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Über Gamification im Deutschunterricht und die Quantifizierbarkeit von Lektüreerlebnissen

In diesem Gastbeitrag möchte ich Interessierten einen Einblick in die Funktionsweise eines Gamificationprojektes im gymnasialen Deutschunterricht geben, welches ich seit nunmehr fünf Jahren mit verschiedenen Klassenzügen erfolgreich durchgeführt und dabei stetig optimiert habe. Um den pädagogischen Witz einer gamifizierten Lernumgebung erfassen zu können, reicht leider der blosse Blick auf die Oberfläche nicht aus, vielmehr ist es erforderlich, die Spielmechanik und mithin die ihr zugrunde liegenden Überlegungen auszuführen, um das Gewinnbringende ihrer Nuancen zu begreifen. Das soll schlussendlich der Erkenntnis dienen, dass Gamification mehr ist eine modische Worthülse, mehr als blosses Trophäen- und Badgesammeln.

Vorweg, es werden hier keine Videospiele oder Ähnliches im Unterricht verwendet. Gamification meint einfach das Übertragen gewisser Spielmechaniken auf andere Anwendungsbereiche. Und ich glaube, hier ein anschauliches Beispiel einer relativ schlanken, aber trotzdem effektiven Variante einer solchen geben zu können, die sich auf zahlreiche andere Formen selbstorganiserten Lernens übertragen lässt.

Das im Folgenden beschriebene Projekt führe ich jeweils im ersten Semester des elften Schuljahres durch. Während vierer Monate „opfere“ ich quasi wöchentlich die veranschlagte Doppellektion, die den SuS vollumfänglich für individuelle Lektüre und Lesejournalführung zur Verfügung steht. Über Wochen und Monate hinweg sammeln sie kontinuierlich Punkte und „leveln“ sich so in einer fixen und an tatsächliche Noten gebundenen Skala langsam hoch. Der Bücherpool, aus dem die SuS auswählen können, umfasst ausschliesslich zeitgenössische Werke der deutschsprachigen Literatur. Das übergeordnete Lernziel dieser längeren Lerneinheit ist es, wahre Freude im und das Interesse für den Umgang mit modernster Literatur zu wecken und dabei einen persönlichen Zugang zu ihr zu finden, um so das individuelle fachliche Selbstbewusstsein jeder/s Einzelnen zu stärken.

Das bisher Beschriebene dürfte noch nicht wirklich nach pädagogischem Neuland klingen, schon während meiner Kantizeit gab es vergleichbare Projekte. Doch wenn ich mich zurückerinnere, wählte ich solche Lektüren fast ausschliesslich nach ökonomischen Interessen. Es ging vorrangig darum, Mehraufwand zu vermeiden. Warum sollte ich mich auch durch einen dicken Schinken pflügen, wenn auch schlankere Werke zur Auswahl standen? Mittels Gamification möchte ich den SuS nun aber eben grösstmögliche Wahlfreiheit ermöglichen, ohne dass dabei lernökonomische Überlegungen eine Rolle spielen. Das Punktesystem habe ich so transparent und fair gestaltet, dass die Wahl durch andere Interessen geleitet wird. So paradox es zunächst klingen mag, hilft also die im Folgenden beschriebene, relativ pedantische Quantifizierung verschiedenster Romane und Erzählungen, deren Inhalt ins Zentrum der Schülerinteressen zu rücken.

