskutiert wird, wird so polar bewertet: Etwas daran ist gut, etwas schlecht.

Passig und Lobo haben ihr Buch »Internet. Segen oder Fluch?« 2012 wie folgt eingeleitet:

Unbestreitbar: das Netz verändert die Welt. Die Frage aber, ob zum Guten oder zum Schlechten, ist nicht so eindeutig zu beantworten, wie die Verfechter beider Ansichten es gern hätten. Die einen bewegen sich in einem Feld zwischen fortschrittsgläubiger Naivität und selbstbewusstem Optimismus, die anderen verharren zwischen gesunder Skepsis und verbittertem Pessimismus. In der Diskussion steht oft Bauchgefühl gegen Bauchgefühl, und Argumente werden nur akzeptiert, wenn sie zu diesem Gefühl passen. Einen ärgerlich großen Raum nehmen reflexhafte Phrasen und kaum belegbare Behauptungen ein, verbunden zu einem emotionalen Amalgam, das mehr die Gruppenzugehörigkeiten festigen als irgendjemanden überzeugen soll.

Ich tendiere immer mehr zu einer anderen Ansicht, die ich im Folgenden kurz ausführe. Ins Schema lasse ich mich schon länger nicht mehr pressen, weil es für mich oft zu einer vorschnellen Bewertung führt. Wenn Lehrkräfte in Weiterbildungen gerne über »Chancen und Risiken« diskutieren möchten, dann überspringen sie dabei häufig Aspekte des Dagstuhl-Dreiecks (zu dem auch immer die Frage gehört, was denn »das« für eine Geschichte hat).

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Dagstuhl-Dreieck

 

»Datenschutz« ist etwa ein Konzept, das häufig gebraucht wird, um Risiken der Digitalisierung zu beschreiben – ohne vorher zu klären, wie Menschen mit ihren Daten umgehen oder wie das Konzept des Datenschutzes gesellschaftlich gehandhabt wird.

Wie ich bereits in einer Bemerkung zum Thema Freiheit im Netz ausgeführt habe, sehe ich die Transformation der Digitalisierung als dialektischen Prozess. Wo Freiheiten verschwinden, eröffnen sich andere Freiheiten. Mehr noch: Weil Freiheiten verschwinden, können sich neue Freiheiten eröffnen. Das Schlechte ist die Bedingung für das Gute (und umgekehrt).

Das gilt für viele andere Bereiche auch. Im Moment arbeite ich an einem Buch zum Thema »Macht im Netz«. Castells, der sich intensiv mit dieser Frage beschäftigt hat, notiert in einem Aufsatz eine grundlegende Einsicht:

Aber wo es Macht gibt, gibt es Gegenmacht, welche den Interessen und Werten derjenigen in untergeordneten Positionen der sozialen Organisation dienen.

Die großen Internetunternehmen, Google, Facebook, Apple, Amazon und Microsoft sind etwa unglaublich mächtig. Sie überwachen und kontrollieren praktisch jede Aktivität im Netz. Aber ihre Tools und Aktivitäten geben auch Menschen Macht, die sich gegen Überwachung einsetzen, welche die Zerschlagung dieser Megafirmen fordern und erfolgreich juristisch gegen sie vorgehen.

Auch bei der Arbeit an »Generation Social Media« ist die Dialektik bei praktischen Fragen des jugendlichen Lebens sichtbar geworden: Die Auswirkungen digitaler Medien auf das Körpergefühl, die Sexualität, die Risikobereitschaft oder die Gesundheit junger Menschen können nur dann genau beschrieben werden, wenn teilweise gegenläufige Bewegungen erfasst und miteinander verbunden werden. Was unter der Chancen-Risiken-Perspektive etwa als gefährlicher, oberflächlicher Körperkult erscheint, ist etwa gleichzeitig ein enormer Druck, anderen zu gefallen, sich präsentieren zu können – aber auch die Befreiung, offen über psychische und physische Gesundheit zu reden, sich selber im eigenen Körper anzunehmen. Konstantin Nowotny hat in diesem Zusammenhang auf das Instagram-Profil der Journalistin Gina Nicolini hingeweisen:

Wäre Nicolini nicht das perfekte Beispiel dafür, dass all die Bedenken hinsichtlich der Schädlichkeit von Selbstdarstellung und Scheinperfektion im Netz, hinsichtlich der inhaltsleeren, süchtigmachenden Reizüberflutung sich nicht so leicht bewahrheiten?

