Der Preis von Bootcamp-Methoden

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Im Fachdidaktik-Seminar kam am Montag die Frage auf, was eine Deutschlehrerin oder ein Deutschlehrer tun soll, wenn Teile der Klasse Lektüreaufträge oder Hausaufgaben nicht erledigen. Die Antworten reichten von milden Methoden (pädagogische Gespräche, in der Schule Zeit für Lektüre geben) bis zu drastischen: Überraschungsprüfungen, damit das Versäumnis sich in den Noten niederschlägt.

Die Diskussion dieser didaktischen Entscheidung führte schnell zum Begriff der Bootcamp-Methode: Gemeint ist damit eine Maßnahme, die ein bestimmtes Verhalten erzwingt, oft auch durch gruppendynamische Effekte (z.B. weil sich jemand schämt, vor der Klasse zu versagen).

Geschichten von Lehrkräften, die mit Bootcamp-Methoden arbeiteten, hatten fast alle Studierenden schnell zur Hand. Auch mir fiel mein Französischlehrer in der 6. bis 9. Klasse ein, der mit enormem Druck Lernerfolge verordnete. Gab es etwa Verben zu lernen, die den Subjonctif nach sich ziehen, dann fragte er lange Listen ab. Wir mussten vor der Klasse aufstehen und die Liste so schnell es ging aufsagen. Klappte es, gab es sofort ein Lob und eine gute Note – versagten wir, kommentierte er die Leistung hämisch und vergab sehr schlechte Noten. Ich kann die Listen noch immer teilweise auswendig.

Dieses Argument war schnell zur Hand: Die Methoden wirken doch. Zwar erinnern sich alle an Leidenszeiten, doch zum Schluss stellt sich dann doch Dankbarkeit ein: Ohne diese Härte hätten wir weniger gelernt, scheint ein breit geteiltes Fazit zu sein.

Diese Sicht ignoriert aus meiner Sicht zwei Probleme:

  1. Der Survivorship-Bias legt nahe, dass die Lernerfolge bei Resilienten im Gedächtnis bleiben. Viele andere haben möglicherweise die Lust an Schule und Lernen verloren, leiden auch Jahre danach noch an Alpträumen und Ängsten vor dem Versagen. Kurz: Die negativen Auswirkungen sind unsichtbar, wenn angehende Lehrkräfte über Bootcamp-Methoden nachdenken.
  2. Die pädagogische Härte verdirbt das Schulklima. Lernende betrieben oft Mischrechnungen: Sie wenden viel Energie für das auf, was sie interessiert – aber auch für das, was sich lohnt. Das Bootcamp-Prinizp sagt: Dieses Fach hat Priorität. Darunter leiden diejenigen Lehrkräfte, welche diese Methoden ablehnen. In ihren Fächer stellt sich geringerer Lernerfolg ein, weil Zeit und Konzentration umgeschichtet wird. Wer erledigt aus einer druckvollen Stunde kommt, wird in der nächsten nicht kreativ oder selbstorientiert arbeiten können.
    Wer als Lehrkraft nicht Teil des Bootcamps ist, steht vor der Wahl: Die Methoden ebenfalls adaptieren oder die pädagogische Energie dafür einsetzen, die Lernenden wieder an menschliche Methoden heranzuführen.

Kurz: Das Ziel rechtfertigt die Mittel auch an Schulen nicht. Wenn es darum geht, eine Entwicklung zu mündigen, rücksichtsvollen Menschen zu begleiten, dann kann Rücksichtslosigkeit und dumpfe Gewalt kein Mittel sein, das auf diesem Weg hilft.

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Shoe Bouquet II, The White Deer (Society 6)

The Author

philippe-wampfler.ch

4 Comments

  1. irgendeiner says

    Die brutale Bootcamp-Methode ist aus den im Artikel erwähnten Gründen nicht empfehlenswert.
    Der wirklich begabte Lehrer wird eine geeignete Mischung von Peitsche und Zuckerbrot kennen 😉

  2. Der Bootcamp-Pädagoge hat immer dieselben zwei Probleme: Erstens leidet er unter der Angst, nicht ernstgenommen zu werden. Und zweitens fürchtet er die direkte Auseinandersetzung mit den Lernenden, auch die konstruktive. Der Bootcamp-Pädagoge muss also in die Angstherapie, dringend.

  3. Übrigens – zum ursprünglichen Problem (Hausaufgaben nicht gemacht):
    Ich liess die entsprechenden SuS am Anfang der Stunde die Aufgaben ausserhalb des Zimmers erledigen; am Unterricht teilnehmen konnte nur, wer vorbereitet war (also Aufgaben gemacht hatte). Das war für alle ok, keine Strafe, aber eine zT. ganz verpasste Lektion. Meine Überlegung dazu: Wenn meine Lektionen gut sind – und das sollen sie schliesslich sein! -, dann „schmerzt“ es vielleicht ein bisschen, sie ganz oder teilweise zu verpassen.
    Hat bestens funktioniert und günstig gewirkt. Die Aufgaben waren meistens gemacht.

    • Wenn deine Lektionen wirklich gut waren – und da zweifle ich keinen Moment – waren deine „Aussetzer“ in meinen Augen schon eine Strafe.
      Ich habe so alle 2-3 Wochen zu Lektionsbeginn einen Kurztest gemacht (max. 5Min), der sich auf die Hausaufgaben bezog.
      Ich bin ein Verfechter der Hausaufgaben – insbesondere, wenn „Haus“ überall sein kann.

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