Die Arbeit mit analogen Heften – eine didaktische Handreichung für den BYOD-Unterricht in Zeiten von KI

Seit einer Weile nutze ich im Unterricht mit BYOD-Klassen zunehmend analoge Hefte. In diesem Beitrag möchte ich erklären, wie ich arbeite und welchen Sinn ich in dieser Arbeitsform sehe. BYOD ist eine grosse Ablenkungsmaschine – Hefte sind eine meiner Antworten darauf, ein didaktischer Kniff.

Das fehlende Schreibvertrauen

Für Schüler:innen ist es selbstverständlich, dass sie Schreibarbeiten an «Chat», also ChatGPT, übergeben können. Der niederschwellige Zugang zu dieser Technologie hat zu einem tiefen Misstrauen gegenüber dem eigenen Schreiben geführt. Schüler:innen sind unsicher und sehen sich schnell mit Schreibblockaden konfrontiert, wenn sie einen Text selbständig verfassen sollen. Geschieht das am digitalen Gerät, ist die Versuchung sehr stark, Abkürzungen zu verwenden und sich anzusehen, wie die KI eine Schreibaufgabe lösen würde, wie eine KI das leere Blatt füllt.

Eigene Texte wirken für Schüler:innen schnell fehlerhaft, wenig elegant. Sobald sie in ein Heft schreiben (müssen), können sie diese innere Zensur ein Stück weit ausschalten. Was dabei hilft: Mit anderen zusammen in einem Zimmer zu sitzen, in dem alle in Hefte schreiben, in beschränkter Zeit einen Schreibauftrag erledigen zu müssen.

Was ins Heft kommt und was nicht

Um einem Missverständnis vorzubeugen: Meine Schüler:innen sollen individuelle Hefte führen, nicht einheitliche. D.h. dass ich ihnen Anregungen gebe, dann aber erwarte, dass sie eigene Zugänge dazu finden und in ihren Heften dokumentieren. Entsprechend sehen alle Hefte anders auf – vom Aufbau über die einzelnen Seiten. Sie alle dokumentieren aber Auseinandersetzungen mit ähnlichen Texten und Themen.

Die Bedeutung der Sichtbarkeit

Mit einer Klasse habe ich mit Heften begonnen, weil ich in Rückmeldungen mitbekommen habe, dass Schüler:innen Hemmungen haben, Notizen zu machen, wenn andere das nicht auch tun. Sobald die Hefte im Spiel sind, sind alle immer an der Arbeit an diesen Heften. Es gibt gar keine Entscheidung mehr, etwas aufzuschreiben oder nicht – ich habe die Entscheidung für die Klasse getroffen.

Die sichtbare Arbeit an den Heften führt auch dazu, dass man sich gegenseitig in die Hefte schauen kann. «Ich mache das so, wie machst du das» wird zu einem selbstverständlichen Teil der Arbeit.

Mehr noch: Auch der Blick ins eigene Archiv ist aufschlussreich. Schüler:innen können vergleichen, wie sie früher gearbeitet haben und erkennen Verbesserungen und Lernfortschritte. Diese zeigen sie mir als Lehrer auch gerne, sie können sich enorm schnell Feedback einholen. Bei digitalen Arbeiten gäbe es immer einen Abgabe- und Rückgabevorgang, der beim Zeigen eines Heftes und einem kurzen mündlichen Kommentar entfällt.

Dialogisches Lernen

Ich lese generell viel mehr Texte von Schüler:innen, wenn sie mit Heften arbeiten. Oft hinterlasse ich kurze Kommentare mit Inputs oder Anmerkungen von mir.

Dabei hilft es, wenn die Schüler:innen in den Heften nicht ins Reine schreiben. Ich habe im letzten Projekt Gedichte analysiert (im Heft eingeklebt und dann beschrieben) und Gedichte produzieren lassen (im Heft als Entwurf). Reinschriften von Interpretationen oder eigenen Gedichten haben die Lernenden dann meist digital erstellt. In dieser Phase können sie auch Hilfsmittel wie KI beiziehen, vorher aber nicht.

Mit diesen Entwürfen kann ich dialogisch arbeiten (wie ich das hier für Studierende ausgeführt habe). Ich gebe kurze Rückmeldungen und formuliere dann neue Aufträge für die Klasse. Am Ende einer Lektion ziehe ich die Hefte ein und bringe sie in die nächste Stunde wieder mit. So entsteht für die Klasse und für mich ein guter Rhythmus.