In einem ersten Schritt errechne ich grob die Anzahl Wörter eines Romans: Dabei schätze ich die durchschnittliche Anzahl Wörter pro Zeile, ebenso Zeilen pro Seite und multipliziere beides miteinander, um die durchschnittliche Anzahl Wörter pro Seite zu ermitteln. Ich war mir selbst nicht bewusst, wie stark dieser Wert von Buch zu Buch variieren kann. Dann blättere ich den Roman von hinten her durch, um zu einer exakteren Seitenzahl zu gelangen, ich zähle Leerseiten, Impressum, Danksagungen, aber auch grosszügige Auslassungen bei Kapitelanfängen und -enden etc. zusammen und anschliessend von der Gesamtzahl der Seiten ab, um quasi einen Nettowert zu erhalten. Multipliziere ich diesen mit der Anzahl Wörter pro Seite, so erhalte ich einen mehr oder minder absoluten Wert: die geschätzte Anzahl Wörter eines Romans. Nun liessen sich die Texte rein quantitativ mit einander vergleichen, jedoch fehlt der qualitative Aspekt. Jedem Buch weise ich nun auf der Grundlage meines eigenen Lektüreerlebens zwei qualitative Werte zu, die sogenannte Lektüreschwierigkeit und die Interpretationsschwierigkeit, von jeweils einem bis zu max. fünf Sternen. So werden nun auch in ihrem literarischen Anspruch unterschiedlichste Werke miteinander vergleichbar, ausserdem stellen die beiden genannten Schwierigkeitsgrade weitere Entscheidungshilfen für die Wahl der SuS dar. Werden nun die rein quantitativen Nettowerte mit den entsprechenden qualitativen Faktoren multipliziert, gelangt man zu mehr oder minder „absoluten Werten“, die aber aufgrund ihrer Grösse weder anschaulich noch handlich sind, weshalb ich sie mittels einer weiteren Formel, bei der u.a. die Dauer des Projekts und der durchschnittlich erwartete Hausaufgaben-Aufwand ausschlaggebend sind, runterrechne und einigermassen elegant runde. Über die Exaktheit dieses Verfahrens und die Aussagekraft solcher Zahlen lässt sich zwar sicherlich streiten, nicht aber über deren Wirkung auf die Lernenden, die nun von lernökonomischen Zwängen befreit, tatsächlicheren Interessen bei der Wahl den Vorrang geben können. Im Folgenden nun eine kleine Auswahl aus meinem stetig wachsenden Bücher-Pool:bücher und punkte

Meist führe ich die Lernenden in den Stunden zwischen Notenabgabe und Sommerferien, also noch im alten Schuljahr, an das Projekt heran. Nach erster kurzer Erläuterung der Funktionsweise und Zielsetzungen stelle ich ihnen verschiedenste Autoren und Werke kurz vor. Dabei geht es mir auch darum, dass die SuS eine grobe Vorstellung der Vielfältigkeit der aktuellen Literaturlandschaft erhalten. Während sich Leseratten meist ohnehin schon freuen, wecke ich das Interesse der tendenziell lesefaulen Klientel dann mit vagen Andeutungen – meist als Warnungen verpackt – auf zuweilen erwachsenere Themen oder derben Erzählstil – Bücher kennen ja bekanntlich keine FSK-Etiketten…

Da mir unsere Mediathek jeweils auch einen Korpus zusammenstellt, damit die Werke leichter zu finden sind, gebe ich den SuS dann auch die Gelegenheit, sich mit diesen vertraut zu machen und berate sie sie individuell aufgrund ihrer Interessen. Ob sie aber ein bestimmtes Buch ausleihen, es sich selbst bestellen oder auf einen vorhandenen E-Reader runterladen, ist ihnen selbst überlassen. Zeitgleich erhalten Sie eine kommentierte Liste mit weiterführenden Links zu Rezensionen u.Ä. So ermögliche ich es interessierten, aber auch leistungsschwächeren SuS, sich über die grossen Ferien gegebenenfalls schon ein Pölsterchen anzulesen, wobei ich natürlich betone, dass man auch ohne solch einen Lektürevorsprung eine 6 erreichen könne…

Skalierung

Nun ist es aber nicht so, dass man zu Semesterbeginn einfach die Punkte für ein gelesenes Buch einfordern kann. Generell ist die Lektüre sprich das Lesen nur der eine Teil des Projekts, nicht umsonst habe ich den Büchern ja auch einen Interpretationsschwierigkeitgrad beigemessen. Das Gelesene wird erst „verrechnet“, wenn mich der Umfang und/oder die Originalität der schriftlich erfolgten Reflektion zu einem Werk überzeugt haben oder – um die Sprache des Dialogischen Lernens zu bemühen – genügend Spuren gelegt wurden, erst dann gilt ein Roman als durchdrungen.

