Betrachtet man, wie Menschen bzw. Männer Pornografie konsumieren, kann man viel über psychosexuelle Dynamiken lernen, die eine wichtige Bedeutung für viele gesellschaftliche und politische Prozesse haben (lesenswert ist dazu dieser Beitrag). Ein Aspekt dieser Thematik ist die Plattform OnlyFans, über die sich auch vieles über die wirtschaftlichen Zusammenhänge lernen lässt, die den digitalen Raum heute prägen.

Ich verdichte hier Erkenntnisse aus verschiedenen Quellen – eine hilfreiche Einführung bietet dieser Podcast, der zeigt, wie OnlyFans aus verschiedenen Perspektiven funktioniert.
Einsicht 1:
Wenn etwas gratis ist, bleibt es gratis
Das Internet hat Pornografie gratis gemacht. Warum? Weil in der vor-digitalen Medienwelt die Konsument:innen primär für die Distribution von Medien bezahlt haben – die Finanzierung der Inhalte erfolgte oft über andere Einnahmequellen. Sobald sich Bilder und Filme praktisch kostenlos kopieren lassen, entfallen Distributionskosten.
Man würde OnlyFans falsch verstehen, wenn man dächte, dass die Plattform eine Paywall für Pornografie darstellt, also ein Weg ist, mit dem für Pornografie Geld verlangt werden könnte. Bilder und Inhalte von OnlyFans werden permanent in Foren und auf entsprechenden Plattformen geteilt – weil auch sie kostenlos kopiert werden können.
Selbstverständlich gibt es immer Menschen, die für einen einfacheren Zugang zu zahlen bereit sind. Generell können aber Konsument:innen von Pornografie davon ausgehen, dass sie kostenlos an entsprechende Inhalte gelangen. Das ist nicht anders als bei Musik, bei Büchern und bei Filmen: Die Digitalisierung hat dazu geführt, dass sich Content an sich nicht mehr monetarisiert werden kann. Geld lässt sich mit Content – wenn überhaupt – nur verdienen, wenn der Zugang deutlich einfacher wird. Auch heute bezahlen User:innen also für digitale Logistik, nicht für Inhalte. Beispiele sind Spotify, Youtube, Netflix: Alle Inhalte gibt es auch kostenlos, aber mit nerviger Werbung, längeren Ladezeiten, ständig wechselnden Adressen etc.
Einsicht 2:
Die Fantasie der Individualisierung
Wenn OnlyFans-Inhalte kostenlos zugänglich sind: Warum funktioniert dann das Geschäftsmodell noch? Der Grund liegt im Wunsch nach Individualisierung. Was die Kund:innen von OnlyFans anspricht, steckt im Wort «Fans»: Es sind parasoziale Beziehungen.
Was bedeutet das? OnlyFans verkauft das Gefühl, direkten, intimen und persönlichen Kontakt mit Models und Porno-Stars haben zu können. Diese chatten, nehmen Wunschbilder auf und stellen sogar personalisierte Videos her. Parasozial ist das, weil es keine echten sozialen Beziehungen sind: Die Creators schützen sich durch die Plattform, sie geben kaum wirklich persönliche Informationen preis und gehen keine echten Freundschaften ein, sondern tun nur so. Das Gefühl, etwas Persönliches zu erleben, ist einseitig.
Dieses Gefühl ist der Grund, weshalb OnlyFans so gut funktioniert. Die Plattform nimmt 20% des Geldes und macht damit einen Umsatz von über einer Milliarde pro Jahr. Verkauft wird also die Fantasie, dass man einen direkten Kontakt zu attraktiven Menschen haben kann, die jederzeit bereit sind, auf eine sexuelle Ebene zu wechseln.
Einsicht 3:
Die Fantasie vom schnellen Geld und die Longtail
Unter den Creators und unter jungen Menschen verbreitet sich die Legende, dass man mit OnlyFans schnell viel Geld verdienen kann. Das Median-Einkommen von Creators beträgt 130 Dollar pro Monat – das heisst die Hälfte aller Creator verdient weniger. Wer heute einsteigt, wird sehr wahrscheinlich mit OnlyFans keinen nennenswerten Betrag verdienen.
Wie fast alle digitalen Produkte und Dienstleistungen hat OnlyFans eine Longtail-Struktur: Wenige verdienen viel Geld, der grosse Rest verdient kaum etwas. Gleichzeitig bewirtschaftet OnlyFans das Image, dass es extrem einfach ist, auf der Plattform Geld zu verdienen.

Einsicht 4:
Professionalisierung und Kommerzialisierung von Amateur-Aktivitäten
OnlyFans erweckt den Eindruck, dass hier Menschen von ihrem Schlafzimmer aus Content produzieren. Dieser Eindruck täuscht: Längst ist die Plattform professionalisiert worden. Agenturen haben die Konten der grossen Creators übernommen, sie werten Daten aus und optimieren jeden denkbaren Aspekt. Ohne Agenturen können Konten kaum überleben und genügend Geld machen. Das bedeutet auch, dass sogenannte Chatter eingesetzt werden, die an der Stelle der Creator Kund:innen betreuen.