Bildschirmfoto 2018-08-22 um 13.57.18

Ein weiteres Beispiel für die digitale Dialektik ist das Thema der Selbstwirksamkeit. Der Tweet von Maik Riecken hat bei mir folgende Reaktion ausgelöst:

Nun hat Maik sicher recht, wenn er darauf hinweist, dass technische Anforderungen es nur Privilegierten mit den nötigen Kompetenzen, den nötigen Mitteln und der nötigen Zeit erlaubt, sich auch bei Problemen als handlungsmächtig zu erleben. Gleichzeitig gibt es aber sehr unscheinbare Nischen, in denen Menschen gerade in digitalisierten Kontexten Lösungen für alltägliche Probleme erarbeiten.

Digitalisierung ist ein komplexer Prozess, bei dem alle Bereiche der Gesellschaft ineinander spielen: Angetrieben von wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Prozessen wird sichtbar, was passiert, wenn sich eine Gesellschaft wandelt. Das als dialektischen Prozess zu sehen, bei dem das Verschwinden von Möglichkeiten an die Entstehung neuer Möglichkeiten gekoppelt ist, ist nicht besonders originell: Praktisch alle Veränderungen funktionieren so.

Zu fordern, erstens genau zu verstehen, wie sich die Digitalisierung auswirkt, und zweitens den Blick für diese Dialektik zu schärfen, erscheint unter dem Blickwinkel von »Gefahren und Risiken« als Verharmlosung. Wer sich nicht von der Gruppenzugehörigkeit lösen kann, wird die dialektisch Denkenden nicht als Teil ihrer Gruppe erleben. Aber darum geht es auch gar nicht: Die Unsicherheit und Komplexität der Digitalisierung kann nur gedacht werden, wenn alle Aspekte berücksichtigt werden.

7 Comments

  1. Julian Vögel

    Das ist zum Teil richtig! Auf lesefunk.de ist jetzt auch ein Artikel zum Nachhaltigkeits-Pessimismus erschienen.

  2. Maik Riecken

    Dialektik ist in den Religionen ein häufiges Konstrukt, um intellektuelle Kritik am Konstrukt des Glaubens zu entschärfen.

    Datenschutz
    Deine Perspektive zum Datenschutz geht davon aus, dass sich die Mehrheit der Menschen aus eigenem Antrieb und freiem Willen das Netz zu eigen machen. Aus einer anderen Sichtweise ist auch der Gedanke möglich, dass insbesondere Socialmedia so designed ist, dass Aktivität und Produktivität durch z.B. addictive design maximiert werden, dass Grundbedürfnisse des Menschen maximal befriedigt sind. Datenweitergabe wird belohnt, Datensparsamkeit bestraft. Konzernseitig ist dieses Konzept durch marktwirtschaftliche Gesetze bedingt, nicht primär durch das Bestreben, dem Menschen neue Handlungsräume zu ermöglichen. Wer auf Autobahnen unterwegs ist, bekommt einen Eindruck von der Sogkraft von Socialmedia: Viele Erwachsene riskieren ihr eigenes Leben und das Leben anderer Verkehrsteilnehmer, um an diesem Prozess zu partizipieren. Du möchtest u.a. diese Mechanismen verstehen und zur Grundlage von Datenschutzüberlegungen machen, weil du dieses Ergebnis von Addictive Design als Maßgabe setzt. Das tust du wahrscheinlich, weil du dich in diesem Raum selbst als kompetent und handlungswirksam erlebst. Die Fähigkeiten, die es dazu braucht, sind aber mitnichten gesamtgesellschaftlich so reflektiert, dass sie heute schon zur Grundlage von Bildung gehören würden. Das hat für mich auch damit zu tun, dass algorithmische Mechanismen sich unserer unmittelbaren Erfahrungswelt durch ihr Abstraktheit entziehen. Es ist nicht unmittelbar einsichtig, warum ein heutiges Googlecaptcha ohne Rechenaufgabe oder Bildmarkierung auskommt. Es wird auch nicht darüber informiert, dass ein Tracking auf „menschliche Mausbewegungen“ stattfindet (die prinzipiell sogar für das Fingerprinting geeignet sind). Das könnte man ja durchaus machen und Menschen entscheiden lassen, ob sie das nutzen wollen. Aber das bleibt – wahrscheinlich aus dialektischen Überlegungen heraus – stealth (ist ja bequemer und bringt Erleichterung bei der Nutzungserfahrung). Die ungeheure Komplexität, das Zusammenspiel aus technologischen, sozialen und kulturellen Elementen ist aber auch ungemein schwierig in den breiten Bereich von Bildung hineinzuübersetzen. Da ist die Gegenüberstellung von „Gut und Böse“ zunächst durchaus hilfreich, aber natürlich langfristig eine zu einfache Lösung.
    Genau das meine ich, wenn ich sage, dass du einer einer ungemein privilegierten Position heraus argumentierst – das bezieht sich mitnichten allein auf eine technologische Perspektive. Datenschutz ist dir und mir in seiner heutigen Form einfach im Weg für unser persönliches Handeln, für Routinen und Workflows, die uns wichtig geworden sind.