Die Lesenden führen folglich ein Lesetagebuch. Die Einträge werden mit einem Häckchensystem bewertet und kurz kommentiert. Eine handgeschriebene A4-Seite gibt grundsätzlich 50 Punkte, wobei die Häckchen als Multiplikatoren dienen. Die Durchsicht und Kommentierung der Journaleinträge erfolgt möglichst zeitnah. Ebenso sind die SuS aufgefordert, ihre Journale kontinuierlich zu führen und abzugeben, sie dürfen nicht zu viel aufs mal abgeben, damit sich das Lernen, in diesem Falle die Reflexion des Gelesenen, auch einigermassen dialogisch vollzieht…

Neben klassischer Heftführung, können SuS auch mit Textverarbeitungsprogrammen arbeiten, wobei die Anzahl möglicher Punkte der höheren Textdichte pro Seite angepasst sind, ausserdem müssen sie ihre ausgedruckten Einträge in einem Schnellhefter sammeln. Mit einer BYOD-Klasse habe ich letztes Jahr auch mit OneNote gearbeitet, was viele Vorteile mit sich bringt, hier sind die SuS angehalten, am Ende eines Eintrags jeweils die Anzahl Wörter anzugeben.Bsp Lesejournal

Die Sinnhaftigkeit dialogischen Lernens im Allgemeinen bzw. das Führen eines Lesejournales im Besonderen ist hierbei nicht einfach ein Additivum, dient nicht bloss der Hausaufgabenkontrolle, sondern wird durch die Einbindung in die übergeordnete Spielmechanik geradezu katalysiert. Die Lesejournal-Führung habe ich jeweils schon in vorhergehenden Semestern eingeübt, wichtig ist mir v.a., dass die Lesenden nicht einfach Inhalte wiedergeben, sondern sich auf individuellen und empathischen Wegen der Lektüre, ihren Themen und Motiven nähren. Aber auch die analytischen Werkzeuge, die ich mit der Klasse in vorhergehenden Semestern erarbeitet habe, sollen regelmässig zur Anwendung gelangen. Jedoch werden auch Zusammenfassungen, Personenkonstellationsskizzen, aber auch lose, stichwortartige Notizen mit Punkten belohnt, entsprechend einem vorab bekanntgegeben Regelwerk (hier als PDF:Gamifiziertes Lesen – Regelwerk).

Keine Rückschritte, keine Abzüge, kaum Frust

Generell ist es wichtig, für alles mit der Lektüre und deren Reflektion Zusammenhängende Punkte zu geben, auch für Triviales oder wenig Zielführendes. Rückschritte im Sinne von Abzügen bzw. Minuspunkten gibt es nicht. Wenn jemand einen schlechten Journaleintrag geschrieben hat, so gibt es ein durchgestrichenes Häckchen und somit nur die Hälfte der Punktezahl. Ähnliche Mechaniken verwenden übrigens zahlreiche moderne Spiele, um der Frustation der Spielenden entgegenzuwirken. So werden missglückte Leistungen zwar nicht als Erfolge, aber immerhin als Leistungen anerkannt und erhöhen in jedem Fall – wenn auch nur leicht – die Punktebilanz und führen folglich – wenn auch in kleineren Schritten – ebenfalls zum Ziel und nicht davon weg.

Lektüreabbruch

Gefällt einem Schüler oder einer Schülerin das gewählte Buch nicht so wirklich, so soll einem Abbruch nichts im Wege stehen. D.h. aber auch, dass bspw. die Lektüre der ersten hundert Seiten nicht umsonst gewesen sein soll. Dank der oben geschilderten Punkteberechnung ist es ein Leichtes, relativ seitengenau den Wert einer partiellen Lektüre zu berechnen. Wer aber eine begonnene Lektüre abbrechen und für das schon Gelesene Punkte kriegen möchte, muss nebst dem obligaten Spurenlegen im Journal eine min. eine Seite umfassende Begründung abgeben. Auch hier dient Gamification dazu, rein ökonomischen Überlegungen entgegenzuwirken, indem die Opportunitätskosten für einen Lektürewechsel auf ein Minimum gesenkt werden.

