«growth mindset» – eine philosophische & pädagogische Kritik

Wenige Menschen sind so stark auf Growth, also Wachstum angewiesen, wie Influencer:innen. Sie brauchen ansteigende Kurven: mehr Views, mehr Interaktionen, mehr Reichweite. Nur: All das sind beschränkte Ressourcen, von denen nicht alle immer mehr bekommen. Einige erreichen ein Plateau, ihre Sichtbarkeit wächst nicht mehr. Bei anderen fallen diese Metriken sogar.

In dieser Situation können zwei Haltungen eingenommen werden: Die «growth mindset»-Haltung geht davon aus, dass Erfolg (auf digitalen Plattformen) mit dem Content zusammenhängt. Wer guten Content macht, wird eine grosse Reichweite erlangen.

Die System-Haltung hingegen verweist darauf, dass Algorithmen steuern, wie Inhalte ausgespielt werden. Diese belohnen zum Beispiel die kontinuierliche Produktion von Inhalten – wer mehr produziert, wird öfter angezeigt. Algorithmen beziehen aber auch viele andere Faktoren ein: Zeigt eine Influencer:in das Gesicht? Ist hinter dem Video die richtige Musik unterlegt? Hat ein Video die optimale Länge? Wie viele Views erhält ein Video in den ersten Sekunden? Einige dieser Faktoren beruhen auf einer KI-Musterkennung, die für Menschen nicht durchschaubar ist. Maschinen machen etwas, was den finanziellen Interessen von ethisch rücksichtslosen Digital-Konzernen dient. Reichweite hat nichts damit zu tun, was eine Person «verdient» oder leistet, sondern mit maschineller Optimierung, die weder Gerechtigkeit kennt noch erklären kann, warum das passiert, was passiert.

Welche Haltung ist die besser? Ist es sinnvoll, sich selber die Verantwortung für das zuzuschreiben, was mit den eigenen Posts im Netz passiert – also bei einem Erfolg zu denken, den habe man sich verdient; bei einem Misserfolg darüber zu sinnieren, welche Fehler man beim nächsten Mal vermeiden oder wie man die eigene Performance verbessern könnte? Oder sollte man eher akzeptieren, dass die eigenen Handlungsmöglichkeiten stark beschränkt sind und man ein Spielball mächtiger Digitalunternehmen ist, auf die das, was wir konkret tun, kaum einen Einfluss hat?

In der letzten Zeit habe ich mich intensiv mit der Arbeit von Aaron Rabinowitz auseinandergesetzt (ein guter Zugang ist sein Podcast «Embracing the Void»). Rabinowitz geht grundsätzlich davon aus, dass sich sehr vieles der menschlichen Kontrolle entzieht, Menschen aber an der Illusion hängen, dass ihr Handeln ihnen viel Kontrolle ermöglicht. Um diese Illusion zu erhalten, gehen sie gegen jede Evidenz davon aus, die Welt sei grundsätzlich gerecht eingerichtet und belohne diejenigen, die das verdient hätten. Seine Kritik am Growth Mindset lautet in seiner Dissertation wie folgt (deutsche Übersetzung und leichte Vereinfachung von mir mit Hilfe von Claude):

Dieser gut gemeinte Ansatz wird von der Meritokratie-Illusion leicht vereinnahmt — als Rechtfertigung dafür, Schüler:innen dazu zu bringen, den Einfluss allgegenwärtiger Ungerechtigkeit auf ihre Ergebnisse herunterzuspielen, weil diese Realitäten ausserhalb ihrer unmittelbaren Kontrolle liegen und sie davon abhalten könnten, grosse Träume zu hegen und durchzuhalten. […]
Die Vereinnahmung des Growth-Mindset-Ansatzes durch die meritokratische Pädagogik hat zu einer Krise im Bildungswesen und in der Gesellschaft insgesamt beigetragen. Schüler:innen lernen, dass Workaholic-Verhalten, demonstrative Produktivität, echtes und gespieltes Burnout sowie die zwanghafte Aneignung von Fähigkeiten die Art und Weise ist, wie sie zeigen, dass sie den grössten Verdienst haben und Top-Noten sowie gesellschaftliche Positionen verdienen. […]
Die Kehrseite der demonstrativen Produktivität ist ein Anstieg von Leistungsvermeidungs-Haltungen, mit denen Schüler:innen es vermeiden, sich auf anspruchsvolle Aufgaben einzulassen, die mit öffentlichem Scheitern verbunden sein könnten. In einem System, in dem schlechte Noten den Lebensweg eines Schülers / einer Schülerin grundlegend verändern kann, ist es nachvollziehbar, dass sie sich nur auf Arbeiten einlassen, in denen sie bereits wissen, dass sie gut sind.

Was Rabinowitz in Bezug auf die Schule ausführt, lässt sich bei Influencer:innen täglich beobachten. Auch hier wird die Illusion gepflegt, Erfolg sei von Leistung abhängig, obwohl die tägliche Frustration durch den Algorithmus das Gegenteil belegt.

Das Growth Mindset und die Versuchung, Growth Hacks einzusetzen, sind eng verwandt. Influencer:innen erleben digitale Plattformen als ein Casino, das Gewinne per Zufall verteilt, aber selber immer gewinnt und alle arm und abhängig macht. Sie reden sich wie Spielsüchtige ein, das System knacken zu können – ein System, das manipuliert und fundamental unfair ist.

Bei algorithmischen Plattformen glauben mir das sicher viele. Nur: Auch das Leben und die gesellschaftlichen Systeme, in denen wir uns bewegen, sind von dieser fundamentalen Ungerechtigkeit durchzogen. Das führt uns zu einem Dilemma: Sollten wir als verantwortungsvolle Pädagog:innen das Schüler:innen gegenüber zugeben und sie darauf vorbereiten, dass alle Anstrengung und alle Lernbereitschaft nichts garantieren, dass nicht die erfolgreich sind, die Erfolg «verdienen», sondern die, welche zum System passen? (Und eigentlich alle Menschen Erfolg verdienen würden, er aber künstlich verknapp wird?) Oder sollen wir Schüler:innen stärken, indem wir die Illusionen, die im «growth mindset» stecken, aufrecht erhalten und uns damit beruhigen, dass Schüler:innen, die so denken, besser lernen und sich besser entwickeln?

Rabinowitz weist in seinem Podcast darauf hin, dass das ein Denkfehler sein könnte. Growth Mindest wirkt dann, wenn Lernende metakognitiv Strategien finden, um ihre Lernaktivitäten zu verbessern. Nur: Das ist sehr wahrscheinlich eine Fähigkeit, die sie schon mitbringen – die genauso unfair verteilt ist wie Körpergrösse oder Intelligenz. Zu sagen, dass Growth Mindset mit Lernerfolgen korreliert, bedeutet dann wenig mehr als die Tautologie, dass diejenigen gut lernen, die gut lernen können. Growth Mindset ist kein Schalter, den Lernende umlegen können.

Deshalb braucht es wohl beides. Vertrauen ins eigene Lernen, Freude an Erfolgen und Kompetenz – ohne der Illusion zu verfallen, die Welt sei so eingerichtet, dass man für die eigenen Anstrengungen belohnt würde. Diese dialektische pädagogische Haltung ist nicht einfach zu vermitteln und zu leben. Aber sie ist wirksamer als Verzweiflung und wirksamer als meritokratischer Burnout-Optimismus.

Lesetipp: John Hattie hat das Growth-Mindset-Konzept kritisch eingeordnet.

AI Slop zu Growth Mindset direkt aus dem Internet kopiert – die Treppe führt ins Burnout

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