Wie Jugendliche Social Media zur Beziehungspflege nutzen

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Kompetenzen / Wissenschaft

Es sind nur Ausschnitte, kleine Teile von mir selbst und es gleich nicht meinem Leben. Du könntest nicht viel über mich sagen, wenn du mich nur auf Facebook kennen würdest. Das hat nichts damit zu tun wer ich bin, also wer ich wirklich bin. Es ist nur so allgemeines Zeug, das ich mag und was ich tue, oder einfach Dinge, die andere, die ich kenne, mögen oder interessant finden.

Nahum über seine Selbstrepräsentation auf Facebook

Weil quantitative Methoden oft ungenau sind, wenn es um subjektive Zusammenhänge wie Beziehungen geht, haben Fatimah Awan und David Gauntlett (Publikation auf Anfrage per Mail erhältlich) mit 14- und 15-jährigen Jugendlichen einen kreativen Prozess durchgeführt: Nach einer Einführung ließen sie »Identitätskisten« herstellen, welche einen Innen- und einen Außenraum hatten, den die Jugendlichen mit Collagen beklebten. Sie sollten dabei an drei Dinge denken: »Ich«, »meine Welt«, »meine Medien«. Diese Boxen ließen sie von den Jugendlichen ohne ein bestimmtes Fragenraster präsentieren, so dass sie die Aspekte hervorheben konnten, die für sie von besonderer Bedeutung waren. Die dabei gewonnen Erkenntnisse bilden einen guten Ausgangspunkt für eine vertiefte Diskussion der Auswirkungen digitaler Medien, die anders als zu Beginn der Geschichte des Internets immer auch mit den eigenen sozialen Strukturen verbunden sind.

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Die folgende Liste ist zu generell, weil sie einerseits spezifische Kontexte außer Acht lässt, andererseits uneinheitliche Praktiken und Haltungen verallgemeinert. Aber sie zeigt bestimmte Tendenzen auf, die durch internationale Studien recht gut belegt sind.

  1. Wenig neue Beziehungen durch Social Media
    Social Media ist für die meisten Jugendliche kein Werkzeug, um neue Menschen kennen zu lernen. Die meisten Jugendlichen kennen ihre Freunde aus der Schule, über andere Freunde oder aus der Nachbarschaft. Neue Freundschaften betreffen häufig Jugendliche, deren Bekanntschaft in der Schule oder in Vereinen schon gemacht wurde, allerdings ohne intensive Gespräche, die über soziale Netzwerke initiiert werden können.
  2. Social Media als Erweiterung der alltäglichen sozialen Erfahrung
    Neue Medien dienen Jugendlichen hauptsächlich dazu, Beziehungen zu erhalten und zu intensivieren. So erwähnen sie beispielsweise häufig die Möglichkeit, mit entfernt lebenden Verwandten im Kontakt zu stehen. Die Freundschaften hängen aber nicht von ihrer medialen Erweiterung ab.
  3. Nähe und Routine
    Der Hauptmodus der Konversation unter Freundinnen und Freunden auf Social Media besteht in einer Versicherung, dass man an einander denkt und die Verbindung aufrecht erhalten will. »An mich hat niemand gedacht«, meine eine 17-jährige Schülerin bei einer Befragung im September 2013, als sie eingestehen musste, als einziges Mitglied ihrer Klasse um acht Uhr noch keine WhatsApp-Nachricht erhalten zu haben (eigene Quelle). Dadurch entsteht oft ein belangloses Geplaudere, das schnell zu einer Routine werden kann. Gespräche nehmen einen formalisierten Lauf, was zu einer gewissen Frustration und einer Social-Media-Müdigkeit führen kann. Zudem entsteht schnell ein Druck, ein bestimmtes Engagement aufrecht erhalten zu müssen.
  4. Unterschiedliche Beziehungen auf Social Media pflegen
    Es gibt keine Belege dafür, dass Jugendliche nicht in der Lage wären, nähere Freunde von entfernten Bekannten zu unterscheiden, obwohl die meisten Netzwerke dafür denselben Status vorsehen (z.B. die Kategorie »Freund« auf Facebook). In Befragungen weisen Jugendliche regelmäßig darauf hin, dass nur ein kleiner Teil dieser Freunde tatsächliche Freunde seien. Daraus lässt sich ableiten, dass sie Differenzierungen vornehmen, auch wenn es oft technisch schwierig wenn nicht unmöglich ist, sie umzusetzen.
  5. Bequemlichkeit
    Social Media macht für Jugendliche das Leben einfacher, weil die schnelle und direkte Kommunikation oft eine Erleichterung darstellt. »Es verändert meine Identität nicht, es ändert nur die Dinge, die ich tue, zum Beispiel, wie schnell ich etwas tun kann«, meinte eine der Schülerinnen, die Awan und Gauntlett befragten.
  6. Offenheit und Kontrolle
    Jugendliche nehmen soziale Netzwerke als Möglichkeit wahr, sich freier Ausdrücken zu können, ohne sich beispielsweise vor einer Gruppe lächerlich zu machen oder sich schämen zu müssen, weil sie einen bestimmten Grad von Anonymität und Distanz wahrnehmen. Gleichzeitig erleben sie mehr Kontrolle in sozialen Situationen, weil beispielsweise Gespräche grundlos abgebrochen werden können oder schwierige Themen angesprochen werden können, ohne die direkte Reaktion der anderen Person einbeziehen zu müssen. Sie fühlen sich in der Online-Kommunikation oft sicherer als im direkten Kontakt mit anderen Jugendlichen.
  7. Mangel an Vertrauen und Klarheit
    Jugendliche wissen, dass andere sie falsch verstehen könnten oder die Informationen, die sie ihnen geben, gegen sie verwenden können.
  8. Authentische Selbstrepräsentation
    Man kann davon ausgehen, dass die meisten Jugendlichen nicht ein ideales Selbstbild verkörpern, sondern sich mehr oder weniger so präsentieren, wie sie sich sozial verhalten.
  9. Bewusstsein für Privatsphäre
    So echt die Selbstrepräsentation oft ist, so lückenhaft ist sie. Viele Profile enthalten sehr generische Informationen über Fernsehsendungen, die jemand mag, oder nichtssagende Ferienbilder. Das entspricht einem hohen Bewusstsein für Privatsphäre und die Erwartungen anderer, die auf den Profilen nichts auf den ersten Blick Störendes entdecken sollten, sondern vor allem Interessantes und Attraktives.
  10. Eindimensionale Beziehungen
    Jugendliche sprechen Online-Beziehungen in der Regel viele Qualitäten ab, die für sie wichtig sind. Neben dem Vertrauen ist es vor allem der mangelnde Blickkontakt, der ihnen fehlt und der für sie wichtig ist.

