Zynischer Humanismus – gefährden Social Media politisches Engagement? #bethstelling

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Wie Teenager, die zu viele Pornos geguckt und da durch asexuell geworden sind, sind wir unpolitisch geworden, weil wir zu viel symbolisches Engagement konsumiert haben.

Dieser Satz aus Milo Raus Rundumschlag in der Sonntagszeitung fasst ihn recht gut zusammen. Obwohl Rau behauptet, es gehe ihm nicht um »billige Medienkritik«, ist sie die Basis seiner Polemik gegen den Zeitgeist. Sie bildet aber ein schwaches Fundament, weil sie von ganz falschen Annahmen ausgeht, wie ein weiteres Zitat zeigt:

Was wir aber am Bildschirm sehen, das existiert für uns nicht wirklich. Was uns trotz aller Information fehlt, ist lebendiges Wissen. Es geht um tatsächliche Teilnahme am Leben der anderen, nicht um ihre zoologische Beobachtung.

Information, Teilnahme, Engagement und auch Sexualität versteht Rau ganz im Sinne des digitalen Dualismus: Er trennt eine virtuelle Welt scharf von einer realen. »Die Französische Revolution brach aus, als sich die Franzosen entschlossen, nicht länger Bittschriften an ihren König zu verfassen, sondern ihre Forderungen ins Parlament und dann auf die Strasse zu tragen«, schreibt Rau – und übersieht, dass der relevante Aspekt der Entschluss war, der in einer durchaus virtuellen Sphäre entsteht, in der die von Rau abgewerteten Tätigkeiten gerade relevant werden.

Deshalb irrt Rau einfach, wenn er scheinbar kluge Sätze wie diesen formuliert: »Kritik ist aber, wenn sie das Kritisierte nicht abschafft oder entscheidend verändert, blosse Stilkritik und damit eine Form von Passivität.« Kritik ist die Voraussetzung für eine Handlung, die eine Veränderung vornimmt.

Liest man den Essay wohlwollend, dann kann man annehmen, dass Rau etwas anderes meint: Er will eine gefühlte Passivität belegen und ergründen. Er benennt konkrete Probleme wie Genozid, Krieg, Umweltverschmutzung, Armut – und beklagt, dass sich daran nichts ändert, weil die Elite – also wir, die wir diesen Text lesen – »Arschlöcher« sind, die ihr eigenes Wohlergehen priorisieren.

Nur: Das ist banal. Wer Privilegien hat, mag die oft nicht abgeben oder aufweichen. Wem es gut geht, gibt seinen Wohlstand nicht für die auf, denen es nicht so gut geht. Ja, das ist traurig, aber kein Anlass um einen Essay zu schreiben, in dem dann die konkreten Tipps – anders als bei Welzer in der FAZ (Hat-tip an E.L. und ihren FB-Kommentar) – fehlen.

Abschließend sei auf ein Beispiel hingewiesen, das die Kritik am symbolischen Wert des Social-Media-Aktivismus in Frage stellt. Die amerikanische Stand-Up-Künstlerin Beth Stelling hat mit einem Instagram-Beitrag kürzlich mitgeteilt, dass sie von einem Ex-Freund geschlagen, missbraucht und vergewaltigt worden ist. Ihre öffentliche Auseinandersetzung damit hat eine klare emotionale und kommunikative Funktion, sie zeigt Frauen, die unter ähnlichen Übergriffen leiden, dass eine scheinbar virtuelle Auseinandersetzung mit einem realen Problem eine echte Auseinandersetzung damit sein kann, ein deutliches Zeichen der Bereitschaft, aus der Schweigens- und Leidensspirale auszubrechen. Genau so ist das Teilen der Weihnachtsdekoration des Grenzzauns in Slowenien ein echtes Zeichen des Protests, mit dem das lokale Engagement ein globales Echo bekommt. Zu meinen, Protest erschöpfe sich in Kommunikation, wäre ein Fehler. Aber diesen Fehler begeht nur Raus Strohmann.

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The Author

philippe-wampfler.ch

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