Dialektik der Freiheit im Netz

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Für eine Tagung arbeite ich gerade an einem Impulsvortrag über Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung. Dabei lese ich in Martin Lindners Buchmanuskript »Die Bildung und das Netz«. Im Kapitel 3a, Die Ver-Web-ung der Bildung, bin ich auf einen interessanten Gedankengang gestoßen, den ich gerne aus meiner Sicht etwas ausführen möchte.

Bildschirmfoto 2017-06-14 um 16.26.56.png Internet, Bürokratie und Bildungssystem: Martin stellt diese sozialen Apparate in Bezug auf ein dialektisches Freiheitsmoment in einen Zusammenhang. Sie steuern und kontrollieren, sie schaffen Möglichkeiten zur Überwachung und Machtausübung, sie schaffen Privilegien für eine Elite – aber immer mit dem Ziel, den Anwenderinnen und Anwendern mehr Möglichkeiten, mehr Zugänge zu verschaffen.

Die elementare WhatsApp-Erfahrung ist: Ich kann ohne gemeinsame Präsenz Gespräche führen. Formelle und informelle, unterwegs am Smartphone oder schnell tippend am Rechner, in Gruppen oder zu zweit, mit meiner Stimme oder schriftlich. Gleichzeitig ist diese Erfahrung aber einer umfassenden Problematik unterworfen: WhatsApp ist datenschutztechnisch bedenklich, weil Daten anfallen, die von Facebook benutzt werden, mit denen eine Sozialkontrolle denkbar ist, die ich mir noch nicht vorstellen kann.

Das Web 2.0 führt zu einer »Emanzipation«, wie Martin Lindner richtig schreibt. Zugang zu maßgeschneiderten Informationen und Vernetzung wirken befreiend. Es war noch nie so einfach, Gleichgesinnte oder Menschen mit ähnlichen Interessen zu finden, noch nie so einfach, Reisen zu planen, präzise Wetterberichte abzurufen, Produkte zu vergleichen, Anleitungen und Rezepte auszutauschen etc. Diese Steigerung von Möglichkeiten ist einem verbreiteten Freiheitsbegriff zentral.

Gleichzeitig geht das alles nicht, ohne sich in Systemen und Plattformen zu bewegen, in denen meine Spuren aggregiert und ausgewertet werden; die Basis für subtile Steuerungen bilden, die meine Freiheit genauso bedrohen. Ich schaue auf Youtube vermeintlich, was ich sehen will – aber öfter das, war mir ein Algorithmus aufgrund meines früheren Verhaltens empfiehlt. Ich vernetze mich auf Facebook mit den Menschen, welche die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ich viel Zeit auf Facebook verbringe – weil das findige Ingenieurinnen und Ingenieure so geplant haben.

Kurz: Wie fast überall hat Freiheit auch im Netz einen Preis. Und wie fast überall ist eine einfache Kritik der Unterjochung und der Big-Data-Bewegung unterkomplex, weil sie gerade diese Freiheitsmomente unterschlagen, welche die großen Internetkonzerne in der höchsten Qualität anbieten.

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philippe-wampfler.ch

4 Comments

  1. Pingback: Liebenswerte Störenfriede « Allgemein « riecken.de

  2. „Totale Überwachung“ und „befreiend“ finde ich arg schwierig in einem Satz. Wie kann die Transparenz der totalen Überwachung zu Freiheit führen? Dadurch, dass man weiß, wie und in welcher Form man überwacht wird? Ich glaube, dazu sollte sich ein chinesischer ein Bürgerrechtler mal äußern.

  3. Hm – also sowas wie eine Dichotomie? Ich stimme dir zu in Bezug auf starke Demokratien, wo gewährleistet ist, dass ein Interessenausgleich zwischen Datensammlern und Nutzern stattfindet, z.B. durch Privacy-by-Design-Konzepte. In totalitären Kontexten ist das u.U. eine Herausforderung und zunehmend auch in Demokratien, da privatwirtschaftliche Daten prinzipiell staatlichem Zugriff unterliegen könnten. Also: Noch unterkomplex für die westliche Welt.. In China und der Türkei vielleicht demnächst treffend.

    • Ich sehe diese Dialektik auch in China – das Social Scoring etwa führt zwar zu massivem Druck und totaler Überwachung, führt aber auch transparente Regeln ein, die durchaus befreiend wirken können.

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