Ich mache mir aktuell ein paar systematische Gedanken zu dem, was ich Bildungskrise nennen würde: Schule werden den eigenen, den gesellschaftlichen und den politischen Ansprüchen nicht gerecht – und niemand weiss genau, wie man das ändern könnte.
Eine populistische Position besteht darin, Schulen zu empfehlen, sie sollten doch «einfacher» werden. Das Argument hat oft einen nostalgischen, kulturpessimistischen Seitenarm: Früher waren die Schulen besser, damals waren sie einfacher.
Einfacher meint:
- homogene Klassen mit möglichst gleichen Schüler:innen
- wenige Grundfertigkeiten, auf die sich Lehrende und Lernende konzentrieren («schreiben, lesen und rechnen»)
- reduzierte Berufsaufträge für Lehrpersonen: sie arbeiten allein und mit einer Klasse
- keine Veränderungen durch Reformen, Projekte; keine externe Evaluation; generell keine Beratung durch Fachpersonen
- Leistungserfassung durch traditionelle Prüfungen, Noten
- von der Lehrperson geht autoritäre Disziplin aus, der sich die Schüler:innen unterordnen müssen
Warum das nicht funktioniert, lässt sich leicht zeigen:
- Stellen wir uns Schulabgänger:innen vor, die in einer strengen Schule von einer Person gelernt haben, wie man schreibt, liest und rechnet. Wie bewältigen sie ein Assessment in einem Lehrbetrieb, wo sie darin getestet werden, wie gut sie mit anderen zusammenarbeiten, wie sie mit Fehlern umgehen, wie kreativ und reflektiert sie sind? Wie gehen sie mit den komplexen Anforderungen des Lebens um, das weder klare Sinnangebote unterbreitet noch einfache berufliche Perspektiven bereithält?
- Stellen wir uns Lehrpersonen vor, die als Einzelkämpfer Kinder streng behandeln und harte Noten geben. Wer wählt diesen Beruf? Wer will sein Kind von so einem Lehrer, so einer Lehrerin unterrichten lassen?
- Was passiert mit all den Kindern, die nicht in eine homogene Klasse passen? Die vielleicht etwas mehr Unterstützung brauchen oder etwas schneller sind? Die Deutsch erst noch lernen müssen? Die nicht einfach einen Tag lang ruhig auf dem Stuhl sitzen können, die nicht nur lesen, schreiben und rechnen wollen? Wer erklärt ihren Eltern, warum sie in eine Sonderklasse müssen? Wer unterrichtet die Sonderklasse?
Diese Überlegungen zeigen schnell, dass eine «einfachere» Schule deshalb nicht funktioniert, weil sie die Komplexität, die in der Welt und in der Gesellschaft schlicht vorhanden ist, entweder ausblendet oder auslagert. Homogene Klassen gibt es nur, wenn es extrem heterogene Sonderklassen gibt. Lehrpersonen ohne Zusammenarbeit mit multiprofessionellen Teams gibt es nur, wenn alle Eltern und Kinder auf Unterstützung verzichten. Wenige Grundkompetenzen würden nur etwas nützen, wenn es Berufe gäbe, in denen lediglich diese Grundkompetenzen gefordert würden.