Normen weiblicher Teenager auf Instagram

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I’am a brand. To stay relevant you have to… In middle school we were definitely very relevant. We were established. Now at the beginning of High School you can’t say we’re relevant.

Die aktuelle Folge von This American Life, Status Update, geht der Frage nach, warum Mädchen auf Instagram stereotype Kommentare abgeben: »OMG you’re so pretty« ist dabei die Vorlage, die leicht variiert praktisch in jedem Kommentar vorkommt. Wie lässt sich das erklären?

Der Beitrag zeichnet ein Gespräch von drei jungen Frauen auf, welche Faktoren erklären, die in den USA zu diesen Normen geführt haben und die ihre Bedeutung ausmachen. Mir scheint es wichtig, sie zunächst wertungsfrei zu beschrieben. Der Interviewer bemerkt, es klinge, als ob Instagram wirkliche Arbeit erfordere. Die jungen Frauen bejahen das: Sie erklären, wie wichtig es sei, soziale Vernetzung zu planen und einzuschätzen, um sich selbst verorten zu können. Deshalb investieren sie auch so viel Zeit und Energie in diese Aktivitäten.

Unter dem Bild einige wichtige Aspekte der Instagram-Präsenz junger Frauen.

  1. Likes sind Standard.
    Auf den mobilen Apps liken Jugendliche praktisch jedes Bild in ihrem Feed. Sie schätzen die Zahl der Likes für ihre eigenen Bilder anhand der ersten Minute ein – im konkreten Fall ließen sich 6 in der ersten Minute auf über 150 Likes für das Bild hochrechnen.
  2. Always on.
    Die interviewten Frauen gehen davon aus, dass alle anderen auf Instagram alles sofort sehen.
  3. You’re so pretty OMG
    Ein Kommentar ist ein Statement zur Beziehung zwischen Personen, genauer: Zwischen zwei Frauen. (Es geht nicht um erotische Anziehung, sondern um eine Wertschätzung der Selbstvermarktung von anderen.)
    Ein Kommentar bedeutet eine Form von Anerkennung, deren Wert sich über die gegenseitige Einschätzung der eigenen Beziehung errechnet. So erhalten auch fehlende Kommentare oder leichte Abweichungen von einem Muster eine Bedeutung. Identisch kopierte Kommentare bei mehreren Bildern werden wahrgenommen und entsprechend kritisch beurteilt. Besonders heikel sind Kommentare bei Bildern, auf denen zwei oder mehr junge Frauen abgebildet sind: Wer die nicht kommentiert, unterminiert die Freundschaft massiv und sagt damit, sie wolle nicht als Freundin der anderen Person wahrgenommen werden. 
  4. Was unsichtbar abläuft.
    Die Kommentare und Bilder werden mit Instant-Messaging begleitet. In Gruppen werden andere Teenager aufgefordert, Bilder vorab zu prüfen, ob sie sich posten lassen. Später machen Aufforderungen die Runde, Bilder zu liken. Ständig werden Screenshots von Kommentaren oder Bildern gemacht, die dann hinter den Kulissen auch kritisch kommentiert werden.

Eine junge Frau plant also ihre eigenen Bilder und deren Publikation, führt ein umfassendes Monitoring der Reaktionen auf die eigenen Bilder durch und setzt es in Beziehung zu den Reaktionen auf die anderen Bilder aus ihrem sozialen Umfeld. So errechnet sie ihre Wirkung, nimmt Optimierungen vor und kann Beziehungen einen Wert zuteilen. Die Aussage, es gehe darum, »relevant« zu sein, ist deshalb absolut korrekt.

Eine Beurteilung dieser Praktiken ist schwer vorzunehmen: Einerseits wird deutlich, wie viel Druck die soziale Vernetzung erzeugt. Andererseits sagen die jungen Frauen, dass die Komplimente ihnen Auftrieb geben – sie erhalten Wertschätzung über Social Media. Gleichzeitig gab es auch vor 10, 20, 30 und 40 Jahren unter Teenagern Praktiken, in denen Beziehungen ausgehandelt und interpretiert wurden. Deshalb stellt sich letztlich die Frage, was der Wert einer Beurteilung ist: Eine Veränderung lässt sich nicht lokal mit ein paar mahnenden Worten erzielen, sondern müsste fundamentale Eigenschaften von Geschlechterrollen, sozialen Normen, Erwartungen und dem Umgang mit Technologie infrage stellen. Jugendliche dafür verantwortlich zu machen ist eine nutzlose Symptombekämpfung.

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philippe-wampfler.ch

7 Comments

  1. shusha says

    ja, so schauts wohl aus. Aber das ist alter Wein in neuen Schläuchen – ich erinnere mich sehr gut an den sozialen Stress in meiner Jugendzeit – dazugehören wollen, sollen, dürfen? Da gab es sehr wohl Meinungsmacherinnen, Evaluierung, Gruppendiskussionen, Bewertungen. Alles offline. Meine Meinung dazu ist, dass das Ausüben sozialer Kontrolle das Erbe der Diskriminierung der Frauen ist. Machtlosigkeit in weiten Teilen des Lebens wird auf dem sozialen Feld kompensiert.
    Wenigstens kann man auf Social Media dem ausweichen und sich andere Freunde suchen. Was offline am Land nicht so einfach war und immer noch ist.

  2. Pingback: Webgedöns am 8.12.2015 |

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  4. Pingback: Real Virtualinks 49/15 | real virtuality

  5. @Lernbegleiterin says

    Diese Beschreibungen sind deckungsgleich mit meinen Beobachtungen. Ich fände es gar noch spannender zu eruieren, woher diese Praktiken kommen. Mein persönlicher Verdacht besteht darin, dass dieses Kommunikationsverhalten unter Mädchen bereits im Kindergartenalter beginnt, in dem oftmals stereotype Sprechweisen von Kinderbüchern, Hörpsielen und (Disney)-Filmen übernommen werden. In den späteren Jahren werden diese dann „lediglich“ in SocialMedia-taugliche Kommunikationsweisen transformiert (Abkürzungen, Bestätigungen, emoticons, etc.).
    Und ja, dabei ist es irrelevant, ob die Jugendlichen diese „Formeln“ selbst verstehen. Sie nutzen und re-produzieren sie permanent.
    Will man Jugendliche – i.d.F. jungen Mädchen – verstehen, sollte man diese Praktiken ernst nehmen. In diesem Sinne – Dank für den Beitrag!

  6. jana° says

    Danke für diesen Beitrag. Die Macht der Social Media liegt noch im dunkeln,.. unsere Jugend ist schon lang drin abgetaucht

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