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Rezension – Simanowski: Stumme Medien

Es gibt einen einfachen Maßstab für die Qualität einer Argumentation: Orientiert sie sich an den stärksten Argumenten der Gegenseite, oder bringt sie sich selbst in Schwung, indem sie sich an Scheinargumenten einer imaginierten Gegenseite abarbeitet?

Die Argumentation im neuen Buch des Medienwissenschaftlers Roberto Simanowski muss sich diesem Kriterium stellen (Titel: »Stumme Medien. Vom Verschwinden der Computer in Bildung und Gesellschaft«). Sie befasst sich mit der Frage, »Was machen digitale Medien mit uns?« Dadurch, so der Autor, macht sie den »Schritt von der Nutzung der Medien zu ihrer Kritik«. Diese Kritik ist nötig, weil »neue Medien« zu einer Krise der Gesellschaft und der Bildung geführt haben. Simanowskis Argumentation zielt darauf ab, diese Krise zu begründen, ihre Bedrohung zu umreissen und besonders in Bezug auf Schule und Hochschule Lösungsvorschläge zu machen.

An einem Ausschnitt aus dem ersten Kapitel, das sich mit der Beschreibung der sozialen Krise beschäftigt, lässt sich der Duktus des Essays ablesen:

Die Digitalisierung der Gesellschaft ist ebenso paradox und regressiv wie ihre Modernisierung, die in der Sozialwissenschaft längst nicht mehr als normativer Fortschritt wahrgenommen wird, sondern als Fortschritt mit Rückschrittsaspekten. […] Die Grunderkenntnis dieser sozialwissenschaftlichen Perspektive besteht darin, dass oft mit ein und denselben Normen »sowohl emanzipatorische wie autoritäts- und kontrollsteigernde Vorgänge gerechtfertigt werden können«. […]

Dieses Sowohlals-auch kennzeichnet zugleich die Entwicklung digitaler Technologien und die auf ihnen fußenden sozialen Interaktionsformen. Auch hier führen Fortschritte wie die Personalisierung und Algorithmisierung von Kommunikationsvorgängen als neue Serviceangebote zu damit einhergehenden Rückschritten wie dem Verlust an individueller Freiheit und informationeller Selbstbestimmung sowie der Entwicklung von Filterblasen. […]

Die Zeitgenossen des digitalen Wandels wissen oder können wissen, dass die unbegrenzten Kommunikationsmöglichkeiten mit Abhängigkeitseffekten und Aufmerksamkeitsverlusten einhergehen, dass Transparenz in Überwachung und Selbstzensur umschlägt, dass die Überwindung der Diskurspolizei die Diskussionskultur kompromittiert, dass crowd wisdom als unbezahlte Arbeit durch Plattformbetreiber ausgebeutet wird, dass Selbstdarstellung in sozialen Netzwerken zu Selbstvermarktung führt und Homophilie zu Xenophobie, dass flexible Arbeitsformen per Clickwork prekäre Arbeitsverhältnisse schaffen etc. Aber würden sie auf die Möglichkeit verzichten wollen, jederzeit und überall mit jedermann ein paar kurze Worte oder schnelle Fotos zu teilen, weil diese von Algorithmen analysiert werden können?

Man merkt: Simanowski windet sich, um nicht kulturpessimistisch daherzukommen. Spricht er von »Fortschritt mit Rückschrittsaspekten« und einem »Sowohlals-auch«, so meint er eigentlich den Umschlag vom scheinbaren Fortschritt in den wirklichen Rückschritt. Simanowskis Denkmodell ist das von »Black Mirror«: Was in der Exposition einer Folge als erstaunliche Innovation dargestellt wird, offenbart sofort seine zerstörerische Kraft. Es erstaunt nicht, dass Simanowskis Programm für Medienbildung in Schulen den Vorschlag in den Mittelpunkt stellt, mit Klassen »Black Mirror« zu schauen. »[D]ie Dystopie [wäre] durchaus ein zeitgemäßes Format, um über unsere Zukunft zu reden«, heißt es an einer Stelle in »Stumme Medien«.

