Rezension: Arne Ulbricht – Schule ohne Lehrer

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Arne Ulbricht kommt in seinem neuen Buch in mehreren Rollen vor. In einem seiner fiktionalen Einschüben – »fiktiv, aber nicht ausgedacht« (114) – sagt eine junge Frau, »dass ihr Vater manchmal nerve, weil der immer von früher erzähle und weil er wenig Verständnis für sie habe.« Von früher erzählt auch Arne Ulbricht viel, von der Zeit, als er Schüler war, als er Referendar war, als er sich im Leben noch ohne Handy orientierte und sich in Büchern Wissen über Gandhi aneignete, über das er noch heute verfügt. Er spricht als Lehrer, als Vater, als Medienfigur, als engagierter Zeitgenosse; aber auch als Politiker, Empörter, Verunsicherter zu seinem Publikum. Sein Buch ist ein persönliches, ein überzeugtes: Ausdruck einer tiefen Skepsis gegenüber einer Entwicklung, die Lehrpersonen wie Ulbricht ohnmächtig zurücklässt. Diese Entwicklung ist die Digitalisierung und ihre Auswirkungen.

978-3-525-70174-4

Für Ulbricht ist sie im doppelten Sinne eine existenzielle Bedrohung: Er befürchtet, es brauche ihn als Lehrer nicht mehr – obwohl er überzeugt ist, eine ganz wichtige Funktion für seine Schülerinnen und Schüler zu haben – und er werde mitgerissen in einem Strom der oberflächlichen Gamification, die den Menschen als Bezugsperson entbehrlich machen und den tiefgründigen, nachhaltigen Umgang mit Wissen verunmöglichen.

Die Ehrlichkeit, das Engagement und die Verletzlichkeit, mit der Ulbricht diese Ängste äußert, beeindrucken den Leser. Wir sehen Ulbricht zu, wie er mit seiner Klasse das Whiteboard kalibriert, beim Kaffee mit anderen Lehrkräften darüber diskutiert, ob Power Point unerlässliche Bedingung für ein Referat sei und sich sogar in einer Französischlektion vor den Ferien dazu hinreißen lässt, einer Klasse ein WM-Spiel von 1982 mit französischem Kommentar zu zeigen:

Auch die Lust auf YouTube-Videos sollte man kontrollieren. Sonst wird daraus eine Sucht. Die Rolle eines Lehrers ist es nicht zu zeigen, sondern die Rolle eines Lehrers ist es zu zeigen, dass man auf Youtube sehr konkret sinnvolles Material für den eigenen Unterricht findet.
Ich selbst habe in dieser Stunde komplett versagt. Ich war kein Vorbild mehr, sondern ich habe gezeigt, wie gierig und nervös auch Erwachsene sind, sobald sie in der virtuellen Welt versinken. (95f.)

»Ach, Herr Ulbricht…«, möchte ich entgegnen, und »liebevoll und sehr nachsichtig« lächeln – wie das offenbar seine Schülerinnen und Schüler tun (119).

© Daniel Schmitt / spitzlicht.de

Arne Ulbricht © Daniel Schmitt / spitzlicht.de

Ulbricht steht für eine Generation von Lehrpersonen, die klare Vorstellungen von gehaltvollem Schulunterricht haben. Eine ideale Unterrichtssequenz beschreibt er wie folgt:

Neulich erzählte ich vom 13. August 1932, als Adolf Hitler von Reichspräsident Paul von Hindenburg zu seinem Entsetzen nicht zum Reichskanzler ernannt worden ist. Ich las, während ich erzählte, Ausschnitte aus Goebbels Tagebüchern vor. Wenn es um den ersten Weltkrieg geht, lese ich grundsätzlich Passagen aus Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque, manchmal auch Gedichte von Erich Kästner oder sogar Auszüge aus In Stahlgewittern von Ernst Jünger vor. Ich glaube schon, dass Schüler dann zumindest eine rudimentäre Vorstellung davon bekommen, was Krieg für den Einzelnen bedeutet. In diesem Fall dient der Lehrervortrag dazu, der gesamten Klasse einen Eindruck von einem bestimmten Sachverhalt zu vermitteln. (34)

Das Beispiel zeigt, was dem Autor wichtig ist: Sein Interesse und seine menschliche Perspektive auf Sachverhalte Schülerinnen und Schülern im direkten Kontakt vermitteln zu können und sie dadurch anzuregen, sich selbst Wissen anzueignen. Wissen, das erklärt, bedeutet, bleibt.

Es ist diese Vorstellung, welche durch zwei miteinander verbundene Entwicklungen bedroht scheint: Durch die Methodendiskussion, welche schülerzentrierte Verfahren favorisiert, sowie durch den Trend, Schulzimmer und Lernaktivitäten durchgehend zu digitalisieren.