Übrigens können Leserinnen von umfangreicheren Werken, sich Ihre Lektürepunkte auch etappenweise verrechnen lassen. Die Klasse hat jederzeit Einsicht in die Online verfügbare Punktetabelle, nebst aktuellem Punktesaldo, Level und provisorischer Note gibt es auch eine Rangliste, die SuS sehen vorzu, wo sie im Klassenvergleich stehen. Das beste Drittel erhält jeweils die Erlaubnis, während der Doppellektion ausserhalb des Schulzimmers zu lesen. Dieses und weitere Anreizsysteme sorgen dafür, schon früh den Wettbewerbsgeist zu wecken und die Klasse kontinuierlich für Rangliste und Punktebilanz zu interessieren.

Das Joker-System

Die ersten drei SuS, die 4000 Punkte (= Note 4) erreichen kriegen überdies einen Lern-Joker, den man einsetzen darf, um einmalig während der für die Lektüre vorgesehenen Doppellektion für ein anderes Fach (oder gar nicht) zu lernen. Die ersten beiden, die 6000 Punkte (= Note 5) erhalten, kriegen einen Ausschlaf-Joker. In Absprache mit der Stundenplanung lasse ich mir diese Doppellektionen nämlich immer frühmorgens einteilen; so dürfen diejenigen, die sich bislang überdurchschnittlich angestrengt haben, einmalig und ohne Konsequenzen dem Unterricht fernbleiben. Diese Anreizsysteme dienen auch dazu, das „Spiel“ attraktiv zu halten, wenn eine Schüler*in 8000 Punkte bzw. eine 6 erhalten hat; bei 9000 Punkte gibt es – und diesmal für alle, die diesen Punktestand erhalten – einen Lern-Joker, bei 10’000 einen Ausschlaf-Joker usw.

Um möglicher Missgunst von Leseschwachen gegenüber Schnelllesern entgegenzuwirken oder allgemein den Klassengeist zu stärken, kann man die ganze Klasse an den Erfolgen ihrer Besten teilhaben lassen, indem man bspw. jeder/m 50 Bonuspunkte gibt, sobald der/die Erste 4000, 6000 und 8000 Punkte erreicht.

call of ufzgi

Übrigens erhalten alle SuS nach den ersten Wochen den abgebildeten Joker, der ihre Meta-Reflektion bzw. Selbsteinschätzung fördern soll. Wenn ein Schüler glaubt, einen besonders gelungenen Eintrag (mit maximalem Umfang von zwei A4-Seiten) geschrieben zu haben, so kann er diesen Joker anheften, was die Punktezahl (des Eintrags, nicht der Lektüre) ungeachtet meiner Bewertung nochmals verdoppelt.

Auch diese Mechanik habe ich der Videospiel-Industrie abgekupfert. Hersteller veranstalten ausserdem, um Spielerzahlen nicht einbrechen zu lassen, sogenannte Double XP (=Experience-Points) Weekends. So kann ich als Lehrer auch kurzfristig eine Double-XP-Lektion ausrufen, sei es, um reflektionsfaule SuS ohne Zwang zum Abfassen und Abgeben von Einträgen zu bewegen, oder, um Motivationseinbrüchen vor Prüfungen oder Ferien entgegenzuwirken.

