Vorschlag für eine Smartphone-Etikette

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Als Vorbereitung für einen kleinen Auftritt bei Radio 105 (Teil 1 / Teil 2) meine Empfehlungen zu Smartphone-Anstand. Das Schöne am Thema: Wir haben die Chance, neue Regeln zu erlernen, erproben, umzusetzen. Das weniger Schöne: Wir nerven uns, weil unsere Erwartungen ständig verletzt werden, ohne dass wir auf Normen zurückgreifen können, an denen sich alle orientieren sollten.

  1. Mitdenken. 
    Wir erleben, wie andere Menschen ihr Smartphone nutzen und finden dabei weniges attraktiv und vieles daneben. Diese Einsichten lassen sich recht direkt umsetzen.
  2. Atmen.
    Wenn der Bus grad zwei Minuten nicht kommt oder es am Schalter eine Schlange hat, drei Mal tief atmen und dann an etwas Schönes denken. Sich etwas Zeit nehmen. Nicht jede freie Minute mit dem Smartphone füllen. Wer das kann, spürt sich mehr und ist offener.
  3. Die Erwartungen anderer bedenken. 
    Wir leben in einer Welt mit vielen Kontexten. Anständig ist nicht das, was sich am Sonntag in der Kirche und beim Mittagessen mit dem feinen Geschirr gehört, sondern das, was den Erwartungen der Menschen entspricht, die uns umgeben und mit denen wir interagieren. Wenn wir auf ihre Bedürfnisse eingehen und ihre Erwartungen berücksichtigen, machen wir vieles richtig. Es gibt Raum für individuelle Lösungen. Nutze ihn.
  4. Vermeide Phubbing
    Andere Personen verdienen unsere Aufmerksamkeit, auch wenn sie uns am Kiosk bedienen, sich auf den freien Sitz im Zug setzen wollen oder was Langweiliges erzählen: Wer dabei die Kopfhörer nicht entfernt oder auf ein Display starrt, sagt damit, dass die andere Person die eigene Aufmerksamkeit nicht verdient. Das gehört sich nicht.
  5. Handynutzung ist eine Unterbrechung einer sozialen Interaktion. 
    Es ist nicht generell verpönt, beim Treffen mit anderen Menschen das Handy zu nutzen. Aber es ist, als würde man die Toilette aufsuchen: Man kündigt es an (ohne ausführliche Umschreibungen) und tut es zügig und diskret.
  6. Toilettenbesuch und Smartphonenutzung verbinden. 
    Daraus ergibt sich eine Kombination, die sich schon verbreitet hat. Menschen ziehen sich auf die Toilette zurück, um zu tun, was sie nicht lassen können. Vor den Kopf stößt man damit niemanden, aber anzunehmen, andere würden auf diese Idee nicht kommen, wäre eher naiv. (Von Bakterien auf dem Smartphone-Display reden wir jetzt mal nicht – wir waschen ja auch jedes Mal die Hände, wenn wir ein fremdes Gerät angefasst haben…)
  7. Das Smartphone ist eine Fotokamera und ein Videorecorder. 
    Behandle es entsprechend. Geheime Aufnahmen und Veröffentlichungen von Mitschnitten von Ereignissen, die Beteiligte privat halten möchten, verstoßen nicht nur gegen Anstandsregeln, sondern auch gegen das Gesetz. Wer Fotos oder Filme von anderen Menschen veröffentlicht, holt sich ihr Einverständnis.
  8. Die Tonfunktion ist für die Alphütte. 
    Es gibt Alphütten, da muss eine kleine Anhöhe bestiegen werden, damit die Geräte ein Signal empfangen. Werden sie dort deponiert, darf der Klingelton auf laut und originell geschaltet werden. Sonst braucht es weder Klingel- noch andere Töne. Tastentöne, Signaltöne, Fototöne und was es sonst noch geben mag – die haben für kompetente Menschen heute keine Funktion und stören andere.
  9. Smartphones machen niemanden cool.
    Cool sind heute uralte Nokia-Telefone oder Moleskine-Notizbücher ohne Internetanschluss. Natürlich zeigen sich die Männer vom Turnverein beim abendlichen Bier ihre neuen Wundergeräte mit dem großen Display, den hübschen Apps oder der eingebauten Taschenlampe. Die meisten anderen Menschen nutzen Smartphones, weil das vieles einfacher macht. Mehr nicht.
  10. Pause machen. 
    Die Geräte mal eine Ferienwoche lang, für ein Wochenende oder einen Ausgangsabend vergessen. In eine Schublade stecken, den Akku leer laufen lassen und durchatmen.

Was tut man also, wenn man mit jemandem beim Kaffee sitzt, plaudert – und man erwartet eine wichtige Nachricht oder einen wichtigen Anruf? Zunächst einmal macht man die Gesprächspartnerinnen und – partner darauf aufmerksam: »Kann sein, dass ich mal kurz ans Handy muss, erwarte eine wichtige Nachricht.« Trifft sie ein, weist man kurz darauf hin: »Nun ist sie gekommen, die Nachricht – entschuldigt mich bitte schnell«, zieht sich zurück, antwortet oder spricht und kommt wieder zurück. Wenn es möglich ist, gibt man eine Erklärung ab (»Das war ein Arzttermin mit dem Spezialisten, mein Ellenbogen schmerzt beim Tennis immer stärker«) oder entschuldigt sich knapp.

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philippe-wampfler.ch

4 Comments

  1. Pingback: Was ist erlaubt in den Social Media? | Erika23

  2. Britta says

    Gefällt mir gut. Ist freundlich und nicht bevormundend und total einleuchtend. V.a. Punkt 4. ist glaube ich vielen Jugendlichen nicht bewusst. Den Radiobeitrag fand ich hingegen schwierig. Nicht dein Votum, sondern dass es mit Musik überdröhnt wurde und durch den hypernden Kommentator banalisiert wurde.

  3. Die zehn Gebote wären nicht schlecht, aber KEIN Jungspund lies sie! Ist doch alles viel zu lang, zehn Zeilen wären gut gewesen, aber nicht soviel Text.

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