Digital lesen, digital schreiben – Einsichten aus der Wissenschaft

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Für eine Weiterbilungsveranstaltung habe ich kürzlich einen Input vorbereitet, in dem ich beschrieben habe, welche wissenschaftlichen Studien es zu digitalem Lesen und Schreiben gibt. Im Folgenden eine knappe Zusammenfassung der wesentlichen Einsichten. Die verwendeten Studien finden sich fast alle in diesem Google-Drive-Ordner

Das im Zusammenhang mit digitalen Texten prominenteste Thema ist »deep reading«. Damit ist ein komplexer kognitiver Prozess gemeint, der dazu führt, dass Lesende eigene Gedanken entwickeln, mit dem Text verbinden, verschiedene Perspektiven einnehmen und sich als Lesende wahrnehmen können.

Eigenschaften digitaler Lektüre stehen »deep reading« offenbar im Weg. Das zeigen Studien aus Norwegen (Anne Mangen ist die profilierteste Forscherin in diesem Gebiet):

  1. Die Modalität des Lesens (am Bildschirm/auf Papier) ist statistisch signifikant mit dem Leseverstehen korreliert (etwa gleich stark wie die Fähigkeit, Wörter in einem Bandwurm erkennen zu können).
  2. Dafür gibt es eine Reihe von möglichen Erklärungen:
    a) Die Navigation in digitalen Texten erfordert zusätzliche kognitive Kapazitäten. Scrollen, digitales Blättern etc. unterbrechen den Lesefluss.
    b) Lesen in Büchern/auf Papier erfolgt dreidimensional: Lesende verorten Informationen örtlich, d.h. auf den einzelnen Seiten und im Verlauf eines Buches (vorne/hinten). Das ist digital kaum möglich.
    c) In den Tests wurden die Leseverständnisfragen am Bildschirm eines Rechners ausgefüllt. Dadurch konnten die analog Lesenden switchen – eine Aktivität, die Reflexion fördert und zu besseren Resultaten führen kann.
    d) LCD-Displays, die selbst strahlen und nicht Licht reflektieren, beeinträchtigen die Merkfunktion des Gehirns.
    e) Wer analog liest, arbeitet stärker mit Metakognition: Denkt also mehr darüber nach, wie das eigene Denken funktioniert und die Aufmerksamkeit gesteuert wird. Metakognition ist der entscheidende Aspekt bei Deep Reading.
  3. Die digitale Leseperformance kann verbessert werden:
    a) durch Training (es oft tun)
    b) durch Selbstbeobachtung bei digitalen Aktivitäten – Menschen, die regelmäßig und intensiv am Computer gamen, können digital besser lesen
    c) durch eine Fixierung der Zeit, die für eine Aufgabe genutzt wird: digitale Arbeitsformen führen dazu, dass sich Lernende selbst überschätzen und zu wenig Zeit einplanen – digitales Lesen ist nicht schneller, wird aber oft schneller ausgeführt
    d) Multitasking technisch verunmöglichen, z.B. Internetzugang ausschalten, andere Programme ausblenden etc.

Mangen hat auch erforscht, wie sich die Präferenzen von Jugendlichen in Bezug auf digitales Lesen verändern. Während Knaben aufgeschlossener sind, ziehen nach einigen Erfahrungen die Mehrheit der Befragten die digitale Lektüre vor. Diese Präferenz besagt aber nichts über den Prozess bzw. seine kognitiven Auswirkungen. Digitale Lesemethoden stellen durchaus eine Erweiterung des Lesebegriffs dar, weil gerade die Möglichkeit des Scannens und Springes im Text dem Leser einen Entscheidungsraum eröffnet. Auf den Punkt bringt diese Überlegung Matthias Bickenbach im »Historischen Wörterbuch des Mediengebrauchs«:

Doch auch wenn Hyperlinks Netze von Bezügen bieten, in denen Leser individuell navigieren, bleibt Lesen an die Konstitution eines Zusammenhangs gebunden. Der Sprung des Links kann nicht nur Erweiterung sondern auch Unterbrechung und Störung des Leseflusses sein. Die Euphorie vom Hypertext als selbstbestimmter Navigation durch Informationsfluten findet am Zusammenlesen eines Zusammenhangs seine kritische Grenze. Der Mediengebrauch des Internets erfordert (und fördert) daher hohe Kompetenzen, die als hypertextuell navigierende Lektüre heute ebenso Beobachtung finden sollte wie der konzentrierte Nachvollzug im ‚guten Buch‘. (S. 399)

* * *

Auch  die Forschung zu digitalen Notizen zeichnet ein eher düsteres Bild, wie eine Abbildung aus der Studie von Mueller und Oppenheimer (2014) zeigt:

Bildschirmfoto 2015-03-28 um 15.18.28

Können studierende Fakten aufgrund digitaler Notizen gleich gut abrufen wie auf der Basis von handschriftlichen, so leidet das Tiefenverständnis klar unter der gewählten Methode. Hilfreich kann es sein, Studierende explizit dazu anzuhalten:

  • nicht wörtlich mitzuschreiben
  • Notizen zu verdichten, also knapp zu halten
  • die Notizen noch einmal zu studieren, nachdem sie angelegt worden sind.

Erweitert man den Horizont und fragt generell nach den Vorzügen oder Nachteilen der einzelnen Schreibmethoden, dann lässt sich folgendes Fazit ziehen: Wer Notizen anlegt oder Zusammenhänge nachvollzieht, tut das von Hand wirkungsvoller. Wer hingegen eigene Gedanken formuliert und Texte produziert, arbeitet digital besser – und zwar unter einer Bedingung: Man muss schnell tippen können (das geht oft vergessen). Einen Test kann man hier durchführen – das Ziel müssten 60 Wörter pro Minute sein.

Clive Thompson, ein faszinierender Wissenschaftsjournalist, hat dazu geschrieben und vorgetragen:

Oft gehen die Vorzüge von digitalen Schreibverfahren etwas vergessen: Im Idealfall werden Texte in Version publiziert und können ständig verändert werden. Dabei arbeiten mehrere Menschen zusammen, etwa in Google Drive. Wollen wir also digitale Notizen untersuchen, dann müssten wir Projekte anschauen, wo Studierende gemeinsam in einem Dokument Notizen anlegen und diese kontinuierlich verbessern – weil sie nur so das Potential der Werkzeuge nutzen.

* * *

Ganz allgemein lässt sich sagen, dass wissenschaftliche Untersuchungen drei Punkte nicht verändern werden:

  1. Die kognitiven Leistungen von Menschen passen sich ihrer Umgebung an. Eine digitale Lernumgebung verlangt nach anderen Kompetenzen als eine analoge. Das ist ganz neutral zu sehen.
  2. Es gibt kein Werkzeug, das auf alle Situationen anwendbar ist. Digitales Lesen und analoges Lesen haben wie die beiden Schreibverfahren ihre Stärken und Schwächen.
  3. Der entscheidende Punkt ist Metakognition: Ich muss selbst über meine Verfahren, mein Denken und meine Leistung nachdenken und entsprechende Schlüsse ziehen.

Meine Schlüsse: Während ich viel am Computer schreibe und lese, lege ich Notizen bei Vorträgen wieder vermehrt von Hand an und digitalisiere dann meine Mitschriften.

Bildschirmfoto 2015-03-28 um 15.42.57

The Author

philippe-wampfler.ch

3 Comments

  1. Pingback: Social reading – mit Daten einen besseren Unterricht gestalten | smart digits

  2. Pingback: Metakognition | digithek blog

  3. Claus Laabs says

    Vielen Dank für diese Zusammenfassung. Das räumt doch mal mit ein paar Vorurteilen auf und präzisiert doch einiges.

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