Side-Quests und tangentielles Lernen

Zu zahlreichen Lektüren stehen mittlerweile auch konkret zu bearbeitende Aufträge und Side-Quests bereit. Letztere basieren oftmals auf der Lektüre von Paratexten (für die es zusätzliche Punkte gibt), die in Bezug zum Primärtext gesetzt werden sollen. Bspw. kann man den neunten Gesang der Odyssee (Zyklopen) lesen, um die intertexuelle Anspielung in Juli Zehs Corpus Delicti, also Mia Holls angebliches Revoluzer-Pseudonym „Niemand“ genauer zu verstehen. Stärkere SuS können sich bspw. auch an literaturwissenschaftlichen Essays abmühen. Ausserdem sind die SuS auch angehalten, eigene Side-Quests und Fokusaufträge zu formulieren, von denen künftige Klassen profitieren.

Für jede Rechercheminute im Internet oder der Mediothek gibt es einen Punkt, wobei auch hier wieder gilt, dass die Spuren im Journal ersichtlich sein müssen. Damit möchte ich die Endeckungslust und mithin das sogen. tangentielle Lernen fördern. Egal, ob nun Buchbesprechungen miteinander verglichen werden, jemand den historischen Hintergrund eines Romans überprüft oder sich über die in einem Kriegsroman alles andere als zentralen Kampfflugzeuge und Bomber ausgiebig informiert und dies im Lesetagebuch seinen Niederschlag findet, alles kann und soll fair bepunktet werden, solange es den Lernenden hilft, sich mit der gewählten Lektüre zu identifizeren, ist keiner der eingeschlagenen Wege ein Umweg.

Das bedeutet aber längst nicht, dass ich einfach alles kommentarlos gewähren lasse. Oftmals ist es wichtig, dass ich in meinen Kommentaren die Lernenden nicht bloss lobe und (leicht) tadle, sondern – quasi als Fremdenführer – auch Fokussierungshinweise gebe. V.a. gegen Ende einer Leküre verlange ich bei einigen SuS noch Einträge zu gewissen, bislang meist eher vernachlässigten Themenbereichen, bevor ich die vollständige Punktzahl verrechne, wobei ich mir Mühe gebe, auch hier jeweils eine Auswahl zu geben. (Solche Hinweise gebe ich auf Nachfrage oft auch mündlich.) Die individualisierte, dialogische Komponente (Kommentar) ist durchgängig eng an das transparent Buchhalterische (Punkte) gekoppelt und entwickelt über Wochen und Monate eine emergente Dynamik. Genau dies ist meiner Ansicht nach der pädagogisch wichtigste Mehrwert dieser Gamifikation-Variante, sie lenkt die Lernenden – meist sanft – hin zur Schnittmenge von selbstbestimmter Entdeckungslust und vorgeschriebener Kompentenzaneignung.

Lektüreabschluss

Damit in diesem eher stillen Semester mündliche Leistungen trotzdem zur Geltung kommen, wird jede und jeder SuS auch kurz mündlich geprüft, was dann quasi ausserhalb des Punktesystems benotet wird, allenfalls aber auch als Abschluss des „Spurenlegens“ gewertet werden kann. Viele schliessen aber mit einer Rezension ab. Erfolgt eine solche öffentlich, in Form eines Blog-Posts, gibt es deutlich mehr Punkte als für eine bloss im Heft notierte, private. Gepostete Rezensionen dienen künftigen Klassen dann auch als Orientierungshilfe. Hier nun einige Beispiele:

Orthografie und Lesejournal-Recycling

Während bei normalen Einträgen im Lesejournal Orthografie, Interpunktion und Stil keine Rolle für die Bewertung spielen, berücksichtige ich die klassischen Kriterien unseres Fachs aber bei den gerade genannten öffentlich einsehbaren Buchbesprechungen. Entgegen den grundsätzlichen Überlegungen des Dialogischen Lernens markiere ich übrigens Fehler in allen Lesejournaleinträgen, jedoch ohne Korrekturkürzel. In speziell dafür eingesetzten Lektionen nach Ende des Projekts durchkämmen die SuS dann ihre Journale mit der Aufgabe, die Systematik der eigenen Fehler zu erkennen, um sich für künftige Semester und Schreibarbeiten strategischer vorbereiten zu können. Das aus pädagogischen Gründen zunächst Vernachlässigte, dient dann quasi als Datengrundlage für die statistische Erfassung der eigenen Schreibschwächen…