Argumentativ geht Simanowski von einer McLuhan-Interpretation aus, nach der Medien Menschen formen, oder genauer: Verformen. Web-Plattformen zwingen ihren Nutzerinnen und Nutzern problematische Aufmerksamkeitsstrukturen auf, machen sie zu unmündigen Konsumentinnen und Konsumenten, die sich in permanenter Selbstdarstellung erschöpfen.

Dabei begibt er sich auf dünnes Eis: Nicht nur medientheoretisch überzeugt diese Analyse nicht. Auch in der Beschreibung der Realitäten der Kommunikation in sozialen Netzwerken ist Simanowski merkwürdig unsicher: Er rezipiert wesentliche Debatten rund um digitale Plattformen und ihre Verwendung über Zeitungsartikel und blendet relevante Forschungsliteratur aus. Auch auf praktische Erfahrung kann er kaum zurückgreifen – es erstaunt nicht, dass er Lehrerinnen und Lehrer aus der Pflicht nimmt, sich mit aktuellen Entwicklungen in der digitalen Kommunikation zu beschäftigen.

Diese Schwächen überdeckt Simanowski durch professorale Gelehrtheit. So kann er sich schon mal zehn Seiten über den Unterschied von Medienbildung, Medienkompetenz und Medialität auslassen oder die wesentlichen Einsichten der Humboldtschen Bildungsideals referieren.

Dieses steht denn auch im Kern seiner Lösungsvorschläge: Geisteswissenschaften, Bildung und starke Persönlichkeiten bei Lehrenden sollen verhindern, dass ökonomische Interessen Digitalisierung als Hebel verwenden, um das Bildungssystem zu zerstören. Hier wird dann auch deutlich, dass Simanowskis Essay dem eingangs erwähnten Test nicht standhält: Wie der Leitmedienwechsel und informelle Bildungs- und Netzwerkmöglichkeiten Bildungsprozesse verändern können, blendet der Autor bewusst aus. Er ersetzt optimistische und lernpsychologische Zugänge durch eine fast diffuse Bedrohung durch Kompetenzorientierung, wirtschaftlichen Einfluss und die effizienzgetrimmten Bologna-Studierenden.

So lesen sich weite Passagen des Textes als eine Verteidigung eines Professors der Medienwissenschaften gegen Veränderungen. Das ist sehr schade und verhindert, dass echte Impulse für den entscheidenden Umbruch im Bildungssystem gesetzt werden können.

Wir erleben eine Art doppelte Reformation des Bildungssystems: Die eine ist getrieben von wirtschaftlichen Motiven, die Menschen als Mitarbeitende sehen, die gleichzeitig bestimmte Aufgaben verlässlich erfüllen müssen und kreativ neue Geschäftsfelder erschließen sollen. Die andere lebt von reformpädagogischen Einsichten, die unter den Bedingungen der Digitalisierung dringender und umsetzbarer zugleich werden. Gegen beide wird das traditionelle Modell verteidigt – weil Veränderungen Privilegien und etablierte Abläufe bedrohen. Beide Reformationsprozesse können keine langfristige Perspektive auf die veränderte Bedeutung der Bildung in der Gesellschaft einnehmen, weil sie konkrete Interessen vertreten.

Simanowski will einen großen Horizont eröffnen, liefert aber lediglich einen Beitrag zur Verteidigung der etablierten Hochschulmedienwissenschaft gegen die beiden anstehenden Reformationen. Gegen die eine schreibt er an, die andere ignoriert er.

Zum Schluss ein Wort zum cleveren Titel: Die Stummheit der Medien bedeutet, dass sie uns nicht mehr auffallen. Computer werden selbstverständlich, wir sind quasi abgelenkt von ihrer Funktionsweise und der Logik der Medien, in denen wir kommunizieren.

Bildschirmfoto 2018-05-14 um 21.46.25.png

(Ich habe das E-Book gekauft.)

2 Comments

  1. Vielen herzlichen Dank für den Hinweis zu diesem Buch. Ich habe das E-Book ebenfalls gekauft und eben die Einleitung und darin vom PVE gelesen. Hat soviel Spass gemacht, dass ich mich riesig freue auf dieses Buch.

  2. Pingback: Rezension – Simanowski: Stumme Medien | quisquilia

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