Anleitung: Als Blogger ein Sachbuch schreiben, publizieren und vermarkten

Vor einigen Wochen ist mein zweites Sachbuch, Generation »Social Media«, erschienen. Es wäre vermessen zu behaupten, ich hätte einen riesigen Erfahrungsschatz – gleichwohl möchte ich die Einsichten, die ich habe gewinnen können, hier formulieren. Wie immer ist es hilfreich, wenn andere in den Kommentaren korrigierend und ergänzend eingreifen.

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Die Ausgangslage

Ich gehe davon aus, dass eine Person durch das Führen eines Blogs profunde Fachkenntnisse in einem Gebiet erworben hat. Damit hängt auch ein Netzwerk zusammen, in das andere Fachleute eingebunden sind. Der Blog und seine Akzeptanz bei einem Publikum mit Expertise stellt sicher, dass die nötigen sprachlichen und inhaltlichen Kompetenzen vorhanden sind.

Die Motivation

Blogger führen Blogs – sie müssen keine Bücher schreiben. Mein erstes Buch – Facebook, Blogs und Wikis in der Schule – wurde in einem Jahr gut 1000 Mal verkauft: In dieser Periode wurden einzelne Beiträge auf meinem Blog über 5000 Mal angeklickt. Ein Buch hilft nicht dabei, ein Publikum zu finden, weil sich Bücher nicht von selbst lesen und schon gar nicht von selbst verkaufen. Bücher können aber helfen, ein anderes Publikum zu finden. Meine Zielgruppe waren Lehrpersonen und andere Menschen, die mit Jugendlichen zusammenleben oder -arbeiten. Darunter gibt es viele, die kaum Blogs lesen, Bücher aber schätzen.

Hinzu kommt ein zweiter Aspekt: In vielen Bereichen schaffen Bücher eine Reputation. Zu sagen, man führe ein Blog, zeichnet einen in gewissen Kreisen kaum aus – weil ja, so die Annahme, jede und jeder ein Blog führen könne. Wer Bücher schreibt, wird stärker als kompetent wahrgenommen als wer ein Blog führt. Das gilt auch für die berufliche Qualifikation.

Geld darf keine Motivation sein. Mit Sachbüchern lässt sich im deutschen Sprachraum kaum Geld verdienen. Alle akademischen Publikationen kosten die Autorinnen und Autoren Geld (das manchmal von Stiftungen oder Institutionen bezahlt wird).

Das Konzept

Bevor man das Buch ankündigt, sollte man ein Exposé geschrieben haben: Zwei Seiten mit den wesentlichen Inhalten und Thesen (hier mein Beispiel). Hinzu kommt ein grobes Inhaltsverzeichnis sowie ein Zeitplan. Damit verbunden ist eine Vorstellung davon, wer sich für das Buch aus welchen Gründen interessieren könnte und wer einem helfen könnte, das Buch zu realisieren und zu verkaufen. Ohne Zielgruppe und Netzwerk funktioniert der Prozess meiner Meinung nach nicht.

Verlag oder Fundraising

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, sollte es entweder möglich sein, einen geeigneten Verlag zu finden oder per Fundraising bzw. Crowdsourcing genug Geld zu sammeln, um das Buch im Selbstverlag erscheinen lassen zu können. Dabei sollte der Blog als Nachweis eingebracht werden, dass ein Interesse am Buch besteht.

Wiederum müssen die Erwartungen klar sein: Weder ein Verlag noch Fundraising führen dazu, dass man davon leben kann, ein Sachbuch zu schreiben. Beide Wege führen lediglich dazu, die Kosten für Lektorat, Grafik, Satz etc. abzufedern. Nur Stars unter den Sachbuchautorinnen und -autoren erhalten Vorschüsse bzw. erzielen mit ihren Werken Gewinn.

Meine Erfahrungen mit einem Verlag sind sehr gut. Aber auch für Selfpublishing spricht vieles

Schreiben

Zwei Dinge sind aus meiner Sicht zu vermeiden: Eine Doppelung des Blogs, indem Beiträge einfach in das Buch kopiert werden, sowie das Gegenteil: Ein vom Blog völlig unabhängiges Buch. Gute Ideen und Beiträge müssen ins Buch übernommen werden, aber so, dass engagierte Blogleserinnen und -leser nicht den Eindruck haben, alles schon einmal gelesen zu haben. D.h. es müssen neues Material, neue Recherchen und neue Verbindungen hinzukommen.

Die Blogstruktur mit kurzen, abgeschlossenen Beiträgen ist für ein Sachbuch dankbar – dennoch sollten Teile verbunden und Kohärenz angestrebt werden. Hier hilft nur, kritische Lektorinnen und Lektoren zu bitten, einzelne Kapitel zu kommentieren. Angst, jemanden vor der Abgabe des Manuskripts reinschauen zu lassen, ist aus meiner Sicht völlig unbegründet: Wer mithilft, ist meist auch bereit, für das Buch einzustehen und anderen davon zu erzählen.

