Optimierung oder Disruption – Schulsystem und Digitalisierung

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Beginnen wir mit einem Beispiel: An Schweizer Gymnasien ist es ein Qualitätsmerkmal, wenn alle Noten transparent und basiert auf frühzeitig mitgeteilten Kriterien vergeben werden. Schüler*innen und Eltern wünschen sich das, für Lehrkräfte und die Schulleitung verhindert es Konflikte und nicht zuletzt entspricht es aktuellen didaktischen Vorstellungen über Bewertungen in der Schule.

Teil dieser Transparenz ist eine digitale Datenbank in der Cloud, in der Lehrkräfte die Noten erfassen und die Lernenden und/oder ihre Eltern sie einsehen können. An meiner alten Schule habe ich damit mehrere Jahre gearbeitet, an der neuen gibt es ein solches System nicht (oder nur bei Lehrkräften, die es selbst aufgezogen haben).

Persönlich bin ich davon überzeugt, dass jeder Aspekt eines Gymnasiums verbessert würde, wenn keine Noten mehr vergeben würden. Ohne auf Details einzugehen stehe ich deshalb für diese Vision ein, weil sie Unterrichtsqualität verbessert, ineffiziente Lernkontrollen verhindert und den Lernenden die Verantwortung für die Bewertung ihrer Lernerfolge übergibt. Selbstverständlich ist sie heute weder pädagogisch noch juristisch umsetzbar, machbar sind erste Annäherungen.

Daraus entsteht ein Dilemma: Soll ich mich nun im Rahmen meiner Möglichkeiten für diese Vision einsetzen oder für die Einführung einer digitalen Notenverwaltung? Ressourcen für beides habe ich wahrscheinlich nicht. Soll ich mich also vor dem Hintergrund der Digitalisierung für eine Optimierung des aktuellen Systems einsetzen oder eine Änderung des Systems anstreben (im Wissen darum, dass Arbeit im 21. Jahrhundert Sinnfindung und Kreativität erfordert, wie sie in der aktuellen Prüfungskultur kaum möglich ist)? Disruption wäre der Begriff, mit dem eine radikale Änderung bezeichnet wird.

Es handelt sich bei dieser Entscheidung deshalb um ein Dilemma, weil das aktuelle System viele Qualitäten hat. Die Arbeitsbedingungen für Angestellte sind recht gut (auch wenn sie Einbußen erlitten haben). Das Bewusstsein für Qualität und Entwicklung ist vorhanden. Mit kleineren Abstrichen funktioniert die staatliche Schule recht demokratisch und schafft Zugänge für alle Mitglieder der Gesellschaft. Mit digitalen Mitteln für eine Disruption einzutreten, kann das ganze System gefährden – wie die Spardiskussion exemplarisch zeigt.

Zwei Bemerkungen möchte ich noch anfügen:

(1)
Lisa Rosa denkt aus systemtheoretischer Perspektive über Veränderungen nach und hat kürzlich den Vergleich zwischen Verkehr und Schule eingebracht: Wenn Räder und ÖPNV besser funktionieren als Autos, dann braucht es Anreize für eine Verhaltensänderung (positive oder negative). Dasselbe gilt aus ihrer Sicht für die Schule: Das hieße Beförderungen, Projekte und attraktive Arbeitsumgebungen für die Lehrpersonen, die Lernen im Sinne des 21. Jahrhunderts verstehen.

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(2)
Intrinsic Campus heißt eine Initiative, die Lernen, Schule und Ausbildung von Lehrkräften von der Idee des intrinsisch motivierten Lernens her neu konzipieren will. Sie verwendet dafür Formate wie Barcamps und digitale Portfolios, mit denen zukünftige und heutige Lehrkräfte zunächst ihr eigenes Lernen reflektieren und dokumentieren sollten, bevor sie Lernprozesse begleiten. (Ob der zentrale Punkt wirklich intrinsische Motivation ist, lässt sich sicher diskutieren – die Entscheidung für diese Leitidee lässt sich aber gut mit meiner Kritik an der Steuerung über Prüfungen und Noten verbinden).

Diese Initiative steht neben dem System, sie schafft – im besten Falle – ein neues System, das dann als Alternative zum bestehenden zur Verfügung steht. Sie bezieht sich aber stark auf eine Kritik am etablierten System. Einer der Beiräte, Christoph Schmitt, spricht davon, Intrinsic Campus würde »Schule neu erfinden«. Neben seinem hartnäckigen Einsatz für Visionen äußert aber regelmäßig scharfe Kritik am aktuellen System, wie die folgende Notiz aus seiner Social-Media-Präsenz zeigt:

Das Bildungssystem ist als Gesamtorganismus hirntot. Mit der Betonung auf „Hirn“. Seine Mitarbeitenden und KlientInnen merken das allein deshalb nicht, weil alle Lebensfunktionen dieses Systems von Maschinen am Leben erhalten werden. Künstlich ernährt durch sinnlos verbrannte Steuergelder. Als Herz-Lungen-Maschine fungiert ein absurdes Zertifizierungswesen. Wenn wir das abschalten, ist der Patient innerhalb kürzester Zeit mausetot. Da sitzen wir lieber alle betrübt ums Bett, lauschen den Dia- und Prognosen der Experten, die durch dieses Setting ihr eigenes System finanzieren – und hoffen auf ein Wunder.

Die Frage für mich wäre: Muss neues Lernen, muss die Vision immer dialektisch mit dem verbunden sein, was heute schlecht oder weniger gut funktioniert, oder ginge das thinking outside the box auch ganz ohne die Box immer wieder in den Fokus zu nehmen?

 

The Author

philippe-wampfler.ch

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