Bildungsjournalismus & Blender*innen

Vor Weihnachten habe ich diesen kritischen Tweet abgesetzt, der teilweise als sehr pauschal wahrgenommen wurde. Das ist für mich ein Grund, etwas genauer zu formulieren, was ich damit meine. Zum Schluss zeige ich das auch an einem Beispiel.

Kürzlich habe ich für eine Schülerin die Definition von Journalismus aus dem Handbuch von Löffelholz und Rothenberger rausgeschrieben. Sie lautet:

Journalismus […] beobachtet die Gesellschaft im Rahmen spezieller Organisationen (Medien, Redaktionen), bestimmter Handlungsprogramme (Recherche, Selektion, Darstellungsformen) und journalistischer Rollendifferenzierung. Auf der Basis von Realitäts- bzw. Faktizitätstests werden Themen ausgewählt, bearbeitet und publiziert, die als informativ und relevant gelten […].

Handbuch Journalismustheorien, Wiesbaden 2016, S. 17.

Bildungsjournalismus sollte Bildung beobachten, dazu recherchieren und Themen darstellen, die informativ und relevant sind. Das wäre meine grundsätzliche Erwartung. Damit Journalist*innen abschätzen können, welche Themen informativ und relevant sind, müssen Sie sich auskennen. Sie müssen verstehen, wie Schulen und Unterricht funktionieren, von welchen systemischen Faktoren sie abhängen, theoretische Einordnungen kennen und mit den wesentlichen bildungspolitischen und bildungsrechtlichen Prozessen vertraut sein.

Wenn Sie Akteur*innen befragen und präsentieren, dann sollten es Menschen mit Expertise sein. Das bedeutet für mich:

  1. die Befragten können auf Erfahrungen und Wissen gleichermaßen zurückgreifen
  2. es handelt sich um die Personen, welche sich am besten auskennen bei einem bestimmten Thema (weil sie am meisten dazu wissen oder über den größten Erfahrungsschatz verfügen)
  3. die Menschen geben über die Sache Auskunft und versuchen mit den Medienauftritten nicht, ein Projekt zu verkaufen oder eine eigene Agenda voranzutreiben.

Wenn ich nun im Tweet Blender*innen erwähne, dann meine ich damit Personen, die vorgeben, sich auszukennen, die nicht auf einschlägige Erfahrung zurückgreifen können, die nicht bereit sind, auf andere zu verweisen, die eine Sache genauer beurteilen können – oder die Medienpräsenz als Mittel nutzen, um sachfremde Absichten zu verfolgen.

Stellen Journalist*innen kritische Fragen, dann merken sie recht schnell, ob sie eine Person mit Expertise vor sich haben oder eine Blenderin, einen Blender. Diese weichen kritischen Fragen oft aus, versuchen, durch den Verweis auf mögliche Kooperation oder gute Stimmung Kritik als Hass umzudeuten, sie als unnötig darzustellen.

Zu oft lassen sich Bildungjournalist*innen darauf ein, suchen also entweder nicht nach Fachpersonen oder gehen mit Blender*innen unkritisch um. Das hat systemische Gründe: Wie alle anderen Ressorts gibt es auch im Bereich der Bildung wenige festangestellte Journalist*innen, die sich in Ruhe einlesen und einen Überblick verschaffen können. Oft muss ein Thema schnell aufgearbeitet werden, Lehrkräfte sind zurückhaltend mit öffentlichen Äußerungen, besonders, wenn es um kritische oder heikle Themen geht. Und dann landet man bei den Personen, die sich gern äußern, mit denen man auch schon zusammengearbeitet hat und die unkompliziert antworten, wenn man sie befragt.

Das habe ich auch schon gemacht. Ich war auch schon die falsche Person, die zu einem Thema nichts hätte sagen sollen – und versuche, das nicht mehr zu sein. Im letzten Jahr fand ich im Rückblick enttäuschend, wie wenig journalistische Arbeiten Fragen rund um Hybrid- und Fernunterricht, Lernen unter erschwerten Bedingungen, Bildungsgerechtigkeit und Entwicklungsmöglichkeiten von Schulen differenziert präsentiert haben – und wie oft einfach die Perspektive von gebildeten Eltern, die ihre Meinung über die Schule abgeben, journalistisch im Vordergrund stand.

Fairerweise muss ich erwähnen: Es gibt auch sehr guten Bildungsjournalismus, z.B. in den Bildungsbeilagen der NZZ. In meiner Wahrnehmung nimmt er jedoch ab, aber das ist vielleicht auch der Gell-Mann-Amnesia-Effekt.

* * *

Abschließend ein Beispiel:

Im Handelsblatt hat Anna Herrhausen Verena Pausder als »Vordenkerin des Jahres« präsentiert. (Anna Herrhausen ist Geschäftsführerin der Alfred Herrhausen Gesellschaft, in deren Kuratorium Verena Pausder früher Einsitz hatte.)

