Das »Eternal-September«-Problem in Online-Diskussionen unter Lehrpersonen

Kennt ihr das Gefühl, dass Blogs/Twitter/Facebook/Google Plus etc. früher viel interessanter waren als die Plattformen, die wir heute nutzen? Das gilt aus meiner Sicht besonders für Diskussionen unter Lehrpersonen.

»Eternal September« ist für mich eine einleuchtende Erklärung dafür, warum das so ist. Es bezeichnet eine Phase, bei der immer Menschen das Internet benutzt haben (ab Herbst 1992). Die vorher über Usenet-Verbundenen erlebten das als Enttäuschung, als ein Abflachen ihrer Diskussionen.

Vor 2012 (um genau 10 Jahre zurückzugehen), waren im Netz Pionier*innen unter sich. Wer sich über Bildungsthemen in Blogs oder Twitter ausgetauscht hat, kannte sich und war aufgeschlossen, experimentierfreudig, innovativ.

Dann stießen – über Weiterbildungen etc. – immer wieder neue Lehrpersonen dazu. Sie führen verständlicherweise immer wieder Diskussionen, die schon stattgefunden haben – teilen Praxiserfahrungen, die schon vor Jahren reflektiert und dokumentiert wurden – machen Weiterbildungsangebote, die eine Konkurrenz zu bestehenden eröffnen – grenzen sich von Strömungen ab, die schon als Gegenströmung konzipiert waren etc.

Das führt zum Eindruck, das Niveau sinke, weil mehr Personen an Diskussionen teilnehmen können. Die Erinnerung an das, was schon besprochen wurde, fehlt teilweise. An die Stelle von Vertiefung tritt Wiederholung, an die Stelle von Vernetzung Tribalismus, weil es gar nicht möglich ist, sich in einer so großen Gruppe vertrauensvoll auszutauschen.

Ich bedaure nicht, dass mehr Menschen online über Bildung nachdenken und ihre Erfahrungen teilen. In der Erinnerung war es aber sehr aufregend, als es weniger waren und mehr möglich schien. Was aber vielleicht auch damit zu tun hat, dass ich das schon so lange mache… 

4 Kommentare

  1. Leonardo sagt:

    Jupp, finde ich aber auch irgendwie logisch. Hab im Studium vor Jahren dazu mal Pierre Bourdieus Habitus- und Feldtheorie kennengelernt, die u.a. besagt, dass genau diese Dynamik normal ist. Eine Avant-Garde wird für immer mehr interessant, damit gewinnt sie mehr an Aufmerksamkeit, die Dynamik verstärkt sich, bis einige aus dem dann Mainstream gewordenen Feld ausbrechen müssen, weil es ihrem Habitus entspricht, um eine neue Avant-Garde zu gründen, das Spiel beginnt von neuem… Bin also gespannt, was du als nächstes planst. 😉

  2. Staubige Waffel sagt:

    Wer sich als Pionier bezeichnet hat eh einen an der Waffel. Wer dazu noch ein WordPress Blog hostet ist einfach nur alt und staubig.

  3. mebîmabo sagt:

    «Vor 2012 waren im Netz Pionier*innen unter sich.»
    Das trifft vielleicht im Bildungssektor zu. In anderen Branchen war der Pioniergeist schon nach dem Platzen der Dot-com bubble im Jahr 2000 verschwunden. Nach 2000 konnte sich die Relevanz des Netzes ungestört von Bizznizz-Phantasien stetig steigern. Bei den Zeitungen zum Beispiel übernahmen klassische Redaktor*innen das Zepter, während etwa von 1996 bis 2001 Tech-Affine «Halb-Journis» die Online-Redaktionen geleitet haben. Von 2001 bis etwa 2010 mussten diejenigen, die das Internet verstanden haben, den neuen Chefs ständig erklären, wie das Netz «funktioniert». Mehr dazu habe ich 2013 in der Medienwoche beschrieben:
    «Meine elf Jahre bei NZZ Online»
    https://medienwoche.ch/2013/06/17/meine-elf-jahre-bei-nzz-online-2/

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