Das Bild, das diese zehn Punkte zeichnen, ist kein einheitliches. Es ergeben sich Brüche und Widersprüche, die nicht aufzulösen sind, sondern als Beschreibung einer sozialen Realität durchaus akzeptabel sind. So ist es beispielsweise paradox, dass Menschen in halb-anonymen Situationen oft viel offener über ihre Probleme reden als im direkten Austausch mit ihren Mitmenschen.

Im folgenden Abschnitt wird nun die Perspektive umgedreht: Während Jugendlichen oft eine gewisse Kontrolle über oder Verantwortung für die Beziehungen, die sie pflegen, zugeschrieben wird, nutzen sie online Werkzeuge, die mit ganz bestimmten kulturellen und wirtschaftlichen Absichten designt wurden, und so das Verhalten von Jugendlichen direkt beeinflussen.

Während ein deterministischer Ansatz besagen würde, dass die Optionen zur Gestaltung eines Profils dazu führen, dass sich die Möglichkeiten zum Ausdruck einer Identität reduzieren, ist die Annahme einer Wechselwirkung zwischen der alltäglichen Lebenspraktiken von Menschen, wirtschaftlichen Abläufen und kulturellen Gegebenheiten wohl zielführender und präziser. Sander De Ridder hat beispielsweise in einer Untersuchung der Nutzung von Netlog durch belgische Jugendliche herausgearbeitet, wie Technologie, Partizipation, Subjektivität und Repräsentation in sozialen Netzwerken in einander übergehen. Das heißt konkret, dass gewisse technologische Beschränkungen oder Möglichkeiten zu Partizipation führen oder aufgrund mangelnder Partizipation – aus ökonomischen Überlegungen – an die Wünsche der Nutzerinnen und Nutzer angepasst werden. Gleichzeitig beziehen sich Designer von Software auf die subjektiven Erfahrungen der Nutzerinnen und Nutzer – ihr Verhalten auf den Netzwerken wird bis in kleinste Detail analysiert und später durch präzise Anreize gesteuert. Und doch entwickeln Gemeinschaften jeweils eigene Codes für Repräsentation. In De Ridders Untersuchung ging es z.B. um die Frage, unter welchen Bedingungen Jugendliche auf Netlog ihre sexuelle Orientierung definieren – eine Angabe, die im Gegensatz zum biologischen Geschlecht (es stehen nur die Optionen »männlich« und »weiblich« zur Auswahl) fakultativ ist. Diese Angaben können im System selbst vorgenommen werden, was User mit einem als »männlich« definierten Profil fast doppelt so häufig tun wie die anderen, »weiblichen«. Ebenso tun es die Profile häufiger, die angeben, auf der Suche nach einer Beziehung zu sein, eine weitere von der Software angebotene Option.

Jugendliche nutzen aber vielfach die Möglichkeit, ihre sexuelle Orientierung und ihren Beziehungsstatus in einem freien Text zu verfassen, mit dem sie sich vorstellen können. So schrieb etwa ein 17-jähriges Mädchen:

Deine Liebe ist meine Droge, Jonaaaaaaaaas ❤
7. April ’10 ❤

Jugendliche entwickeln also eigene Strategien, um Freiräume innerhalb der von Softwaredesign geschaffenen Strukturen zu generieren. De Ridder bemerkt dazu folgerichtig:

User geben Technologie eine unterschiedliche Bedeutung. In der Folge resultiert aus dieser interpretativen Flexibilität Kontingenz und Komplexität im Verhältnis von Gesellschaft und Technologie, statt einer einseitigen Bestimmung.

Kurz: Während Netzwerke die Darstellung von Individuen und die Möglichkeiten ihrer Beziehungen durch technische Vorgaben prägen, lassen sie dennoch genügend Freiräume, um gehackt zu werden – hacken verstanden als die Fähigkeit, Grenzen kreativ und spielerisch zu überwinden.

Als Vergleich könnte die Fähigkeit von Jugendlichen herangezogen werden, auch Schuluniformen individuell zu tragen, selbst wenn alle Kleidungsstücke vorgegeben sind.

Diese Strategien und Fertigkeiten dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wirtschaftliche Interessen mittels Medialisierung auch intime Beziehungen von Jugendlichen in bestimmte Bahnen lenken. Dabei ist es äußerst schwierig, präzise darzustellen, wie das geschieht, gerade weil es kein einseitiger Prozess ist und Medialisierung oft bewusst gewählt wird. Problematisch erscheint, dass wirtschaftliche und kulturelle Kräfte, die hinter Social Media stehen, durch die intensivere Nutzung immer stärker unsichtbar werden, was De Ridder im Gespräch mit Fokusgruppen mit Teenagern erstaunt hat.

The Author

philippe-wampfler.ch

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