Dystopischer Fortschritt und Wertewandel

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Am Wochenende habe ich mit Stipendiatinnen und Stipendiaten in Tutzing am Starnberger See über Digitalisierung und Bildung nachgedacht. (Einige Gedanken dazu können auf diesem spontan entstandenen Instagram-Account nachgelesen werden, meine Präsentationen gibt es hier.) 

Bei einem der Essen kam an meinem Tisch plötzlich die Frage auf, welchen Zweck der Mensch noch erfülle, wenn Maschinen dereinst alle seine Aufgaben übernehmen würden (Beispiele waren »Legal Tech« und die Vorstellung, dass juristische Arbeiten zu einem großen Teil automatisiert werden könnten, sowie das Gedankenexperiment, was Beziehungsapps, die mit vielen Daten gefüttert würden und dann Partnern oder Partnerinnen Hinweise geben, wie sie sich in der Beziehung oder in Gesprächen verhalten sollten).

Es war eine große Angst vor dieser Zukunft spürbar, weil sie sich auf das Menschenbild auswirken. Unabhängig von der Richtigkeit der Prognosen (über die tatsächlichen Möglichkeiten künstlicher Intelligenz kann man sich ja durchaus streiten) halte ich diese Angst jedoch auch aus einem zweiten Grund für falsch: Veränderungen sind immer auch von einem Wertewandel begleitet.

Als Beispiel kann das Rauchen herangezogen werden. Noch bis in die 1980er-Jahre wurde an Universitäten in Lehrveranstaltungen geraucht. Als ich am Gymnasium in der ersten Klasse war (1993), durfte man im Eingangsbereich und in der Mensa rauchen – selbstverständlich auch in Raucherabteilen im Zug etc.

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Rauchende Zuhörer in der Aula der Universität Zürich (Filmbild), 1971 (Quelle)

Hätte man den hier abgebildeten Studenten gesagt, in der Zukunft sei das Rauchen in allen öffentlichen Räumen untersagt, hätten sie das wohl als eine Dystopie empfunden, als eine massive Einschränkung ihrer Freiheit. Heute ist das aber Realität – und wir alle halten das für sinnvoll, für gesund, für die einzig vernünftige Lösung.

Übertragen wir das Beispiel auf autonom fahrende Autos, so können wir das heute als einen Freiheitsverlust und ein moralisches Problem wahrnehmen. Sind sie eine Realität, dürften wir Werte haben, die uns ein deutlich positiveres Bild erlauben. Oder anders formuliert: Wenn wir abschätzen könnten, was sich in Zukunft genau verändert, können wir dennoch nicht beurteilen, wie es sich für Menschen in Zukunft anfühlen wird.

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philippe-wampfler.ch

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