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Was kommt nach dem MOOC?

Die Diskussion über zeitgemäße Bildung und Lernen mit digitalen Medien mündet immer wieder in der Frage, mit welchen Formaten denn die gesammelten Einsichten umgesetzt werden können.

Seit knapp 10 Jahren gibt es dafür das MOOC-Paradigma: Große, offene Netzkurse schienen die Antwort auf die Frage darzustellen, wie denn Bildung im Netz aussehen könnte und müsste. Martin Lindner zieht in seinem großen Buch Bilanz zur MOOC-Bewegung aus deutschsprachiger Perspektive:

Das alles sind Nischenaktivitäten. Die großen Erwartungen wurden ebenso wenig eingelöst wie die großen Befürchtungen. Inzwischen ist man ist wieder zum gewöhnlichen Alltagsgeschäft zurückgekehrt.

Dennoch, so Lindner, war die MOOC-Erfahrung wichtig und hat entscheidende Perspektiven auf Hochschulbildung eröffnet:

Wenn man das Web-Medium ernst nimmt, nötigt es dazu, die Studieninhalte von Grund auf neu zu überdenken. […] Aus ernsthaften MOOCs ergeben sich Grundsatzfragen, die nicht auf die Lehre beschränkt sind. WissenschaftlerInnen sollten sie sich eigentlich selbst immer neu stellen: Was ist es eigentlich, was wir da lehren? Was erzählen wir der Welt, wenn sie fragt, was genau wir da eigentlich machen?

Damit diese Diskussionen vorangehen können, braucht es aus meiner Sicht ein neues Paradigma. Es müsste immer dann, wenn gefragt wird, wie den zeitgemäße Bildung aussehen könnte, als Begriff fallen und schnell umgesetzt werden.

Das neue Paradigma muss folgende Kriterien erfüllen:

  1. Settings der Wissensvermittlung von Wissenden an Noch-nicht-Wissende aufbrechen. Also keine Erklärvideos oder Kurse, sondern Austausch, Einbindung verschiedener Perspektiven.
  2. Skalierbarkeit 1: Das Format muss mit sehr vielen Teilnehmenden aus verschiedenen Kontexten durchführbar sein, aber sich auch in lokal ausgerichteten Projekten niederschlagen.
  3. Skalierbarkeit 2: Ähnlich wie ein Etherpad muss das Format in Minuten aufgesetzt werden können, wenn sich fünf Menschen entscheiden, gemeinsam lernen zu wollen, wie man Gemälde datiert. Daraus muss aber die Anlaufstelle für alle Menschen werden können, die zum Thema etwas lernen wollen.
  4. Präsenz- und Netzlernen müssen darin zusammengedacht werden.
  5. Der Präsenzanteil darf nicht die Funktion haben, die Teilnehmenden zu etwas zu zwingen, sondern ihnen etwas ermöglichen (andere Perspektiven wahrzunehmen,  Diskussionen zu führen etc.).
  6. Das Format muss zugleich offen und verbindlich sein; d.h. die Teilnehmenden müssen sich willkommen und gemeint fühlen, es ist *ihr* Kurs. Gleichwohl gibt es keine Ausschlussverfahren, wer mitlernen will, ist willkommen.
  7. Das gilt auch für die technische Seite: Es braucht offene Standards, die aber trotzdem verbindlich gepflegt und aktualisiert werden.
  8. Keine Anbindung an bestimmte Institutionen: Ein ideales Lernparadigma im Netz dient nicht dazu, die Bedürfnisse von Hochschulen, Berufsschulen oder Unternehmen abzudecken, sondern diejenigen von Lernenden in allen Settings.
  9. Das Format muss so in soziale Netzwerke integrierbar sein, dass es viele Schnittstellen eröffnet und auch quasi nebenher wahrgenommen werden kann.
  10. Es geht nicht um ein Produkt einer Firma, die darauf einen Einfluss hat. Das Format muss Gemeingut sein, das an beliebige Zwecke adaptiert werden kann.

Das scheinen sehr viele Anforderungen zu sein – doch ich denke, ein einfacher Begriff, eine minimale Methodik und ein flexibles Open-Source-Tool könnten reichen, um ihnen zu genügen.

Wer hat Ideen oder kennt Ansätze?

Bildschirmfoto 2018-07-17 um 08.49.13

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5 Comments

  1. Marco Bischofsberger

    Ad 1: Paradigmawechsel in der Lehrerinnenausbildung: Untericht ist nicht Vermittlung von Wissen, sondern Kreation von Settings, die Aneignung von Wissen mäglich macht. Das hast Du ja wiederholt und immer wieder gesagt. Das scheint mir der entscheidende Paradigma-Wechsel in der Fachdidaktik. Wenn das Wirkung hat, wird hoffentlich vieles besser.
    Ad 7 et al: Ja. habe über Jahre versucht, educanet in der Schule beliebt zu machen. Gescheitert. Zu kompliziert. Zu introveriert. In diesem Zusammenhang ist auch Weiterbildung fragwürdig. Es braucht mehr allgemeine IT-Kompetenz nicht LSM et al. spezifische. Open source würde ich sehr begrüssen.
    Ad 5: Problem des Fremdsprachenunterrichts: Wir brauchen ein Setting, wo es möglich ist, Fehler zu machen. Dies wäre bei educanet möglich, wenn es denn nicht so kompliziert und unsexy wäre.

  2. frawadi

    Hallo Philippe,

    in Ermangelung eines für mich schlüssigen Konzeptes habe ich einmal sehr grundsätzlich nachgedacht und ein Modell formuliert, das ich Bedürfnisorientiertes Lern-Designs (BoLD) nenne. Dahinter steckt keine bestimmte Methode, sondern ein neuer Denkansatz, zu dem viele Formate passen – inklusive instruktionaler Elemente wie Lernvideos übrigens, wenn diese ihre Vorteile ausspielen können. Der Ansatz ist eigentlich universell, für Bibliotheken habe ich ihn mit Beispielen in der „Bibliothek Forschung und Praxis“ Anfang des Jahres mit konkreten Beispielen beschrieben, hier ist der freie Preprint:
    https://edoc.hu-berlin.de/handle/18452/19359
    Vielleicht ist da Brauchbares dabei?
    Viele Grüße
    Frank

  3. Ein wesentlicher, wenn nicht der wesentlichste Bestandteil des Lernens überhaupt ist die Zuverlässigkeit. Lernende müssen sich auf ihre Umgebung verlassen können.

  4. Andreas Sägesser

    Wir versuchen solche Lernumgebungen im intrinsic Learning Lab zu entwickeln. Vielleicht kann es gelingen, das intrinsic Learning Lab auch als Forschungsgegenstand zu „nutzen“ ..

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