    Selbstwirksamkeit
    Natürlich gibt es immer wieder Beispiele von Menschen, die sich in diesem System unangepasst und überraschend verhalten und zum Vorbild für andere werden. Die muss man aber auch gezielt suchen, wenn man deinen Argumentationsgang stützen will – du selbst sprichst ja auch – sprachlich mehr oder minder offen – von „Nischen“, in denen man Selbstwirksamkeit erleben kann – die Socialmedia-Nische der AfD in Deutschland ist allerdings schon ein stärkeres Indiz für deinen Gedanken, aber natürlich leider politisch jetzt nicht so positiv besetzt – dazu unten nochmal mehr. Ich bezweifle, dass das breite gesellschaftliche Realität ist und ich bezweifle auch, dass man aus Einzelfällen eine dialektische Konstruktion in deinem Sinne ableiten kann.
    Du zitierst einen Gedanken, der das dialektische Konzept von Macht und Gegenmacht vertritt. Im Prinzip gebe ich dir Recht, dass es immer wieder einzelnen Menschen in Nischen (s.o.) gelingt, den David zu geben. Ich bin aber fest überzeugt davon, dass das Socialmedia und das Netz insgesamt eine viel wirkungsvollere Umgebung für die Goliaths sind, weil sie eben Grundbedürfnisse der Menschen doch recht maximal befriedigen und einige wenige Konzerne algorithmisch vermittelt kontrollieren können, was wir sehen (wenn wir nicht kompensieren, was aber sehr unbequem ist). Darüberhinaus wird ständig erforscht, was wir sehen müssen, um das Addiction-Level zu maximieren (so entwickeln sich „natürlicherweise“Algorithmen – ganz im Sinne einer Marktlogik).
    Wiederum lebst du als privilegierter Mensch in einer starken Demokratie mit einem noch weitgehend freien und unregulierten Netz (was es zu erhalten gilt). Wenn staatliche Player mit einer Ideologie in diesem Feld mitspielen, kommt so etwas wie Social-Scoring in China heraus (Wo du ja auch neue „Freiheitsgrade“ siehst, was noch einer Erklärung harrt. Link: https://schulesocialmedia.com/2017/06/14/dialektik-der-freiheit-im-netz/#comments).

    Ich halte deine Idee einer dialektische Sicht vor allem für eine Immunisierungsstrategie gegen Kritik. Dialektik in diesem Sinne ist leicht übertragbar auf andere Inhalte, etwa das Rauchen, Religion etc.. Sie ermöglicht dir bei unterschiedlichen Entwicklungen in der Zukunft ein stetiges Ausweichen und es wirkt, als ob sie sich über die Menschen erhebt, die in „Gut oder Schlecht“ kategorisieren. Die Aussage, dass die Digitalisierung Chancen und Gefahren bietet kann m.E. ohne Weiteres bestehen, nur gehen deren Vertreter natürlich ein höheres Risiko als du mit deinem dialektischen Ansatz ein, wenn ihre Aussagen später in der Rückschau betrachtet werden werden.
    Wir wissen heute eigentlich eine ganze Menge mehr darüber, was mit dem Netz möglich ist und was es insgesamt mit Gesellschaft macht. Die Position, dass man zunächst komplexe Wirkmechanismen genauer und dialektisch beschreiben muss, bietet gerade den Raum für Entwicklungen in die eine oder die andere Richtung. Notwendig erscheint mir eher die Kontroverse, weniger die Synthese.