Das Buch ist eine engagierte Abwehr dagegen. Die Argumente, die Ulbricht vorbringt, sind von unterschiedlicher Qualität. Anzulasten ist ihnen besonders, dass Ulbricht auf jede Art von wissenschaftlicher Rechtfertigung verzichtet, sondern biografische und professionelle Eindrücke als eine Art von Evidenz bezeichnet, die weiter nicht rechtfertigt werden muss. Handschrift ist besser als tippen, Bücher vermitteln Wissen besser als digitale Inhalte, Internet macht süchtig, Jugendliche verdummen.

Zu leugnen, dass der permanente Internetkonsum der Konzentration der Schüler schadet, ist entweder eine bewusste Täuschung oder schlicht naiv. Weil ich zu denjenigen gehöre, die der Meinung sind, dass das Leben in virtuellen Welten auf Dauer gar nicht gut sein kann, halte ich die Digitalisierung an Schulen in dem Maße, wie sie schon jetzt vollzogen wird, längst nicht mehr nur für ein bildungspolitisches Problem, sondern für Körperverletzung. (115)

Ulbricht ist so überzeugt, dass er Widersprüche in seiner Argumentation problemlos übergeht: Er bemängelt, dass digitale Tools zu wenig Kontrolle über die Lerneraktivitäten ermöglichen, weil ja gerade vermittelt werden müsse, wie problematisch permanente Kontrolle sei, etwas, was »früher« gar nicht möglich gewesen wäre. Er bezieht sein Wissen über Lernmethoden wie LdL oder Selbstorientiertes Lernen nur aus Online-Quellen, argumentiert aber gleichzeitig dafür, dass gehaltvolles Wissen primär Büchern zu entnehmen sei. Er plädiert dafür, genau hinzusehen, wie Jugendliche mit Technologie umgehen, konstruiert aber die Anschauungsbeispiele selbst in Geschichten, die so zugespitzt sind, dass sie lediglich als Beleg für das Menschenbild des Autors, nicht aber für seine Argumente ausreichen.

Problematisch erscheint auch die fehlende Konkretisierung dessen, was mit Bildung, Erziehung, Wissen, Schule etc. beabsichtigt werden soll. So entgeht Ulbricht, dass die Vorzeigeschulen, die nach den Vorgaben von Hattie arbeiten, den Schülerinnen und Schülern eine enorme Verantwortung für ihr eigenes Lernen mitgeben – und zwar vom Kindergarten an. Diese Kinder und Jugendlichen verstehen, wie sie lernen und was ihnen dabei hilft – und können dann auf digitale Hilfsmittel zurückgreifen.

Aber letztlich will der Autor mit seinem Buch auch nicht über Ideale oder Visionen sprechen, sondern seinem Unbehagen Ausdruck geben: Dass die aktuellen Bestrebungen im Bereich der Digitalisierung von Schulen Lehrkräfte wie Schülerinnen und Schüler massiv überfordern. Und der Preis für diese Überforderung ein menschlicher sei, weil Technologie eine Entfremdung zur Folge habe, die Empathie und Kontaktaufnahme bei Krisen verunmögliche.

Ich teile aus meiner Sicht Ulbrichts Bedenken nicht – aber wohl auch deshalb, weil für mich einige seiner Forderungen selbstverständlich sind: Digitale Hilfsmittel sind eine Ergänzung, nicht ein Ersatz für bewährte pädagogische Strategien. Schülerzentrierte Methoden bedürfen der Evaluation und sind keine Selbstläufer, sie machen auch die Lehrperson nicht obsolet, sondern verändern ihre Rolle. So verwenden meine Schülerinnen und Schüler Smartphones, iPads, Laptops – und doch spreche ich regelmäßig mit ihnen, helfe ihnen, bin ein menschliches Gegenüber.

Ulbrichts Buch erscheint am 21. Januar bei Vandenhoeck & Ruprecht. [Disclaimer: Meine beiden Bücher sind auch dort erschienen und ich habe vom Verlag ein Rezensionsexemplar erhalten, aber keine Entschädigung.]

The Author

philippe-wampfler.ch

3 Comments

  1. Andreas Sägesser says

    …. in meiner unterrichtlichen Praxis ist es sogar so, dass ich sehr häufig persönliche Gespräche führe und diese auch innerhalb der Klasse fördere! Wenn ich verschiedenste Ressourcen auch „digital“ und somit unabhängig von Ort und Zeit zur Verfügung stellen kann, dann „gewinne“ ich dadurch einen Freiraum, welchen ich gerne für die persönliche Beratung nutze. Einen Input/Lehrervortrag biete ich zum Beispiel auf Nachfrage an. Im „New Zealand Curriculum“ wird dies auch als „Teaching as inquiry“ beschrieben http://nzcurriculum.tki.org.nz/The-New-Zealand-Curriculum/Effective-pedagogy .

  2. Herzlichen Dank für die Buchbesprechung. Ich werds wohl darum nicht kaufen, weil ich befürchte, dass ich darin mehr bestätigt werde, als ich wirklich will.

    Ein für mich zentraler Satz ist: „schülerzentrierte Methoden sind keine Selbstläufer“. Diese Methoden sind mir zutiefst zuwider.

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