Feedback: Warum ich auf qualitative, nicht anonyme und soziale Formen setze

Als ich als junger Lehrer meine ersten Klassen übernommen habe, war mir klar: Feedback ist wichtig. Eine 6. Klasse, die ich noch als Student als Klassenlehrer unterrichtete, gab mir das erste Feedback schon bevor ich es einholte: Ein paar Schülerinnen fertigen lange Listen mit Strichen an. Auf mein Drängen erklärten sie, sie würden jedes Mal einen Strich machen, wenn ich »ähm« sage. Zuerst war ich verletzt, forderte sie dann aber auf, weiterzumachen. Wenn ich in der nächsten Woche mehr als 10 Striche hätte, würde ich der Klasse Gipfeli mitbringen (das sind Croissants). Das musste ich dann eine oder zwei Wochen tatsächlich machen, danach war das mit den »ähm«s etwas besser (oder die Klasse verlor die Lust am Spiel).

Am Ende jedes Semesters gab ich einen Fragebogen ab, auf dem die Schüler*innen Aussagen mit Kreuzen bewerten konnten – anonym. Wiederum war ich jedes Mal gekränkt, wenn auf einer 10er-Skala ein Wert von 4.8 oder 5.6 rauskam, zumal damit auch einige sehr tiefe Bewertungen verbunden waren. Zu gerne hätte ich gewusst, wer mich so schlecht bewertet hatte und weshalb.

Im Gespräch mit erfahrenen Kolleginnen und Kollegen wurde mir bewusst, dass das Problem an der Art des Feedbacks lag.

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Nur Feedback, das sprachlich formuliert ist, ist an sich aussagekräftig. Zahlenwerte gewinnen erst an Signifikanz, wenn sie verglichen werden können. Gebe ich jedes Semester dieselben Items an dieselben Lerngruppen aus, dann kann ich mit der Zeit erkennen, ob sich etwas verändert hat. Aber grundsätzlich sagen Zahlen sehr wenig, wenn ich nicht weiß, wer was wie bewertet.

Die Anonymität ist ein zweites Problem. Meine ursprüngliche Idee war: Wenn kein Name dasteht, muss niemand Angst haben. Nur funktioniert das halt auch umgekehrt: Wenn anonyme Settings gewählt werden müssen, dann impliziert das, dass Angst durchaus vernünftig sein könnte. Weil ich will, dass Klassen mir vertrauen und ich Schüler*innen vertrauen kann, muss vor einem fixen Feedback-Termin allen klar sein, dass Kritik für niemanden negative Konsequenzen hat. (Und wenn das dennoch nicht geht, lässt sich das digital heute einfach machen: z.B. per E-Mail.)

Für mich sollte Feedback also sprachlich ausformuliert und nicht anonym erfolgen. Gleichzeitig ist mir aber auch eine soziale Komponente wichtig, die am konkreten Setting aufzeigen möchte:

  1. Ich stelle der Klasse Feedback-Fragen vor. Meist sind es:
    a) Was lief/läuft gut?
    b) Was sollte ich/sollen wir besser machen? Wie?
    c) Spezialthema, abhängig vom Unterricht
  2. In Gruppen diskutiert die Klasse diese Frage.
  3. Wir hören uns die Ergebnisse aus den Gruppen an, ich schreibe für alle sichtbar mit (auf dem Beamer oder an der Wandtafel).
  4. Ich darf Fragen stellen, die der Klärung oder Präzisierung dienen (keine Rechtfertigung, keine Schuldabwälzung etc.)
  5. Die Klasse diskutiert Punkte, die kontrovers sind (wenn Bedarf vorhanden ist).
  6. Ich lese alles noch einmal durch und gebe drei konkrete Punkte an, die ich in der nächsten Lerneinheit verbessern möchte. (Und sage auch, wie ich das mache.)

Was in den Gruppen passiert, ist eine Abschätzung, ob es sich um ein individuelles oder allgemeines Problem handelt. Es wird deutlich, dass nicht alle Unterricht gleich erleben und beurteilen.

All das kann man gut auch mit Tools machen – aber die Funktionalitäten von Feedback-Tools verleiten aus meiner Sicht dazu:

  • zu viele Fragen zu stellen
  • quantitative Ansätze zu verwenden
  • die Ergebnisse stehen zu lassen, statt sie zu diskutieren.

Veröffentlicht von Philippe Wampfler

philippe-wampfler.ch

3 Kommentare zu „Feedback: Warum ich auf qualitative, nicht anonyme und soziale Formen setze

  1. Genau. Die Voraussetzung für zielführendes Feedback ist ein angstfreies Setting, und das ist bei Lehrpersonen schwierig zu erreichen, die selber grosse Ängste vor einer Klasse haben. SuS halten sich dann entweder aus Angst vor Vergeltung zurück, oder, weil sie keine Monster sind, wollen sie nicht « nachtreten » und weichen auf Nebenschauplätze aus. Eine solche freundlich gemeinte Schonung kann dann die Lehrperson unbeabsichtigt in die Irre führen. So kann ein gut gemeintes Setting ins Gegenteil kippen, wenn eine Klasse aus Versehen eine falsche Fährte legt, die der Mentoratsarbeit entgegenwirkt.
    Eine meiner Lieblingsfragen beim Feedback ist deshalb: Welche Momente meines Unterrichts nutzen deinem Lernen am meisten? Wovon willst du mehr?

  2. Danke. I couldn’t agree more. Meiner Ansicht nach erreichen wir mit Anonymität oder anonymen Verhaltensweisen nicht viel, sondern fördern eher ein kontraproduktives Vorgehen.
    Leider wird diesem „Zustand“ immer noch zu viel Platz geboten.
    Hinter anonymen Wortmeldungen steht nämlich kein wirkliches Interesse am Prozess etwas verändern zu wollen.
    Danke für diesen Beitrag.

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