Lerneffekte

Ich zeige hier ein paar Seite aus dem Heft einer Schülerin, die sehr erfolgreich gearbeitet hat. In ihren Arbeiten zeigt sich, was grundsätzlich als Erfolg denkbar ist:

  • bewusste Gestaltung mit analogen Mitteln
    -> die Seiten sind übersichtlich, attraktiv zu lesen
  • Verdichtung
    -> durch die handschriftliche Arbeit und Gestaltungsmittel rückt das Wesentliche in den Vordergrund
  • Vermischung von kreativer, produktiver Arbeit und analytischer Tätigkeit
    -> in guten Heften schreiben Lernende eigene Texte und bearbeiten die Texte von Autor:innen – der Übergang ist fliessend
  • Sicherheit und Unklarheiten
    -> die Hefte bestärken Schüler:innen, sie zeigen ihnen aber auch, wo sie etwas noch nicht genügend verstanden haben
  • Fokus
    -> Schüler:innen arbeiten oft sehr fokussiert an ihren Heften, gerade wenn sie zum Schluss einer Stunde noch mit etwas fertig werden wollen
  • Metakognition
    -> Ich fordere Lernende immer wieder auf, in ihren Heften zu lesen und sich zu überlegen, was sie verstanden haben, welche Praktiken sie einsetzen, wo Fragen offen geblieben ist. So entsteht die Möglichkeit für metakognitive Erkenntnisse.

Fazit

Hefte senken die Hemmungen, zum eigenen Schreiben zu kommen. Sie geben Schüler:innen Sicherheiten und ermöglichen mir als Lehrer einen engen Austausch mit den Klassen. Ich werde die Methode in allen Klassen bis zur Matur einsetzen. Nicht in allen Projekten, aber in vielen. Die Lerneffekte sind beachtlich.

7 Kommentare

  1. Avatar von lehrwolke lehrwolke sagt:

    Hallo Philippe,vielen Dank für den anregenden Blogpost. An meiner Schule gibt es auch eine starke Befürwortung analoger Heftführung. Wie hast du das Nebeneinander von digitalen Materialien (bei uns mit Goodnotes) und analoger Mappenführung organisiert bzw. wie organisieren die Schülerinnen ihr Materialmanagement

  2. Avatar von Marc Böhler Marc Böhler sagt:

    Lieber Philippe

    Mit diesem Beitrag hast du einerseits einmal mehr stark deine Street-Cred in didaktischen Fragen unter Beweis gestellt, weil du von deiner kultur- und technikoptimistischen Perspektive abrückst und zeigst, dass «auch heute noch alte Medien sinnvolle didaktische Mittel sein können». Ich habe das schon einmal vor mehr als 10 Jahren erlebt, als wir gemeinsam eine Fortbildung für Lehrpersonen an der Kanti Wohlen geleistet haben. Dort gab es einen Moment, wo du eine Tabelle an der Wandtafel nach einem Feedback von einem Teilnehmer durch schnelles Löschen und Ersetzen von einem Wort angepasst hast. Zugleich hast du gesagt: «Jetzt wurde schön klar, was für ein gutes Lernmedium eine Wandtafel immer noch ist!»

    Andererseits empfinde ich deinen Beitrag wie eigentlich alle Beiträge von dir als kalt. Mich würde zusätzlich zu diesem «Papierheft-Trick im volldigitalen Zeitalter» interessieren, was du fühlst, dass nun wegen AI der Schreibstau wieder zurückkommt. Ich möchte dabei an die Monographie «Wie Jugendliche schreiben. Schreibkompetenz und neue Medien» erinnern, die am Deutschen Seminar der UZH (u. a. von Christa Dürscheid und Sarah Brommer) entstanden ist. Die Forscherinnen zeigten darin empirisch, dass das ständige digitale Chatten Jugendlichen die Hemmungen nahm und den klassischen «Schreibstau» praktisch auflöste. Dabei war es völlig egal, dass im Chat dialektal geschrieben wurde, da die Jugendlichen eine hohe Registersensibilität besitzen und sehr wohl zwischen Chat-Mundart und Standarddeutsch im Aufsatz unterscheiden können. (A propos Street-Cred: Die haben damals in den Nullerjahren mit dieser «Minisite» und diesem Plakat/Mindmap auch Street-Cred geschaffen betreffend akurater Form, wie so etwas im Cyberspace zugänglich gemacht werden soll!)

    Warum mich nun deine Gefühle interessieren: Ich selber habe gegenüber Lehrpersonen, die behauptet haben, die Jungen können nicht mehr schreiben, weil sie so viel Schweizerdeutsch schreiben, immer diese Studie ins Feld geführt, um gegen solchen Kulturpessimismus vorzugehen. Und jetzt kommt AI und jetzt ist der Schreibstau nun doch wegen einer Technologie aus dem Cyberspace wieder da, was dazu führt, dass nun doch die spitzerschen (Manfred Spitzer) Kulturpessimismen aufgefangen werden müssen, indem man Jugendliche wieder mit Papier und Stift schreiben lassen muss?!? Ehrlich gesagt: Mich frustet das, haha.