Nicht zu lang werden: Blogs versammeln viel Material. Einiges ist überholt, anderes langweilig. Ein knackiges Sachbuch überschreitet gerade mal die 100-Seiten-Marke. Länge ist kein Qualitätsmerkmal. Viele Sachbücher können gut auf 15 Seiten abgehandelt werden – es muss sich lohnen, das Buch zu kaufen.

Überarbeiten und korrigieren

Blogbeiträge sind nie fertig. Sie können immer wieder verbessert und überarbeitet werden. Bei Büchern ist das anders. Es lohnt sich also, drei Korrekturphasen einzuplanen, bei denen jeweils andere Personen beigezogen werden. Viele Verlage korrigieren oder lektorieren Sachbücher kaum oder gar nicht – das sind kostspielige Angelegenheiten (das ist keine Kritik an meinem Verlag, Vandenhoeck & Ruprecht – mit dem ich außerordentlich zufrieden bin). Diese Perfektionierungsschritte gelten auch für die grafischen Belange.

Marketing

Davon verstehe ich wenig. Letztlich befolge ich drei Ziele:

  1. Das Buch breit zu streuen, damit Menschen darüber schreiben und sprechen. Das kostet Geld, lohnt sich aber, wenn man möchte, dass das Buch gelesen wird.
  2. Viele Verknüpfungen schaffen: Im Blog auf das Buch verweisen, bei Wikipedia, in Fachforen etc. Und zwar nicht aufdringlich, nicht werbend: Sondern so, dass die Inhalte anderen Leuten weiterhelfen.
  3. Präsenz in Medien anstreben, die für Zielgruppe attraktiv sind. Das ist einfacher gesagt als getan.

Fazit: Aufwand und Ertrag

Ich arbeite sehr effizient, brauche aber pro Buch sicher mehr als 500 Stunden Arbeit, bis es publiziert wird. Für Marketing etc. kommt in der ersten Phase ein wöchentlicher Aufwand von einem Arbeitstag hinzu. Der Ertrag ist, dass über das Buch gesprochen wird – und im besten Fall etwas Geld reinkommt, das einen Teil der Investitionen abdeckt.

Wer etwas zu sagen hat, sollte ein Sachbuch schreiben. Der Aufwand lohnt sich, die Prozess schafft oft Klarheit und Orientierung in der Thematik. Einfach so nebenbei läuft das aber kaum, auch wenn man auf einen gut gefüllten Blog zurückgreifen kann.

 

 

Texte markieren – analog und digital

Doc - 05.08.2014 09-35

So sieht eine Seite aus der Novalis-Ausgabe aus, die ich für meine Masterarbeit verwendet habe (ein Klick macht sie groß). Nach einigen Jahren geisteswissenschaftlichem Studium war ich geübt darin, Texte zu markieren und mit Randnotizen zu versehen. Diese Arbeit erleichterte mir die Orientierung im Text, führte mich bei der mehrmaligen Lektüre alte Gedankengänge vor Augen und schaffte die nötige Verarbeitungstiefe, um eine wissenschaftliche Arbeit zu schreiben.

Dieses Kompetenzbündel lässt sich an analogen Texten gut einüben. Lese ich mit Deutschklassen das erste Buch, steht diese Frage immer im Raum: Wie kann ein Text so ausgezeichnet werden, dass das eine Mehrwert bringt? Das analog zu tun, ist nicht nur sehr einfach, sondern wohl auch vernünftig – zeigen doch Studien, dass handschriftlich angelegte Notizen mit nachhaltigeren Lernprozessen verbunden sind als digitale.

Gleichwohl ist das Potential der digitalen Auszeichnung noch längst nicht ausgeschöpft. Gestern erhielt ich von Rahel Tschopp, die an der Pädagogischen Zürich als Dozentin für Medienbildung arbeitet, Auszüge aus dem Manuskript meines neuen Buches zugestellt. Sie hat sie digital bearbeitet – markiert, mit Anmerkungen und Visualisierungen versehen, wie man unten sieht.

Rahel Tschopp nutzt dabei beispielsweise den digitalen Raum: Sie schafft Leerstellen im Text, die sie mit eigenen Inhalten füllt. Sie arrangiert Gelesenes neu. Viele weitere digitale Techniken wären denkbar, wenn es darum geht, das oben skizzierte Kompetenzenbündel digital umzusetzen. Deshalb dürfte das vernünftige Fazit lauten: So wie die meisten Menschen heute analog und digital arbeiten, führt das Lesen auf Papier und das Schreiben von Hand zu deutlich besseren Resultaten. Dabei ist aber das Potential der analogen Verfahrensweisen viel besser ausgeschöpft als das der digitalen: Kulturgeschichtlich aber auch lernbiografisch wurde viel mehr Energie in diese Techniken investiert.

Wer also digitale Texte markiert, darf den Mehraufwand oder den Effizienzverlust getrost als einen Beitrag zum Lernen der Zukunft verstehen.
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