Weglassen – eine Herausforderung für die Bildung im 21. Jahrhundert

Gestern wurde mir endlich klar, dass meine WordPress-Installation, die ich für meine Fachdidaktik-Seminare nutze – fd.phwa.ch – von Malware infiziert war. Ich kann WordPress in wenigen Minuten aufsetzen, updaten und nutzen. Aber ich habe kein Ahnung, was ich tun soll, wenn Malware installiert wurde. Ich weiß auch nicht, wie ich meinen Farblaser-Drucker reparieren könnte, wenn es nicht darum geht, ein paar Knöpfe zu drücken oder teures Ersatzmaterial zu bestellen. Um die Software auf meinem Handy neu zu installieren, weil Gespräche oft nach wenigen Sekunden abbrechen, fehlt mir die Zeit, genau so wie dafür, Windows-Steam auf meinem Apple-Rechner aufzusetzen, um endlich Spelunky spielen zu können.

Kurz: Ich muss mich fokussieren. Vieles von dem, was ich beruflich oder privat können sollte, kann ich alleine nicht. Ich weiß, wie ich Hilfe bekomme, und beanspruche sie auch (das WordPress-Problem hat Claudio schnell und unkompliziert für mich gelöst). Und doch wende ich viele Strategien an, um Probleme zu vermeiden. Ich verwende Geräte einer Marke und verzichte darauf, weitere Geräte anzuschaffen, auch wenn mich das manchmal reizt. Ich verwende immer wieder dieselbe Software, mit der ich Aufgaben lösen kann. Ich bin zu Kompromissen bereit, auch wenn ich weiß, dass es bessere Lösungen gäbe.

Das ist nur ein Ausschnitt aus dem, was an digitalen Kompetenzen auf uns zukommt. Geräte und Websites zu pflegen ist im Vergleich zu Kommunikation, Politik und kritischem Denken in einer Kultur der Digitalität leicht. Wir können nicht alles gleichzeitig beherrschen. Mehr noch: Wenn wir uns damit auseinandersetzen, müssen wir auf andere Dinge verzichten, die auch wichtig sind.

Und das ist das Fazit für die Bildung: Sie muss sich in der Kunst des Weglassens üben. Wenn Kinder und Jugendliche Kompetenzen für den Umgang mit dem Netz erlernen sollen – und das sollen sie unbedingt – müssen sie entlastet werden. Wir müssen ihnen zutrauen, dass sie anderes später oder anders lernen. Nur was ist das andere? Ist es die Handschrift? Nein, sagen viele, die ist zu wichtig für die kognitive und motorische Entwicklung. Sind es Fremdsprachen? Nein, sagen viele, was sind wir Menschen, wenn wir nicht andere Sprachen und damit andere Perspektiven erlernen können? Sind es Naturwissenschaften? Nein, MINT-Kompetenzen sind ganz entscheidend, auch wirtschaftlich. Ist es das Lesen literarischer Texte? Nein, was für ein Verlust wäre es, wenn junge Leute nicht mehr lesen würden. Sport und kreative Fächer können es auch nicht sein, denn Bewegung und Gestaltung sind von enormer Bedeutung. Was also ist es?

Darüber müssen wir nachdenken.

(Auch diese Gedanken sind das Resultat von Gesprächen an der Dießener Klausur »Mensch/Maschine/Zukunft«.)

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by makeroom 

Veröffentlicht von Philippe Wampfler

philippe-wampfler.ch

3 Kommentare zu „Weglassen – eine Herausforderung für die Bildung im 21. Jahrhundert

  1. Entrümpelt die Lehrpläne! Schüler können nicht unendlich viel lernen — drei renommierte Wissenschaftler fordern mehr Mut zur Lücke. (Der Spiegel, 30. 6. 2018)

    «Eine [echte] ortografiereform bietet die einzigartige gelegenheit, den schulstoff schlagartig zu entlasten, ohne dass dadurch der geringste schaden entsteht.» (Alfons Müller-Marzohl, bildungspolitiker, 1988)

    «Wie viele unnöthige mühe und plage nähmen wir unseren schreibeschülern ab, wie vielen verdruss und widerwillen ersparten wir ihnen, wie leicht und angenehm machten wir ihnen die ganze schreiberei, wenn wir sie mit den grossen buchstaben verschonten.» (Wilhelm Friedrich Schubert, 1817)

  2. „Ich kann WordPress in wenigen Minuten aufsetzen, updaten und nutzen. Aber ich habe kein Ahnung, was ich tun soll, wenn Malware installiert wurde.“ – Nur Plugins installieren und aktivieren, die mit der jeweils aktuellen Version von WordPress kompatibel sind, kann helfen, dass es schon gar nicht so weit kommt. Dabei kann auch der Abschied von Plugins, die nicht mehr unterhalten werden, mitunter weh tun. Und dann gibts ja noch Claudio & Consorten.
    In dieser Hinsicht sind es zum Glück nur eine Handvoll LehrerInnen, die WordPress fürs Lernen unter digitalen Bedingungen einsetzen.

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