Herrhausen schreibt:

Aus einer Auszeit mit Mann und vier Kindern wurde die Website Homeschooling-corona.com und damit Not- und Soforthilfe für Tausende von Eltern und Kindern. Aus der Erkenntnis, dass viele Lehrer und Lehrerinnen keine berufliche E-Mail-Adresse haben, wurde mit #wirfuerschule der größte Bildungshackathon mit mehr als 6000 Teilnehmern und Teilnehmerinnen und mehr als 200 Lösungen für die Schule von morgen (die eigentlich die Schule von heute sein sollte).

Vordenkerin des Jahres 2020

Ähnliche Darstellungen wie in dieser Pausder-Laudatio findet man in vielen bildungsjournalistischen Beiträgen, z.B. hier, hier oder hier. Betont werden die Leistungen – die aber kaum je konkret benannt werden. Welche Art von »Soforthilfe« hat »homeschooling-corona.com« geleistet? Welche der 200 Lösungen aus #wirfuerschule haben was bewirkt?

Ist Pausder die Person, welche digitale Bildung oder Corona-Notfallmassnahmen am besten beurteilen kann? Hat sie Erfahrung im Bildungssystem? Beantwortet sie kritische Fragen? Was ist konkret aus ihren Projekten entstanden, was hat sie gemacht, was sind einfach eingekaufte Leistungen? Welche Agenda verfolgt Verena Pausder?

Diese Fragen müsste man beantworten, bevor beispielsweise das im Tagesspiegel wiedergegeben wird:

Warum wird im Unterricht nicht mal ein Youtube-Video an die Wand geschmissen, das in den sozialen Medien trendet – und überlegt: Ist das die Meinung von jemandem oder sind das Fakten? Und: sind die wahr?

Hier müsste Bildungsjournalismus näher an den Realitäten in den Schulen sein, mehr über Medienpädagogik wissen – und die Darstellung von Pausder zurückweisen. Das ist das Problem: So wird ein oft schon sehr einseitiges Bild von Schule, das gesellschaftlich verbreitet ist, weiter gestützt. Pausder suggeriert, man müsse nur den Willen haben, etwas zu verändern, und schon sei die Bildung eine andere. Wer an Schulen arbeitet, weiß: Schulen sind träge. Da ändert sich so schnell nichts. Und es ändert sich nur etwas, wenn journalistisch Beiträge erscheinen, die ein differenziertes, realistisches Bild von den Problemen und Möglichkeiten zeichnen.

5 Kommentare

  1. Als Medienpädagoge (hauptsächlich in der ausserschulischen Bildung tätig) erzähle ich schon seit Jahren, dass unser Bildungssystem viel zu träge und nicht auf Höhe der Zeit ist. Es fehlen einfach digitale Lernkonzepte. Wenn LehrerInnen Arbeitsblätter per Email verschicken (wie es leider immer noch an vielen Schulen geschieht) um es dann auf dem selben Weg wieder zurück zu fordern, dann haben sie leider das Konzept von digitaler Bildung nicht verstanden! Sie haben völlig Recht; Es fehlt an vernünftigem Bildungsjournalismus. Aber es fehlt auch die Bereitschaft von Lehrkräften zeitgemäße Bildung anzubieten. Ich sehe täglich an unseren Sprengelschulen wie engagierte und dynamische (vor allem junge) Lehrkräfte sich aufarbeiten um gegen KollegInnen vom „alten Schlag“ durchzusetzen. Die leben nach dem Motto: Bloß keine Veränderung! Viele geben nach einiger Zeit frustriert auf, wechseln die Schulen oder machen den alten Stiefel halt mit.
    In meinen Augen ist es erschreckend, wie wenig LehrerInnen sich beispielsweise für OER (OpenEducationalRessources) einsetzen und sich dort einbringen.
    Warum wird denn so wenig aus den Schulen (die ja durchaus auch tolle Ansätze verfolgen) berichtet?

  2. Bescheidenheit ist der Anfang aller Vernunft. Durch die digitalen Möglichkeiten nimmt m.E. die Profilierungshystherie der Profilierungssüchtigen ständig zu und erreicht neue, ungeahnte Formen – die Vernunft gab es mal. Nun, wiedereinmal steht die Bildung im Focus. Ich habe keine Lust, lange rum zu salbadern: Solange uns das Bildungswesen in unserem Land monetär und ideell so wenig wert ist, wie jetzt, solange braucht eine Frau Pausder mit Ihrer wirfuerschule- und Ihrer neuen Land-Scheiße nicht um die Ecke kommen und meinen, Sie sei der Nabel der Bildungswelt.

  3. Einverstanden mit der Analyse, danke. Man kann daraus allerdings einen anderen Schluss ziehen: das Problem sind nicht inkompetente Journalisten, sondern wir Lehrpersonen, die unsere Verantwortung zu wenig wahrnehmen, die breite Öffentlichkeit früh über unsere Beobachtungen, Analysen und Lösungsvorschläge zu informieren – sachlich, pragmatisch und kreativ, nicht im üblichen Jammerton der Lehrerschaft. Wer will schon den steten Ruf nach kleineren Klassen, weniger Lektionen, höheren Löhnen und mehr Wertschätzung hören? Ich jedenfalls nicht, inkompetente Journalisten wohl noch weniger.

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