Erlaubnisstrukturen und Identität – eine psychologische Theorie digitaler Plattformen

Erlaubnisstruktur ist ein Begriff aus der politischen Kommunikation (im Englischen «permission structure»). Er geht davon aus, dass Menschen sich eine mehr oder weniger feste Identität gebildet haben, zu der auch bestimmte Wertvorstellungen gehören. Eine Erlaubnisstruktur ist nun ein Angebot an Menschen, etwas zu tun, was eigentlich ihrer Identität und ihren Werten widerspricht – aber sie können es dennoch tun, weil sie dafür eine Rechtfertigung oder eben Erlaubnis erhalten haben.

Betrachten wir ein Beispiel: Eine Person ist Angestellte und arbeitet in einem Büro. Sie wohnt in einer Mietwohnung, ist gerne aktiv und lernt leicht neue Leute kennen. Sie ist offen, liberal und unterstützt in der Politik grundsätzlich eher linke Kandidat:innen und Anliegen. Die Person sieht sich als pflichtbewusst und anständig. Respekt und Ehrlichkeit haben einen hohen Stellenwert für sie.

Was könnten nun Erlaubnisstrukturen sein?

  • Viele der Mieter:innen im Wohnhaus unserer Person stellen Schuhe ins Treppenhaus, obwohl das aus feuerpolizeilichen Gründen verboten wäre. Die Erlaubnisstruktur für unsere Person: Sie tut das auch, weil es schon so viele andere tun.
  • Die Mutter unserer Person hat ein Aufnahmegespräch im Altersheim und wünscht sich ihre Begleitung. Gleichzeitig ist ihr klar, dass sie am Arbeitsplatz an diesem Termin keinen Urlaub erhalten wird, weil viele in den Ferien sind und ein kritisches Geschäft ansteht. Der Wunsch der Mutter und das Wissen, sonst sehr pflichtbewusst zu sein, schaffen eine Erlaubnisstruktur: Die Person meldet sich an diesem Morgen krank und begleitet ihre Mutter.
  • In der Primarschule wurde die Person von Schüler:innen gemobbt, deren Eltern aus dem Land X ausgewandert sind. Eine rechtspopulistische Partei behauptet, das Rechtssystem gehe mit Menschen aus dem Land X zu nachsichtig um, aus Fairnessgründen müssten diese härter angefasst werden. Das ist die Erlaubnis, die unsere Person braucht, um bei den nächsten Wahlen zwei Kandidatinnen dieser Partei zu wählen.

Entscheidend ist nun, dass die Person ihre Identität nicht verändert. Sie sieht sich als pflichtbewusst, ehrlich und offen, auch wenn sie in diesen Situationen Pflichten verletzt, gelogen und zur Ausgrenzung von Menschen beigetragen hat. Die Erlaubnisstrukturen haben ihre Identität und Werte nicht verändert, sie haben vielmehr Möglichkeiten geschaffen, um in einzelnen Ausnahmefällen nicht so zu handeln, wie die Identität und die Werte das eigentlich verlangen würden.

Junge Erwachsene arbeiten immer wieder raffinierte Pläne aus, um sich selber an der Nutzung von Instagram oder anderen Apps zu hindern. Mit dem Konzept der Erlaubnisstruktur kann man sagen, dass sie offenbar eine Identität geschaffen haben, in der die intensive Nutzung digitaler Plattformen nicht vorgesehen ist. Gleichwohl schaffen diese Apps und der darauf ausgespielte Content immer wieder die nötigen Erlaubnisstrukturen, um solche Ausnahmen zu ermöglichen.

Nun liesse sich die Nutzung digitaler Medien in die Identität integrieren. Ich selber habe kein Problem damit, mir selbst und anderen Menschen gegenüber zu sagen, dass ich digitale Medien mag, dass ich viel Zeit am Handy verbringe. Ich schäme mich nicht dafür, ich habe kein schlechtes Gewissen – diese Zeit erlebe ich als gewinnbringend, als sinnvoll genutzt. So geht es aber vielen Menschen nicht. Warum nicht? Weil sie ihr eigenes Verhalten auf den Plattformen wiederum nur als Erlaubnisstruktur wahrnehmen – als Ausnahme, nicht als Teil ihrer Identität. Sie bewundern das inszenierte Leben und den verzerrten Körper von Influencer:innen, obwohl sie sich vorgenommen haben, sich davon nicht beeinflussen zu lassen. Sie laden immer wieder Kleidungsstücke in ihre Online-Einkaufskörbe, obwohl sie wissen, dass diese Einkäufe impulsiv und unvernünftig sind. Sie rutschen in Unterhaltungs-Rabbit-Holes, die mehr Zeit und emotionale Energie kosten, als eigentlich zur Verfügung steht.

Was von Social Media übrig bleibt, ist eine maximal effiziente Erlaubnisstruktur. Dosiert dürfen sich wohl alle Menschen Ausnahmen hingeben. Entstünden daraus Muster, wäre es wohl gesünder, die Identität anzupassen – wenn Männer regelmässig Sex mit Männern haben, sind sie wohl schwul oder bisexuell, nicht hetero. Sich das einzugestehen, wäre wohl richtiger, als nach Gründen zu suchen, sich solche «Ausnahmen» zu erlauben. Nur: Wenn ich mich ständig in Versuchung führen lasse, obwohl ich das eigentlich nicht möchte und mir ohne Versuchung diese Ausrutscher gar nicht passieren würde – dann braucht es keine Anpassung der Identität.ine Anpassung der Identität.

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