Verantwortung im Social-Media-Diskurs

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Die Verführungsmacht der Faktenverachtung liegt nicht darin, dass Trump sich die Freiheit nimmt, sich um die Wirklichkeit nicht zu kümmern. Er zeigt der Wirklichkeit vielmehr den Stinkefinger. Er definiert sich seine eigene Realität. Statt Trump sofort zu disqualifizieren, verstärkt sein völlig transparenter Versuch, sich eine Parallelwelt zusammenzufabulieren, noch sein Charisma. Die offensichtliche Lüge wird zum Tatbeweis, dass eine Führerfigur die Macht hat, die Welt genau so herbeizudefinieren, wie immer sie selbst und ihre Gefolgschaft es wollen.

Was Daniel Binswanger heute im Magazin schreibt, wird unter dem Label der postfaktischen Politik seit Längerem diskutiert. Es lässt sich darüber streiten, ob diese Form der Meinungsäußerung und -bildung, die eine Verachtung gegenüber der Wirklichkeit zeigt, zugenommen hat oder schon immer Teil des politischen Diskurses war. Auch in der Frage, wie stark die Verbreitung von Social Media einen Anteil daran haben könnte, lässt sich momentan nicht klar beantworten.

Klar ist aber: Es gibt zwei Haltungen, die aufeinander prallen. Die eine fordert eine Orientierung an der Wahrheit, die zu einer medialen Verantwortung führt: Schreiben, was ist, lautet sie verdichtet. Die andere achtet auf die Wirkung: Sagen, was wirkt, ist ihr Credo.

In einer Analyse des Antisemitismus, verfasst kurz nach der Befreiung Paris‘ 1944, hat Jean-Paul Sartre diese zweite Haltung beschrieben:

Glauben Sie nicht, die Antisemiten würden sich über die Absurdität [ihrer] Antworten etwas vormachen. Sie wissen, daß ihre Reden oberflächlich und fragwürdig sind; doch darüber lachen sie, ihrem Gegner obliegt die Pflicht, die Wörter in ernster Weise zu verwenden, da er an die Macht des Wortes glaubt; sie haben das Recht zu spielen. Sie spielen sogar gern mit dem Diskurs, denn indem sie lächerliche Gründe nennen, diskreditieren sie den Ernst ihres Gesprächspartners; sie sind genußvoll unaufrichtig, denn ihnen geht es nicht darum, durch gute Argumente zu überzeugen, sondern einzuschüchtern oder irrezuleiten. Wenn Sie sie zu heftig bedrängen, verschließen sie sich und geben Ihnen von oben herab zu verstehen, die Zeit des Argumentierens sei vorüber; nicht, daß sie Angst hätten, überzeugt zu werden: sie fürchten nur, lächerlich zu erscheinen oder einen schlechten Eindruck auf einen Dritten zu machen, den sie in ihr Lager ziehen wollen.
Wenn der Antisemit, wie jeder sehen konnte, sich Vernunftgründen und der Erfahrung verschließt, dann nicht, weil seine Überzeugung stark ist; seine Überzeugung ist vielmehr stark, weil er von vornherein gewählt hat, verschlossen zu sein.
Er hat auch gewählt, furchterregend zu sein. Man darf ihn nicht reizen. Niemand weiß, bis zu welchen Gewalttätigkeiten die Verirrungen seiner Leidenschaft ihn treiben können, niemand außer ihm selbst: denn diese Leidenschaft ist nicht von außen provoziert.

Die »Pflicht, Wörter in ernster Weise zu verwenden« – sie ist der Kern der Differenz. Gefährlich scheint mir, sie auch spielerisch oder mit guten Absichten zu ignorieren. Das unten stehende Bild taucht immer wieder in meinem FB-Stream auf – genau so wie die erfundenen Facebook-Dialoge.

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Hat Trump nie gesagt, stand nie in People

Ich spiele dann zuweilen die Rolle der Ernsthaftigkeitspolizei und weise darauf hin, dass sowas erfunden sei und man es doch bitte nicht verbreiten solle. Häufig wird darauf geantwortet, aber das sei doch lustig oder treffe einen Kern, der ja an sich schon wahr sei, nur nicht genau so, wie dargestellt.

Dabei vergisst man: Wenn man das Spiel nach diesen Regeln spielt, gibt man der Gegenseite das Recht, das auch zu tun. Schreiben, was ist – diese Pflicht scheint mir stärker denn je geboten. Sie trifft auch das Problem der falschen Wahlprognosen: Niemand kann die Polls überprüfen. Wo die Fehler auftauchen – bei Group-Think, der unklaren Mobilisierung von Wählerinnen und Wählern oder sonst wo – ist höchst unklar, weil die Umfragen eine Art Parallelrealität schaffen, die sich gar nicht überprüfen lässt. Journalistinnen und Journalisten können sie nur zitieren, nicht überprüfen. Damit wären wir bei einem einfachen Kriterium für die »Pflicht, Wörter in ernster Weise zu verwenden«: Sie überprüft, angezweifelt, reflektiert zu haben, bevor man sie verwendet. Sie nicht deshalb sagen, weil sie sich wahr anfühlen, sondern weil man weiß, dass sie wahr sind.

Sonst bewegen wir uns schlicht alle in der Sphäre der »Truthiness«, die Stephen Colbert bereits 2005, in der ersten Folge seines Colbert-Reports beschreiben hat. Es sei elitär, anderen zu sagen, was wahr und falsch sei – letztlich komme es ja nur darauf an, was sich für ihn wahr anfühle.

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philippe-wampfler.ch

3 Comments

  1. Pingback: Fragen an die liberale Demokratie: eine Blog- und YTParade | Bob Blume

  2. Dabei vergisst man: Wenn man das Spiel nach diesen Regeln spielt, gibt man der Gegenseite das Recht, das auch zu tun. Schreiben, was ist – diese Pflicht scheint mir stärker denn je geboten.

    Da kann man kaum widersprechen. Allerdings fehlt noch die zweite Hälfte: Wie gewinnt man denn nun politisch gegen die Irrationalisten, ohne sich ihrer Techniken zu bedienen? Mit dem moral high ground allein nimmt man ihnen keine politische Macht. Mit Einlassen auf ihre „Narrative“ auch nicht. Beides haben übrigens auch die liberalen und intellektuellen Gegner der Nazis völlig erfolglos versucht.

    Man braucht etwas, das ungleich schwieriger zu bekommen ist: Leute, die mobilisieren können, ohne die Wahrheit zu deformieren. Liberale, intellektuell aufrichtige Politik hat damit ein schweres Handicap.

  3. Marco Bischofsberger says

    Danke für diesen inspierenden Text. Habe in den 90er über Postmoderne nachgedacht und auch publiziert. Damaliges Fazit: Konsens bzw. Wahrheit ist nur in einer kontigenten community möglich und vernünftig denkbar. Der Begriff truthiness war mir bisher unbekannt, kommt mir aber ganz gelegen. Leider ist im Vergleich zu den 90ern die Angelegenheit noch komplizierter geworden: die Multiplizierung der Medien. Die sich damit verbreitende Kultur der Kontrafaktizität ist eine Begleiterscheinung, die diesen Aspekt fatalweise zum prägenden Merkmal dieses Wandels werden lässt. Man neigt zu kulturpessimistischen Schlussfolgerungen.

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