  3. Pingback: Digitale Transformation – Ein Anfang – Dejan Mihajlovic

  4. Andreas Siebel

    …und noch eine provokante Frage: Welchen Einfluss nimmt man selbst auf die Freiheit im Internet, wenn man sein eigenes Blog mit Trackern von Akismet, WordPress, Twitter, Facebook, gravatar und Google ausstattet?

      • Andreas Siebel

        Es gibt Möglichkeiten ein Blog ohne große Einschränkung Tracker-frei zu gestalten. Der Nutzen ist also größtenteils imaginär.

        Die Einschränkung hingegen ist existent und nicht nur für einige Menschen. Die ganze Gesellschaft verliert ihre (digitale) Freiheit, wenn Teilhabe an der digitalen Welt (z.B. dieses Blogs) bedeutet, dass man von einigen wenigen Mächtigen abhängig macht. Ich würde den Einfluss daher nicht dialektisch nennen, denn das Maß an Freiheit, dass man durch die Tracker gewinnt steht in keinem Verhältnis zu der Unfreiheit und Abhängigkeit die man erzeugt.

  5. Zitat: „Wo Freiheiten verschwinden, eröffnen sich andere Freiheiten.“

    Natürlich ist es so.

    Nicht nur mit den Freiheiten, die angeblich aufgrund der Digitalisierung verschwinden, sondern auch mit den Arbeitsplätzen.

    Denn den vielbejammerten Arbeitsplätzen, die in der alten Wirtschaft verloren-gehen, stehen neue Arbeitsplätze entgegen, die es früher nicht gab.
    Es entstehen genauso neue Arbeitsplätze, nur eben in der digitalen Welt.

    Zudem wandeln sich Berufsbilder ständig. Berufe verschwinden (und deren Arbeitsplätze) und neue kommen und entstehen.

    Beispiel: Wo Arbeitsplätze bei Papierzeitungen entfallen, entstehen neue bei digitalen Medien.
    Und auch, wenn einige dem archaischen Ritual, Bäume zu fällen, um Papier daraus zu machen, um dann Informationen auf dieses Papier zu drucken, betrauern: Was sicher nicht der Fall ist, daß dadurch Arbeitsplätze verloren-gehen.

    Und ähnlich verhält es sich mit Freiheiten.
    Es verändert sich, verschiebt sich, aber daß insgesamt mehr Freiheiten verschwinden würden als sich neue eröffnen, kann ich nicht feststellen.

    Früher hätten die meisten nicht die Möglichkeit gehabt, eine Zeitung zu etablieren, ohne sehr sehr viel Geld im Rücken zu haben. Allein das zu drucken und zuzustellen, sind horrende Kosten.
    Das Internet macht es möglich (als neue Freiheit), daß Blogs, Internetzeitungen, Meinungsportale uvam. mehr entstehen können.

    Die Macht der alten Papierredaktionen, zu entscheiden, was relevant ist oder nicht, schwindet.

    Allerdings greifen auch in den digitalen Bereichen schon wieder neue Zensurmaßnahmen, die diese neuen Freiheiten wieder einschränken. Man sehe nur die umstrittene Zensur auf Facebook, Twitter oder auch bei Google, bei denen völlig legale Beiträge teilweise einfach entfernt werden.

    https://facebook-sperre.steinhoefel.de/

    Man darf also gespannt sein, wie sich die Freiheiten hier entwickeln werden.

    Unabhängig ob Papiermedien oder digitale Medien: Es hängt die Einschränkung oder Nicht-Einschränkung doch mehr von Politik und Gesellschaft ab als von Digitalisierung oder Nicht-Digitalisierung.

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