Twitter als Spiel um die Deutungshoheit

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»So ist das Game, Nutte«. Das ehemalige Motto des deutschen Politikers Christopher Lauer erfasst perfekt, worum es bei Twitter geht. Einerseits um ein »Game«, ein Spiel – und andererseits um die Deutungshoheit. Wer anderen erklären kann, wie das Spiel zu spielen ist, hat es schon gewonnen.

Lauer kennt das Spiel. Bald wird er nicht nur 100’000 Tweets, sondern unzählige Debatten bestritten haben. Persönliche, tiefgründige, sinnlose. Seine Erfahrung macht ihn zum erfolgreichen Spieler.

Sieht man Twitter als Spiel, so ist damit nicht ein Gesellschaftsspiel gemeint, dessen Regel von einem Autorenteam vorgegeben werden. Orientieren sollte man sich am Verständnis des Sprachspiels, wie es Wittgenstein formuliert hat. In Über Gewissheit heißt es:

Um eine Praxis festzulegen, genügen nicht Regeln, sondern man braucht auch Beispiele. Unsre Regeln lassen Hintertüren offen, die Praxis muss für sich selbst sprechen.

Das lässt sich gut an der Bedeutung von Twitter für die Politik ablesen. Politikerinnen und Politiker nutzen Twitter als Bühne, auf der zitierfähige Aussagen getätigt werden, denen dann von Massenmedien Relevanz und Resonanz zugesprochen werden könnten. Dabei ist klar, dass Erwartungen überschritten werden müssen, damit dies passiert. Nur außergewöhnliche Aussagen generieren die erwünschte Aufmerksamkeit. So ergibt sich denn schnell ein Spiel, das darum dreht, Grenzen auszuloten. »Dummheit ist, wenn man trotzdem twittert«, titelte die NZZ in Bezug auf einen missglückten Versuch einer Politikerin, ein schwieriges Thema mit einem schwer verständlichen Tweet aufzugreifen.

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Jeder Twitterskandal gehört zum Spiel. Zum Eklat kommt es nicht, weil User die Regeln nicht verstanden haben, sondern weil die Spielregeln Eklats herbeiführen und vorsehen. Das kann an zwei Beispielen gezeigt werden:

  1. Der ständige Wechsel des Kontextes. Werden Tweets weitergeleitet oder beantwortet, werden sie für ganz neue User zugänglich. Die Kürze der einzelnen Nachrichten erlaubt kein ausführliches Zitieren und keinen sauberen Nachweis von Quellen. So tauchen Inhalte plötzlich in völlig anderen Zusammenhängen auf und nur mit großem Aufwand ist es möglich zu rekonstruieren, wie sie entstanden sind und gemeint waren. Die Absichten vieler User bleiben notorisch diffus.
  2. Das hängt auch damit zusammen, dass viele Aktionen mehrdeutig sind. Einen Tweet weiterzuleiten – so genanntes »re-tweeten« oder das Favorisieren eines Tweets haben unzählige Funktionen.

Gruppendynamik spielt eine besondere Rolle. »Mir ist auch ganz generell aufgefallen, dass sich bei Internetportalen jeder Art bald Gruppen von Nutzern bilden, die relativ eng kooperieren«, schrieb ein Betroffener eines solchen Eklats in einer Bilanz seiner Twitternutzung. So trivial das klingt – weil Menschen in jeder sozialen Aktivität zur Gruppenbildung tendieren – so bedeutsam ist das für das Twitterspiel: Die mögliche Belohnung, Aufmerksamkeit, wird für die berechenbarer, welche sich an Gruppennormen halten können und wollen.

Aber auch für die, welche bereit sind, Gruppen gezielt zu provozieren. Das sind – nach einer klassischen Terminologie. In meinem Trollaufsatz nutze ich als Definition die von Donath, die das Trollen selbst als Spiel definiert:

Trolling is a game about identity deception, albeit one that is played without the consent of most of the players. The troll attempts to pass as a legitimate participant, sharing the group’s common interests and concerns; the newsgroup members, if they are cognizant of trolls and other identity deceptions, attempt to both distinguish real from trolling postings and, upon judging a poster to be a troll, make the offending poster leave the group.

Trolle weisen auf die Bedeutung der Deutungshoheit hin. Sie ziehen einer Gruppe den Boden unter den Füssen weg. Sie kann sich – füttert sie die Trolle – nicht mehr darum kümmern, den eigenen Status zu bearbeiten, sondern verteidigt sich gegen einen Angriff auf die Kommunikationsweise und Normen der Gruppe.

* * *

»So ist das Game, Nutte.« Oder auch nicht: In dem Moment, wo jemand das Game festlegt, hat es sich schon wieder verändert. Twitter funktioniert immer anders. Wer das Spiel erlernen will, muss es spielen – ohne es zu beherrschen. Und verändert es dadurch. Wer weiß, dass Twitter ein Spiel ist, wird sich auch bewusst, dass er oder sie verlieren kann. Das ist oft brutal, aber gehört zum Spiel – genau so wie Rückzüge aus der Kommunikation, psychologische Konsequenzen die auch getrennt von digitaler Kommunikation spürbar sind, Übergriffe. Zu sagen, dabei handle es sich um ein Spiel, ist keine Verharmlosung, sondern eine Beschreibung der Funktionsweise. Spiele sind real und brutal. Sie vermitteln, dass Kontrolle eine Illusion ist, führen Dilemmata, Abgründe, Zufälle vor.

