»eine Art Cyberpolizei« – zum Fall Paul

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Ein 12-jähriger Knabe aus der Schweiz wurde nach acht Tagen aus einer Wohnung in Düsseldorf befreit. Den Entführer hat der Junge mit großer Wahrscheinlichkeit beim Austausch über Minecraft kennen gelernt. Ist Minecraft als Spiel für Kinder und Jugendliche weit gehend harmlos, so erfordert die Teilnahme an Chats und Diskussionsforen eine grundlegende Medienkompetenz, wie ich im Interview mit dem Tages-Anzeiger ausgeführt habe.

Ich will mich zum Fall nicht wiederholen – zu wenig ist über den konkreten Ablauf bekannt, zu klar ist, dass Einzelfälle als Unfälle und nicht als Regeln zu betrachten sind. Gleichwohl möchte ich auf ein Statement etwas ausführlicher eingehen, das ich im Interview gemacht habe:

Es braucht daher eine Art Cyberpolizei, die in Spielen Präsenz zeigt und als Ansprechspartner fungieren kann. Gerade weil die Prävention im grenzüberschreitenden Netz so schwierig ist. Minderjährige könnten so bei Unsicherheiten im Spiel selber Hilfe beanspruchen.

Die Forderung stammt aus der Beschäftigung mit der Arbeit von Fachleuten wie Thomas-Gabriel Rüdiger, einem Kriminologen, der sich auf digitale Kommunikation spezialisiert hat. Die Forderung ist vage: »eine Art Cyberpolizei« sagt nichts darüber aus, wie sich Mitarbeitende der Polizei im Netz bewegen sollen, welche Aufgaben sie wahrnehmen sollen und welche Wirkung dieser Arbeit haben kann.

Grundsätzlich kann dabei an den Straßenverkehr denken: Ähnlich wie digitale Kommunikation scheint er nicht ohne Gefahren für Kinder zu organisieren sein. Die Polizei kann hierbei keine Sicherheit für Kinder bereit stellen – sie kann jedoch Markierungen anbringen, Schulungen anbieten und Präsenz zeigen, indem sie z.B. Geschwindigkeitskontrollen durchführt oder gefährliche Übergänge sichert.

Tatsächlich arbeitet die Polizei im Bereich der Prävention bereits zunehmend mit Schulen zusammen. Man kann sich fragen, ob es nicht bessere Zugänge für die Vermittlung von Medienkompetenz gibt – aber letztlich fällt der Bereich der digitalen Kommunikation auch in den Zuständigkeitsbereich der Gesellschaft, die mit der Polizei Sicherheitsvorkehrungen trifft. Zu denken, Kinder oder ihre Eltern könnten diese Aufgabe ohne Hilfe erledigen, ist aus meiner Sicht naiv – auch im Straßenverkehr oder in anderen Bereichen des täglichen Lebens überschneiden sich die Aufgaben von Eltern und Polizei, unterscheiden sich aber grundsätzlich: Eltern setzen sich für ihre Kinder ein, die Polizei für die Sicherheit aller.

Auch Medienbildung macht das nicht obsolet: Hier hat die Schule – wie ich immer wieder schreibe – eine entscheidende Verantwortung. Aber das hat sie z.B. auch im Bezug auf Gewalt- und Unfallprävention – und trotzdem braucht es in diesen Bereichen die Polizei.

Steve Bass hat meinen Vorschlag ausführlich kritisiert:

Der Vorschlag einer staatlichen Aufsicht in Games ist irreführend. Er suggeriert, dass die Verantwortung der Eltern, der Kinder und Jugendlichen und der Gesellschaft im Netz an eine staatliche Macht abgegeben werden kann. Genau das funktioniert im Netz eben nicht, durch seine unkontrollierbare Grösse. Wo sollen den die Cyberpolizisten sein? Auf Steam, auf den Playstation Servern, bei Xbox, bei Clash of Clans, bei Dota, bei Fifa, bei Minecraft, bei World of Warcraft, wenn ja auf welchen Servern, bei VainGlory bei den Sims ? Und wann und wie lange , die Server laufen 24/7 rund um den Globus, eigene Server können erstellt werden. Wo sollen sie sein, im Teamspeak, im Game selber, in den unzähligen Fanforen, bei Youtube ? Diese Welt kann nicht kontrolliert werden. Aber der Vorschlag spielt den Gruppen in die Hände, welche eine vollumfassende Generalüberwachung im Stil des NSA fordern. Ihr Argument ist, da wir die einzelnen Räume nicht kennen oder überwachen können, überwachen wir alle. Somit halte ich diese Forderung einer Cyberpolizei für kontraproduktiv.