    1. Ich denke nicht, dass ich je Technologieoptimist war. Es hat schon immer bei Schulakteuren Irritation ausgelöst, wenn ich nicht ein Lager beziehen wollte. Ich mag unsaubere und nostalgische Argumente nicht, wenn Technologie abgelehnt wird. Aber ich vermeide auch jede Euphorie, sondern schaue gern mit Menschen, insbesondere Lernenden, genauer hin.
      Wenn ich die aktuellen Maturaufsätze lese, bin ich grundsätzlich davon begeistert, wie gut die Schüler:innen mit KI schreiben können. Die Text werden interessanter, wenn sie zuvor ohne KI geschrieben haben – das wäre meine Begründung für die Heftidee. Diese spezifische Schreibstausituation hat damit zu tun, dass die zentrale Affordanz von KI halt darin besteht, dass es keinen Schreibstau gibt, schon mit minimalen Prompts schreibt die KI schneller und mehr, als wir alle könnten.
      Letztlich geht es aber weniger ums Schreiben, als ums Denken. Die Hefte sind ein didaktischer Kniff, um Jugendliche dazu zu bringen, ihren Gedanken und Einfällen Vertrauen zu schenken, sie nicht mit dem zu messen, was eine KI produziert. Das ist ja schon ein Unterschied zu dialektalen Chats. (Die Studie, deren Ergebnisse zu hier anführst, hat schreibschwache Jugendliche zu wenig angeschaut. Die kamen vom sozialen Status her damals brutal drunter, weil es enorm wichtig wurde, schnell, richtig und gut schreiben zu können. Und das können halt nicht alle, auch nicht auf Schweizerdeutsch.)
      Mich interessiert nicht, was die Leute denken oder ob das, was ich mache, cool ist. Würde es mich interessieren, wäre ich ein erfolgreicher Influencer oder Schulleiter. Beides kann ich aber nicht sein, weil ich sage, was ich denke, nicht das, was andere hören wollen. Meine Frustration war die, dass Schreibunterricht ohne die Hefte schlicht nichts mehr brachte. Ich bin diesbezüglich auch verunsichert, vielleicht können wir irgendwann auch damit aufhören. Mit Heften fühlt sich das aber wieder sinnvoll an, es macht Spass.

      1. Avatar von Marc Böhler Marc Böhler sagt:

        Vielen Dank für diese wundervollen Ergänzungen. Insbesondere der Hinweis, dass da beim Sample damals in dtn Nullegjahren eine allzu spezifische Stichprobe definiert wurde, wusste ich nicht. Das ordnet die tatsächliche Quali dieser Studie ein… Merci und viel Spass mit ALLEN Medien…

  3. Avatar von Letizia Martini (MNG) Letizia Martini (MNG) sagt:

    [like] Letizia Martini (MNG) reacted to your message: ________________________________

  4. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Ich arbeite schon länger wieder mit Din A4-Heften, die ich aber austeilen und am Ende wieder einsammeln muss, weil die Lernenden sie sonst mit nach Hause nehmen und dort KI-Texte abschreiben. Beispiel: Wir schauen in der Donnerstagslektion zu Beginn eine Buchempfehlung von Matthias Zehnder auf Youtube, die Lernenden schreiben im Heft eine Zusammenfassung, warum dieses Buch empfohlen wird. In einer anderen Lektion gehen wir in die Mediathek, wo sie ihre Handys in einer Kiste ablegen und gegen ein DinA6 Moleskine Notizheft tauschen (beides genau die richtige Grösse für die Fächli). Sie lesen dann an der aktuellen Lektüre und machen am Ende der Lektion in das Heftlein Notizen zum Gelesenen. In der Zeit, in der sie lesen, kann ich die Texte aus dem grossen Deutschheft kommentieren und korrigieren und ähnliches. Ganz wichtig: Ästhetik. Ich kaufe z.B. Kladden, Moleskine-Hefte und Bleistifte mit Radiergummis. Alles einheitlich. In diesem Jahr habe ich in meiner neuen dritten Klasse zum ersten Mal auch ein Buch angeschafft, P.A.U.L. D. von Westermann Schweiz. Bis jetzt gefällt es mir ganz gut, mal schauen, wie das wird.

  5. Avatar von Unbekannt Anonymous sagt:

    Das liest sich wie Balsam auf meine Seele. Ich scheitere im Moment am Widerstand einiger Schüler (männlich), die gar keine Stifte und Hefte mehr mitbringen.

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