Abschliessende Gedanken

Ich weiss, dass zahlreiche LuL – gerade in Zeiten der LÜ16-Umsetzung – Lesejournale bzw. den damit verbundenen, potentiellen Korrekturaufwand scheuen. Auch liebäugelt wohl kaum eine Lehrperson mit dem Gedanken, sich als Punkte-Buchhalter verstehen zu wollen… Ich persönlich freue mich immer wieder aufs Neue, dieses gamifizierte SoL-Projekt durchzuführen. Zugegeben, der Initial-Aufwand war relativ gross, aber sobald es aber mal angestossen ist, ist es zu grossen Teilen ein Selbstläufer. Meine Arbeit als Lehrer besteht dann natürlich v.a. aus der Durchsicht der Lesejournale, die schlussendlich kaum mit Aufsatzkorrekturen zu vergleichen ist. Es tatsächlich ein Spurenlesen, und meist ist es nicht nur spannend zu sehen, welche Wege die SuS einschlagen, sondern auch für mich lehrreich. Meiner Erfahrung nach gibt es pro Klasse immer einen oder zwei Schüler, die sich auf die faule Haut legen und glauben, gewaltige Lektüremengen noch in den finalen Wochen zu meistern… Die Leistungen der anderen SuS ist dafür aber meist mehr als nur erfreulich, dementsprechend muss man als Lehrperson mit einem relativ hohen, aber schlussendlich verdienten Notendurchschnitt rechnen.

Gerade zu Beginn eines solchen Semesters nutze ich eine Einzellektion, um mit den SuS über Lesefluss und Flow zu sprechen. Als Einstieg nutze ich hierzu Rilkes Gedicht Der Leser. Erschreckenderweise gibt jeweils ein gutes Drittel der Lernenden zu, dass sie beim Lesen noch nie ein Flowzustand erlebt hätten, weshalb ein wichtiges frühes Etappenziel ist, einen solchen zu erreichen und ihn anschliessend im Journal festzuhalten.

Immer wieder ist es bereichernd zu sehen und zu hören, welche Begeisterung dieses Unterrichtssetting dann eben auch in zuvor eher lesefaulen, bislang wenig literaturinteressierten SuS zu wecken vermag. Die Aussicht darauf, mit genügend Fleiss – «endlich einmal» – eine wirklich gute Note zu erzielen, spielt zwar anfänglich sicherlich auch mit. Massgeblich für den individuellen Lernerfolg scheint mir aber v.a. das Auf-Sich-Gestellt-Sein jedes einzelnen Schülers, jeder einzelnen Schülerin: Die Lehrperson serviert einem keine Pointen mehr auf den Silbertablett, die Klassenkamerad*innen können keinen Rat geben, da sie ein anderes Buch lesen, und – dieser Punkt ist nicht zu unterschätzen – selbst im Internet findet man kaum wirklich Tiefgründiges über zeitgenössische Literatur, folglich muss man sich kontinuierlich und ernsthaft mit dem Text auseinandersetzen, wenn man ihn meistern will. Und eben dabei, in dem sie sich wirklich auf ein selbstgewähltes Buch einlassen, gewinnen Schülerinnen und Schüler Freude an der zeitgenössischen Literatur und stärken ihr Selbstvertrauen im eigenständigen Umgang mit modernen Werken. Das pedantisch Buchhalterische sowie die weiteren Regeln dieser Spielform des selbstorganisierten Lernens rücken nämlich schnell mal in den Hintergrund, wenn die Lektüre und deren Reflexion Spass machen…

Ich, Robin Fürst, unterrichte übrigens seit 2012 an der Kantonsschule Zürcher Unterland in Bülach. Im Januar werde einen ergänzenden Text veröffentlichen, in welchem ich einige der erfolgsversprechenden Spielmechaniken und Anreizsysteme derjenigen Videospiele vorstelle, welche dieses Selbstlernprojekt inspiriert haben.

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