Das Claude-Problem von Lehrpersonen – eine Checkliste für den sinnvollen Einsatz

Das KI-Tool Claude ist sehr stark darin, Informationen zu verarbeiten und Dokumente zu erstellen. Mit einfachen Abfragen lassen sich schnell druckfertige pdfs erzeugen. Hier ein Beispiel:

[Prompt] Ich brauche ein Arbeitsblatt für eine 7. Klasse, Gymnasium. Es geht dabei um die morphologische Unterscheidung der Wortarten.

Als Ergebnis liefert Claude dieses Arbeitsblatt (das Bild ist ein Ausschnitt):

Das Arbeitsblatt sieht sauber aus, es enthält mehr oder weniger sinnvolle Übungen – ich könnte es im Unterricht einsetzen. Warum tue ich es nicht?

  1. Ich arbeite mit Schüler:innen agil, d.h. die Auseinandersetzung und Aufträge sind aufeinander abgestimmt. Ein vorgegebenes Arbeitsblatt würde mir die Lektion zu stark künstlich gliedern.
  2. Das sprachliche Material für grammatische Überlegungen sollte für Schüler:innen sinnhaft sein. Das ist der Katzen-Satz von Claude nicht.
  3. Ich verwende ein Layout, das die Schüler:innen als meines kennen und erkennen (hier habe ich einmal Veränderungen dokumentiert, mittlerweile drucke ich Craft-Dokumente aus, die auch einen eigenen Stil haben).

In letzter Zeit beobachte ich zunehmend (angehende) Lehrpersonen, die Claude für das Erstellen von Unterrichtsplanungen und Unterrichtsmaterialien nutzen. Sie drucken für Schüler:innen pdfs aus, die Claude gemacht hat.

In letzter Zeit beobachte ich zunehmend (angehende) Lehrpersonen, die mit Claude ganze Unterrichtsplanungen erstellen und Schüler:innen Materialien abgeben, die direkt aus Claude stammen. Das ist für mich aus mehreren Gründen problematisch.

Roland Reichenbach hat digitale Medien im Unterricht schon früh mit einem wichtigen Argument kritisiert: Auch wenn Präsentationen im Vergleich mit Tafelbildern professioneller wirkten, zeigte die sorgfältig beschriftete und bemalte Wandtafel, wie grosse Mühe sich eine Lehrperson für den Unterricht macht. Wenn Lernende nachvollziehen können, dass sich jemand mit grossem Aufwand um ihr Lernen kümmert, hat das oft ein wichtigeren Effekt als eine schöne Formatierung oder ein fehlerfreies Arbeitsblatt das haben könnten. Die Claude-Arbeitsblätter machen für viele Lernende sofort sichtbar: Der Lehrperson ist eine eigenständige Vorbereitung zu aufwendig, deshalb setzt sie KI-Tools ein.

Claude verleitet zu Abkürzungen. Mit den Studierenden in der Fachdidaktik bespreche ich, dass didaktische Reduktion eine fundierte Sachanalyse bedingt. Claude funktioniert in dieser Hinsicht ähnlich wie ein Lehrbuch, bei dem eine Lehrkraft immer nur ein paar Seiten weiter ist als die Schüler:innen. Statt Fachartikel zu lesen und sich in Zusammenhänge zu vertiefen, kann die Lehrperson mit Claude Lektüren umgehen und schnell zu dem Material kommen, das sie für eine Unterrichtseinheit braucht.

Lehrpersonen ärgern sich, wenn Schüler:innen Aufträge von einer KI erledigen lassen. Zurecht weisen sie auf ein mögliches «Skill Skipping» hin. Florian Nuxoll beschreibt das so:

Wenn Lernende ihre Aufgaben mithilfe von KI erledigen, ohne aktiv am Lernprozess teilzunehmen, verlieren sie die Gelegenheit, wichtige kognitive und praktische Fähigkeiten zu erwerben und zu festigen. Das führt das Lernen ad absurdum. Das Produkt kann gut sein, aber gelernt wurde nichts.

Er unterscheidet zwei Grundsituation bei menschlichen Tätigkeiten:

Ein Beispiel verdeutlicht diesen Unterschied: Wenn wir ein Brötchen beim Bäcker kaufen, ist es uns letztlich egal, ob der Bäcker bei der Herstellung technologische Hilfsmittel genutzt hat oder nicht – Hauptsache, das Brötchen schmeckt. Ebenso ist es bei einem Statiker: Solange die Berechnungen stimmen und das Gebäude nicht zusammenfällt, spielt es keine Rolle, ob diese mit oder ohne technische Unterstützung erstellt wurden. In beiden Fällen zählt das Endprodukt mehr als der Prozess. Im schulischen Kontext ist es aber entscheidend, dass Schüler/innen den Lernprozess durchlaufen.

Sind nun die Aktivitäten von Lehrpersonen bei der Vorbereitung wie das Backen von Brot, bei dem nur die Qualität des Produkts zählt – oder sollten Lehrende auch Lernen, Prozesse durchlaufen, die denen von Schüler:innen gleichen? Ich denke, in der Regel sollten sie echtes Interesse an Prozessen haben und diese oft selber durchlaufen – im Stress sind aber Abkürzungen bei Lehrenden wie Lernenden verständlich. Lehrpersonen, die Claude-Materialien an Schüler:innen abgeben, können diese aber nicht glaubhaft dazu anleiten, auf die KI-Nutzung zu verzichten.

Nuxoll weist auf einen weiteren Punkt hin, der beim Einsatz von KI problematisch ist: Diese Tools haben blinde Flecken und machen Fehler – nur wer sich auskennt, kann diese Fehler erkennen. Lehrpersonen, die Claude blind vertrauen, übertragen diese Fehler auf Klassen. Das mögen oft Kleinigkeiten sein, aber diese haben System – sie kommen immer wieder vor.

Ich selber nutze Claude und andere KI-Tools intensiv. Ein Good Practice orientiert sich aus meiner Sicht an folgenden Punkten:

  1. Die Lehrperson hat professionelle Kriterien für gelungenen Unterricht. Daran orientiert sie die Gestaltung des Unterrichts. Die Nutzung von Claude hat darauf keinen Einfluss.
  2. Die Nutzung wird transparent nachgewiesen. Auf jedem Claude-Arbeitsblatt steht, dass es von Claude generiert worden ist.
  3. Die Lehrperson verantwortet die Inhalte und «füttert» Claude mit hochwertigen Vorlagen, die verarbeitet werden können.
  4. Die Lehrperson prüft die Materialien vollständig und kritisch. Sie kann beurteilen, wo Fehler und Einseitigkeiten vorhanden sind.
  5. Die Lehrperson übernimmt auch Verantwortung fürs Design der Materialien. Sie prüft das Layout von Claude und nimmt dort Anpassungen, wo sie nötig sind.

Grundsätzlich finde ich oft: Wenn ich Claude nutzen kann, könnten das Schüler:innen auch. Sie lernen mehr, wenn sie die Grammatik-Übungen selber generieren lasse, als wenn ich das für sie mache.

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