Die Illusion, einen persönlichen Kontakt zu haben, wird noch absurder, wenn man sich vor Augen führt, dass Clickworker auf den Philippinen oder in anderen asiatischen Ländern viele der OnlyFans-Konten bespielen. Die Models nehmen dann nur noch an Shootings die nötigen Bilder oder Videos auf, der Rest wird von der Agentur übernommen. Diese nimmt sich noch einmal 40% (oder mehr) des verbleibenden Geldes – auch das ist eine Konstante im digitalen Business: Das Geld wird verteilt.
OnlyFans funktioniert so wie AirBnB oder Youtube: Die Vorstellung, hier könnten alle ohne grosse Hürden ihre privaten Angebote vermarkten, ist reines Marketing, das die Tatsache beschönigt, dass hier knallharte Unternehmen jeden Dollar rauspressen. Die Models liefern nur das Gesicht und den Körper dazu.
Einsicht 5:
Es gibt (kleiner werdende) Nischen für echte Amateure
Dennoch können Amateur-Profile auf diesen Plattformen überleben, ihre Nischen werden einfach immer kleiner. Es gibt weiterhin OnlyFans-Creators, die ihre Kund:innen persönlich betreuen und die Angebote von Agenturen ausschlagen. Die Plattform ermöglicht für einige Sex Worker:innen gute Arbeitsbedingungen und transparente Geschäftsmodelle, die aber immer wieder unter Druck geraten. Auf digitale Plattformen ist selten Verlass, Geschäftsmodelle und Ausrichtungen ändern sich permanent. Wir haben es hier nicht mit Infrastruktur zu tun, auf die Menschen sich stützen können.
Einsicht 6:
Outsourcing findet immer statt
Die Tatsache, dass der grosse Teil der Arbeit hinter OnlyFans in Niedriglohn-Ländern bewältigt wird, gilt für fast alle Bereiche der Online-Ökonomie. Programmier-Arbeiten, Moderation von Plattformen, Klassifikationen für KI, Überprüfungen von Identitäten – wo immer Arbeit anfällt, sie wird in Niedriglohnländer ausgelagert. Für User:innen sieht das oft nicht so aus, die chatten aus ihrer Perspektive mit einem OnlyFans-Model in Frankreich, in den UK, in den USA – tatsächlich rühren die aber keinen Finger, während schlecht bezahlte Menschen in Asien und Afrika in die Tasten hauen.
(Im Podcast wird geschildert, wie einige Kunden sich überlegt haben, wie es sein kann, dass die Models fast rund um die Uhr ansprechbar sind. Diese Naivität ist schon fast rührend.)
Einsicht 7:
Betrug, Gaslighting und Ausnutzen psychologischer Schwächen
Für Männer gibt einige Rollen, die besonders attraktiv zu sein scheinen: Eine davon ist die des älteren Mannes, der jüngeren Frauen dabei hilft, das Leben zu bewältigen. OnlyFans spricht diesen Rollenwunsch gezielt an: Mit Geld und Ratschlägen helfen Männer attraktiven jungen Frauen, die auf Sex Work angewiesen sind. Nur: Sie helfen ihnen gar nicht tatsächlich, sondern Agenturen inszenieren Situationen, in denen es so wirkt, als könnten sie jemandem helfen.
Das ist nicht nur fies, sondern gezieltes Gaslighting und auch Betrug. Auf OnlyFans ist nicht oder unzureichend deklariert, wo Chatter eingesetzt werden. Auf Nachfragen werden Kund:innen belogen. Models bitten sie systematisch um Geld, um bestimmte Probleme in ihrem Leben meistern zu können – diese Probleme gibt es aber gar nicht.
Wie fast auf jeder Plattform gibt es hier gewerbsmässigen Betrug, der die Leichtgläubigkeit und das Unwissen von Menschen ausnutzt. Besonders perfid ist das bei OnlyFans, weil intime und tabuisierte psycho-sexuelle Wünsche angesprochen werden, um ans Geld von Menschen zu gelangen.
Fazit:
Authentizität ist Inszenierung & Plattformen lösen keine Probleme
Auf sozialen Netzwerken gab es schon immer einen Mangel an Authentizität – und ein damit verbundenes Paradox: Das, was für Laien am echtesten aussieht, ist oft am stärksten inszeniert. Das gilt auch für OnlyFans. Wer denkt, hier könnten quasi beliebige Menschen schnell Geld verdienen, indem sie Bilder von sich hochladen, während auf der anderen Seite Menschen in einen echten Austausch mit Models geraten können, täuscht sich. Das Gegenteil ist der Fall.
Digitalität ist immer eine Aushandlung von Nähe und Distanz. OnlyFans suggeriert, Sex Work sei ohne körperliche Nähe und völlig selbstbestimmt möglich – und die Plattform verkauft die Möglichkeit, eine persönliche Beziehung zu einer attraktiven Person kaufen zu können. Rund um Sex Work und Beziehungen haben Menschen viele Probleme und Unsicherheiten, viele Wünsche und Sehnsüchte werden nicht befriedigt. Die Vorstellung, eine digitale Plattform könnte hier eine Lösung darstellen, muss man klar zurückweisen. Digitale Plattformen lösen keine Probleme, sie monetarisieren sie kurzfristig.