Das Menschenbild von Lehrenden – eine Bemerkung zur Bedeutung von Systemen

»Diese Klasse, uff, die machen einfach nichts, sind zu nichts motiviert, das ist so anstrengend mit denen!«

Diesen Satz höre ich in verschiedenen Lehrer*innenzimmern immer und immer wieder. Er hat eine Kehrseite, eine Art Impostor Syndrom unter Lehrenden: Den Zweifel daran, mit dem eigenen Unterricht genug zu bewirken, die Schuld daran zu tragen, dass die Schüler*innen wenig beobachtbare Fortschritte machen, dass ihnen Motivation fehlt.

Beide Sichtweisen haben mit dem Menschenbild zu tun, das Lehrende vertreten: Auf der eine Seite ein Menschenbild, das dem Willen große Bedeutung zuschreibt. Wer nur will, kann viel leisten, wer nicht will, tut das möglicherweise aus bösem Willen, aus selbstverschuldeter Faulheit – und muss (in der Schule wie im Leben) mit Konsequenzen rechnen.

Auf der anderen Seite die Vorstellung, Menschen seien beeinflussbar; guter Unterricht würde aus trägen Lernenden aktive, begeisterte machen.

Diese beiden Sichtweisen lassen sich schlecht verbinden, und doch schwanken viele Lehrende dazwischen. Für mich fehlt da ein Blick auf systemische Ursachen von Verhaltensweisen: Schüler*innen leben in Familien, sie wurden sozialisiert, sie nehmen Schule als ein System von Anreizen und Verfahren wahr, auf die sie reagieren. Ihr Wille und ihre Fähigkeit, sich vom Unterricht beeinflussen lassen zu können, werden durch systemische Gegebenheiten geprägt – sie haben nur insofern einen Willen, als dieser im System Kraft entfalten kann, können nur so stark beeinflusst werden, wie es das System zulässt.

Um Schule zu ändern, müssen wir nicht Menschen ändern. Diese ändern sich mit den Systemen, in denen sie sich befinden. Um Schule zu ändern, müssen wir Strukturen ändern. Damit meine ich kollektive Verhaltensmuster, an denen wir uns alle bewusst und unbewusst orientieren.

man in white crew neck t-shirt smiling
Bild: Jeswin Thomas, Unsplash

7 Kommentare

  1. Ich teile Deine Ansicht. Mir gefallen Formulierungen und die aufgezeigten Muster haben wir Alle schon beobachtet.

    Ich merke mir von jeder Lernenden und jedem Lernenden was ich an diesen Personen liebenswert finde und was sie besonders gut können. Das hilft mir durch alle Krisen.

  2. Mit dem Schüler*innen-Bild von Lehrenden ist es so eine Sache.
    Menschen sind wie Knoten in einem (Beziehungs)Netz von Gegebenheiten, Befindlichkeiten, Verhältnissen, Zuständen, Ereignissen und Prozessen. Sie sind also eine Art dynamisches Ergebnis eines Zusammenwirkens von Kräften, die zwar zum Teil in ihnen und ihrer Geschichte ihre Quelle haben, jedoch auch von weit her auf sie zugreifen.
    Mein „Bild“ von einer Schülerin, einem Schüler kann folglich nur eine Momentaufnahme sein – ist es aber sehr häufig nicht, sondern verfestigt sich zu einer eigentlichen Skulptur (man höre genau zu an Notenkonferenzen zum Beispiel).
    Viele Lehrpersonen – so meine Erfahrung – schaffen es nur selten, die im Klassenzimmer Sitzenden zu *sehen*, also wahrzunehmen als ein je gewachsenes, gereiftes, in mancherlei Kraftfeldern sich bewähren müssendes Ich im Kontext der Schule. Es fehlt Lehrpersonen häufig an achtsamer Wahrnehmung ihrer Studierenden, am Willen, ihre Bilder im Kopf zu überprüfen und zu verändern.
    Es ist zwar richtig und höchste Zeit, „Strukturen zu ändern“, wie du schreibst. Mindestens ebenso bedeutsam finde ich jedoch, dass Lehrende achtsamer hinschauen und „sehen“ lernen, wahrnehmen, wer da sitzt und sich für diese Einzelnen wirklich zu interessieren beginnen.

    1. Ja, du hast absolut recht – das ist ein wichtiger Faktor, der oft vergessen geht. Habe da viel von dir gelernt, z.B. über den Stundenanfang. Für mich ist eine gewisse Gelassenheit, eine Zurückhaltung wichtig, damit ich nicht mit Aktivitäten den Raum zudecke, in dem ich Schüler*innen wahrnehmen könnte. Danke für deine Rückmeldung, Theo!

  3. Kann dir nur zustimmen, Philippe, einfach so weitermachen und immer wieder: systemisch denken … best from Australia yours phb

      1. Auch das Wort Krisen passt hier: Jede Lehrkraft kennt das, wie auch der Frust im Lehrerzimmer immer nur Momentaufnahme ist! Was mir geholfen hat: Verbündete suchen und Gespräche vertiefen, Gruppen mit anderen Lehrkräften bilden und Fortbildungsbedarf in Gesamtkonferenzen benennen! Daraus wird dann eine Schulentwicklungs-Strategie! Und das systematisch über die kommenden 10 Jahre durchziehen! Dann werden sich auch Zyniker zurückziehen und leiser sein! Ich habe sie einfach in Konferenzen konfrontiert: Formuliere doch deinen Frust von gestern hier noch einmal, ich denke das sollte für alle Thema sein! Was können wir tun und wie gehen wir mit diesem Schülerverhalten professionell um?

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