Google und die Wahrheit – ein Gedankenexperiment

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Ohne Google (oder andere Suchmaschinen) ist eine Navigation im Meer von Informationen nicht mehr denkbar. Doch welchen Prinzipien folgt diese Navigation? Man könnte denken, dass Google schlicht »die Wahrheit« als Orientierungspunkt verwenden sollte. Aber stimmt das?
Betrachten wir dazu drei hypothetische Szenarien:

  1. Ich will mit dem Zug von Münster nach Paderborn fahren und schlage bei Google den Fahrplan nach. 
    Klar: Zu erwarten ist, dass ich die schnellste oder kürzeste Route vorgeschlagen bekomme – auch wenn es in einem entlegenen Umsteigebahnhof einen Donut-Shop hat, der Google für Anzeigen und vielleicht sogar Umsteigetraffic bezahlt. Google berücksichtigt meine Interessen stärker als die der Werbekunden.
    Was aber, wenn Google weiß, dass ich immer in einem Donut-Bahnhof umsteige und bereit bin, einen längeren Weg dafür in Kauf zu nehmen? Soll Google mir dann diesen Vorschlag unterbreiten?
  2. Ich will Informationen darüber erhalten, ob ich meine Kinder impfen soll. 
    Hier stellt sich die Frage, wie meine Haltung gegenüber Impfungen lautet. Google weiß aus meiner Such- und Lesegeschichte oft, ob ich gegenüber schulmedizinischen Verfahren aufgeschlossen oder skeptisch bin. Soll also Google Impfskeptikern andere Informationen ausliefern als Befürwortern?
  3. Ich suche nach Informationen über Suizidmethoden.
    Nun wird deutlich: Es ist weder klar, was »meine« Interessen in einem solchen Fall genau sind – Google weiß vielleicht, dass ich schon lange an einer schweren Krankheit leide etc.

Die Gedankenexperimente stammen aus diesem Atlantic-Artikel. Sie sind sicher nicht neu: Im Kern enthalten sich ethische Überlegungen, die auch Fachkräfte in Bibliotheken anstellen müssen. Sollen sie neutral agieren und den Nutzerinnen und Nutzern die Informationen anbieten, welche die – warum auch immer – verarbeiten wollen? Können Sie das überhaupt – oder geben sie nicht schon durch die Selektion und Präsentationen von Bibliotheksinhalten eine bestimmte Haltung vor?

Google tut das auch. In Europa können Betroffene Verlinkungen von Google zu Seiten mit persönlichen Informationen verhindern – auch in anderen Ländern nehmen Gesetze Einfluss auf die Funktionsweise der Suchmaschine.

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Mir scheint die Konsequenz klar: Google braucht ein Gesicht. Eine Redaktion, die solche Entscheidungen fällt und die Verantwortung dafür übernimmt. (Das habe ich im Kassensturz auch schon für Youtube gefordert.) Ohne Entscheidungen kann Google nicht funktionieren – sie können höchstens versteckt werden.

The Author

philippe-wampfler.ch

2 Comments

  1. irgendeiner says

    Falls der Goggel wirklich den offiziell genannten Algorithmus verwendet, so muss man zur Kenntnis nehmen, dass dieser von den ausgewählten Inhalten rein gar nichts ‚versteht‘!

  2. Pingback: Researching advertising algorithms | Sociostrategy

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