Sein Einwand ist berechtigt: Polizeipräsenz könnte leicht mit der Forderung nach Totalüberwachung verwechselt werden, wie auch Matthias Schüssler schreibt. Doch auch hier hilft ein Blick auf den Straßenverkehr: Auf Autobahnen wäre es technisch leicht machbar, die Geschwindigkeit jedes Fahrzeugs mit Auffahrt- und Ausfahrtskontrollen festzustellen und entsprechend Bußen zu verteilen. Auch vollautomatische Geschwindigkeitskontrollen könnten an vielen neuralgischen Stellen problemlos installiert werden. Politisch ist das aber nicht gewollt: In einigen Kantonen sind nur temporäre Geschwindigkeitsmessungen legal, eine Totalüberwachung wäre kaum umsetzbar.

Und dennoch ist die Arbeit der Polizei nicht sinnlos. Man darf sich nicht der Illusion hingeben, Polizeipräsenz könne jedes Problem lösen. Aber ansprechbare Fachleute, die Präsenz markieren, verändern die Spielregeln. Sie erschweren Manipulation von Kindern und signalisieren, dass die Gesellschaft auch in der digitalen Sphäre bereit ist, Kinder zu schützen. Das ist für mich der relevante Punkt – indem ich meine Meinung im letzten halben Jahr klar verändert habe.

Zum Schluss der Idealfall, zitiert aus einem Facebook-Post von Christian Schmid:

Also ich CB Funker war, habe ich zuerst primär mit Kollegen aus meiner Schulklasse gesprochen mit einem kleinen Handgerät – 6 Kanäle. So hat man Hausaufgaben gelöst.
Die Sache hat mich fasziniert, und so hab ich mir eben ein grösseres Gerät gekauft (40FM, 4 Watt) und schöne 5.5 Meter Antenne. Und habe ich eben auch mit anderen Leuten gesprochen.
Einer war offenbar aus dem Nachbardorf. Man hat halt getratscht. Meine Eltern haben sich damals doch auch mal neben das Funkgerät gestellt, weil sie halt wissen wollten, was ich da so mache und mit wem ich da eigentlich rede.
Einer war auch aus dem Nachbardorf und meinte er hätte ein Mirkophon für mich. Nun zuerst natürlich gingen bei meinen Eltern alle Alarmglocken los. Doch dann hiess es: Klar, du darfst ihn treffen aber Papa kommt mit. So traf man sich und besagter CB Funker kam auch. Total normaler Typ, der noch mehr als ich vom CB Funk fasziniert war. Man ging in die Gartenbeiz, ich eine Cola, Papa und er ein Bierchen alles gut.

Bildschirmfoto 2016-06-27 um 11.08.24

Polizeigebäude bei Minecraft.

The Author

philippe-wampfler.ch

1 Kommentar

  1. Lieber Philippe

    Bei vielem was du schreibst, bin ich mit dir einig. Aber der Vergleich zwischen realer Welt und Cyberwelt ist für mich immer etwas heikel. Gerade eine physische Präsenz, als Beispiel ein Polizeiwagen, der vor den Schulen aufkreuzt, kann Sicherheit vermitteln. Ob er eine Straftat verhindern kann sie dahin gestellt. Aber der Ort, an welchem eine Geschwindigkeitsübertretung stattfinden kann, ist physisch verortet. Es gibt Autobahnen und Strassen, welche man kontrollieren kann. Das Netz hat keine Orte, daher meine Aufzählung, welche sich beliebig mit Social Media Kanälen erweitern liesse.
    Wenn keine Kontrolle möglich ist , heisst das nicht das die Polizei unnötig wäre. Sie kann in der Prävention durch ihr Fachwissen helfen und sie ist da, wenn eine Straftat erfolgt ist. Aber sie kann keine Präsenz zeigen. Das Internet ist trotzdem kein rechtsfreier Raum ,aber er ist ein unkontrollierter Raum. Die Polizei wird weiterhin ihr Auge auf mögliche Kontakträume werfen müssen, seien es digitale, wie auch analoge. Aber nie wird ein Kind durch noch so eine präsente Cyberpolizei im Einzelfall geschützt werden können. Kinder müssen lernen sich in unbeaufsichtigen Orten selber zu schützen, soweit das möglich ist. Prävention soll schützen und diesbezüglich hast du auch schon viele wertvolle Anregungen und Tipps gegeben.
    Aber dieser Satz „Aber ansprechbare Fachleute, die Präsenz markieren, verändern die Spielregeln“ ist aus meiner Sicht nicht umsetzbar. Keine Cyberpolizei der Welt kann Präsenz markieren, einerseits weil ihr die Ressourcen an Mitarbeitern fehlen und andrerseits, weil sie gar nicht wissen, wo und wer sich in welchen digitalen Räumen aufhält.

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