Das Argument gegen Fächer ist keines gegen Fachlichkeit

Fächer sind eine der Boxen, welche Schulen und Bildung beschränken – und gleichzeitig auch strukturieren. Das wird besonders deutlich, wenn ein gesellschaftlich heiß diskutiertes Thema zu Forderung führt, ein neues Schulfach müsse eingeführt werden. Diese Forderung zeigt, dass über Fächer Verbindlichkeit zu erreichen ist.

Weil Fächer beschränken, ist auch die gegenteilige Position verständlich: Fächer komplett abzuschaffen. Schüler*innen sollten vertieft kompetenzorientiert an interdisziplinären Problemstellungen arbeiten, und dabei nicht durch willkürliche Stundenpläne und Fächer beschränkt immer wieder aus der Arbeit gerissen werden.

Ich vertrete diese Position und sehe Fächer insbesondere in einem gymnasialen Kontext als zentrales Problem. Gleichzeitig muss das Argument gegen Fächer aber präziser vorgebracht werden. Das versuche ich in den folgenden Abschnitten – die auch zeigen, weshalb die Position eher idealistisch als realistisch ist.

Funktionen von Fächern

Fächer haben unterschiedliche Aufgaben, die sich unterschiedlich bewerten lassen. Wie viele andere Boxen ist eine Auflösung nur dann sinnvoll diskutierbar, wenn Lösungen für alle Funktionen gefunden werden. Hier die Funktionen, die Fächer übernehmen:

  1. Demokratische Legitimation der Inhalte (und Kompetenzen)
    Über Fachlehrpläne wird sichergestellt, dass schulisches Lernen dem entspricht, was gesellschaftlich erwünscht wird. Lehrpläne werden in demokratischen Ländern in partizipativen Verfahren erlassen und modifiziert. Fächer ermöglichen hier eine Struktur und Orientierung.
  2. Fokus für die Ausbildung der Lehrpersonen
    Lehrende werden für den Unterricht bestimmter Fächer ausgebildet. Fachwissenschaft und Fachdidaktik stellen sicher, dass die nötige Expertise in den Schulen vorhanden ist. (Deshalb ist die Forderung nach neuen Fächern oft auch verständlich, weil sie impliziert, dass Menschen ausgebildet werden, die Kinder und Jugendliche in bestimmten Fragen bilden können.)
  3. Zeiteinteilung
    Fächer bestimmen, wie viel Zeit Lernende mit welchen Themen verbringen. Das vereinfacht Organisation, weil so z.B. festgelegt werden kann, wann welche Lehrpersonen welche Klassen unterrichten etc.
  4. Methodik, Wissenskultur und Systematik
    Fächer stellen sicher, dass Lernende grundlegende Verfahren kennen, mit denen Lernen und Forschen in den Fächern verbunden ist. Durch die Festlegung von Fächern erfolgt hier eine gewisse Koordination und Absprache zwischen Lehrkräften und Schulen, welche Redundanz und Lücken zumindest reduziert.
  5. Unterstützungsangebote durch Lehrbuchverlage und paraschulischen Unterricht
    Fächer stellen sicher, dass Nachhilfeunterricht und Schulbücher passen. So kann schulische Bildung durch zusätzliche Arbeit gestützt und bereichert werden.
  6. Adaptivität der Anstellungen
    An einigen Schulen werden Lehrpersonen für den Unterricht bestimmter Fächer angestellt (und bezahlt). So kann sichergestellt werden, dass es nicht zu viele (oder zu wenige) Lehrpersonen gibt.
  7. Prüfungs- und Bewertungskultur
    Prüfungen finden in Fächern statt, diese werden benotet. Die Noten aller Fächer können zusammengerechnet werden und so Grundlage für schulische Entscheide darstellen.

Das Argument gegen Fächer ist ein Argument gegen starre Zeiteinteilung und Prüfungskultur, ein Argument gegen fehlende Verbindung. Es ist keines gegen Expertise oder fachwissenschaftliche Wissenskultur. Bearbeiten Lernende interdisziplinäre Problemstellungen – wenn das zu abgehoben klingt: kommunizieren sie im Fremdsprachenunterricht mit Menschen, welche diese Sprache sprechen? –, dann brauchen sie für die Vorbereitung, die Begleitung und die Reflexion Fachlehrperson, die sich mit verschiedenen fachlichen Aspekten und darauf bezogenen Lernprozessen auskennen. Daran ändert sich nichts.

Agilität oder Effizienz?

Betrachtet man die Liste mit Funktionen, dann sieht man, dass Fächer nicht umsonst eine wichtige Box für Schulen sind: Sie stellen ein effizientes Bündel von Massnahmen dar, die Orientierung bieten können. Sie mit agileren Verfahren der Zeiteinteilung und der Anstellung von Lehrpersonen zu ersetzen, erfordert Vertrauen in diese Verfahren und Qualitätskontrollen jenseits von einfachen Checklisten.

Oder anders gesagt: Eine Abschaffung von Fächern kann dann gelingen, wenn gute Rahmenbedingungen dafür vorhanden sind. Schulen, die sich entwickeln können, genügend Zeit von Lehrpersonen, Möglichkeit von Schulbesuchen und Absprachen über das Festlegen von Lehrmitteln und Lehrplänen hinaus.

Fehlende Ressourcen

Das ist aktuell wohl illusorisch. Fächer sind eine Box, die es an Schulen, die schlecht ausgestattet sind, weiterhin braucht. Wie es Noten in einer Gesellschaft braucht, die Bildungsressourcen nur beschränkt zur Verfügung stellt. Oder klassische Schulzimmer in Gebäuden, die zu klein sind, um allen Schüler*innen einen Lernort zu bieten, an denen sie sich wohlfühlen.

2 Kommentare

  1. Manuel sagt:

    Mir sind die interdisziplinären Projektarbeiten an der Berufsmaturitätsschule in guter Erinnerung geblieben. Man hat ein Projekt umgesetzt (eine Wasserrakete gebaut, ein Lautstärke-Messgerät entwickelt…), da waren Mathematik und Physik gefragt. Dokumentiert hat man es als Deutsch-Arbeit und präsentiert in Englisch. Auf das Wissen der verschiedenen Fachlehrkräfte zurückgreifen zu können, welche gemeinsam anwesend waren, war eine gute Erfahrung.

  2. Stefanie Arndt sagt:

    Meine Töchter gingen an die Rudolf Steiner Schule Zürich. Dort gab es Epochen und Ateliers. Dies ist eine gangbare Zwischenlösung. Im Epochenunterricht gab es ein Woche morgen nur ein Fach. So komnte in diesem auch andere Kompetenzen trainiert werden. Ich halte das für einen Mittelweg.

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