»Twitter ist wie das richtige Leben.« Ein Spiel.

The Author

philippe-wampfler.ch

5 Comments

  1. Pingback: Twitter als Spiel | Vormals EduCraft Blog / Socioeconomics Blog

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  3. Guten Tag der Herr,
    nicht um zu trollen, sondern um meine Meinung zu sagen und nach Ihrem Grund zu fragen,
    warum fehlen da „Hintergrund-Informationen“? Oder wurde da falsch zitiert?!

    Sie schreiben über „das ehmalige Motto“ von Christopher Lauer und verlinken sein Twitterprofil.
    Allerdings kann ich auf seinem Twitterprofil weder dieses Motto irgendwo finden,
    noch habe ich das Gefühl das es sich hier um eine Quellenangabe handelt.
    Sie schreiben nicht woher Sie wissen das dies das (ehemalige) Motto von Herrn Lauer ist.
    Warum dessen Twitterprofil verlinkt ist, kann ich mir nicht erklären.

    Dirk von Gehlen hat ein paar mehr Informationen zu diesem leicht provokanten (ehemaligen) Motto des Herrn Lauer:
    http://www.dirkvongehlen.de/index.php/nachrichten/meine-ungebetene-laudatio-auf-den-troll-des-jahres/

    Und zwar wurde dieses (provokative) „Motto“ auf der Profilseite von Herrn Lauers Jetzt.de veröffentlicht.
    (Diese Seite zu verlinkten macht wenig Sinn, da dieses Profil scheinbar gelöscht ist.)

    Sie schrieben einmal das auch Sie mit trollen in Ihrem Blog (oder anderswo) zu tun (oder zu kämpfen) haben.
    Da mir noch nie troll-ähnliche Kommentare bei Ihnen im Blog aufgefallen sind,
    möchte ich kurz erwähnen, das ich keinesfalls ein Troll bin
    (leider fehlt vermutlich eine Definition auf die man sich einigen kann).

    Es geht mir tatsächlich um Positionen und Meinungen, um Inhalte .. Informationen
    und nicht um das bloße Pöpeln oder das Lostreten eines Shit…das
    Lostreten von digitalschriftlichen Entgleisungen.

    Bisher haben Sie mir glaube ich noch nie auf eine Frage unter Ihren Artikeln geantwortet,
    was zu meiner Theorie führte,
    Sie würden mich für einen Troll halten, auch wenn ich nicht beleidige.

    Sicher – mein Name ist nicht echt, dafür braucht man wenig Intelligenz,
    doch wenn man im Internet eine Klarnamenspflicht einführt, trägt man die ganze Idee zu Grabe.

    Ich gehe davon aus, das Sie diesesn Kommentar lesen und würde mich sehr freuen wenn Sie darauf Antworten.
    Am meisten würde ich mich natürlich freuen, wenn Sie auf die Fragen antworten.

    Einen schönen Tag noch
    -kleinkind

    • Ich antworte gerne, aber mittlerweile nicht auf alle Kommentare. Das tut mir Leid. Zu den Fragen: Meiner Meinung nach fehlen keine Informationen. Sie konnten ja schnell entschlüsseln, woher das Zitat stammt – verlinken kann man es offenbar nicht, warum sollte ich das also tun? Das Twitterprofil verlinke ich, weil die Twitter-Aktivitäten von Lauer eine Rolle spielen.
      Troll-Definitionen habe ich schon. Nach meinem Gefühl würde ich Sie dazu zählen: Sie verschleiern Ihre Identität, sprechen nicht über das Thema, sondern einen obskuren Quellennachweis, verweisen auf andere Kommentare von Ihnen, die aber für mich nicht auffindbar sind etc.
      Aber ich lasse mich gern korrigieren. Daher ein paar Fragen an Sie:
      a) Warum verwenden Sie kein stabiles Pseudonym?
      b) Warum ist Ihnen ein Quellennachweis, den Sie selbst erbringen können, so wichtig – dass Sie daraus den Vorwurf konstruieren, ich würde »Hintergrund-Informationen« verschweigen?

  4. Ich wehre mich dagegen – das Leben als Spiel (manche sagen sogar „Kampf“) zu bezeichnen. Als Gedankenspiel, ja, zum Lernen ist Spiel ja da – aber Kampf & Spiel sind höchstens Bestandteile von Leben (seltene Ausnahmen mag es geben). Leben ist (nur) Leben – und in unserem säugetierischen Fall typischer Weise – sich fortpflanzend entwickelndes Leben!

    Dabei mögen Macht & Gewalt eine große Rollen bei der Fortpflanzung gespielt haben. Von Macht & Gewalt emanzipierte Mensch*n leben beides – im gegenseitigen Einverständnis – in Sex & Spiel aus. Vielleicht lassen sich in der Enthaltsamkeit besondere Kräfte entdecken;)

    Von Gewalt emanzipierte Männer erscheinen selter, als von Macht emanzipierte Frauen. Sie beide sind jedoch Voraussetzung – für ein friedliches, liebevolles Zusammenleben.

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