Der Einsatz von Mentimeter in der Lehre

Das Problem von Quiz-Apps wie Kahoot! ist längt bekannt: Sie suggerieren einerseits, es gäbe genau richtige Antworten auf vorgegebene Fragen und konditionieren mit einer Spielmechanik, die Lernende oft davon abhält, sich intensiver mit ihren Lernprozessen auseinanderzusetzen. (Für den Deutschunterricht habe ich diese Kritik in einem Aufsatz differenzierter formuliert.)

Gleichwohl liegt viel Potential in der Idee, individuelle Ergebnisse einer Lerngruppe zu aggregieren. Dabei helfen die vielfältigen, intuitiv einsetzbaren Frageformate von Mentimeter, die ich im Folgenden würdigen möchte. Mentimeter kann kostenlos genutzt werden, allerdings mit starken Limiten. Wer dafür bezahlt, kann ganze Präsentationen mit Mentimeter gestalten, die interaktive und statische Elemente enthalten können.

Ein paar Beispiele zum Einsatz – mit einem didaktischen Kommentar:

Die Studierenden in meinem Fachdidaktik-Seminar haben über Bewertungen von Aufsätzen nachgedacht. Diese Bewertungen haben sie im Anschluss verglichen – mit Mentimeter. Das geht erstens enorm schnell, zweitens zeigt das Tool nicht nur einen Mittelwert an, sondern auch die Verteilung der Werte in der Lerngruppe: So zeigt sich etwa am linken Rand, dass jemand wohl nicht verstanden hat, wie die Umfrage funktioniert und die Werte deshalb leicht zu tief ausgefallen sind. Der rechte Rand zeigt, wie hoch die maximalen Punktzahlen ausfallen.

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Lernende können so ihre Wahrnehmung mit der Wahrnehmung anderer vergleichen. Es geht nicht darum, einen korrekten Wert zu ermitteln. Ich als Lehrender habe meine Bewertung der beiden Texte auch vorgestellt – sie erscheint dann sogleich nicht als die richtige Bewertung, sondern eine in einer Bandbreite von Möglichkeiten, deren konkrete Breite mit dem Tool abgeschätzt werden kann.

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Ähnlich bin ich verfahren, um implizite Leseeindrücke zu sammeln. Das Alter von Werther ist im Text nicht angegeben – die Klasse hat sich mit Mentimeter ausgetauscht. Besonders bei Werther zeigt sich, dass es eine enorme Vielfalt von Einschätzungen gibt – der ganz rechte Rand hat dann zu einer spannenden Diskussion geführt. Eine Schülerin meinte, so wie Werther schreibe, müsse er sehr alt sein – um sie zu widerlegen, haben andere dann Textstellen rausgesucht und literaturgeschichtliches Wissen bemüht.

Gestern habe ich mit einer Klasse ein ganzes Arbeitsblatt zu Brechts »Der gute Mensch von Sezuan« mit Mentimeter ausgewertet. Statt das einzelne Schüler*innen ihre Lösungen vorstellen oder ich meine präsentieren, werden so fast alle sichtbar. Aus den Antworten auf die Frage, was die Absicht hinter einer kurzen Rede einer Figur ist, habe ich eine Ranking-Aufgabe gemacht.

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Dabei zeigt sich, dass mehrere Einschätzungen in der Klasse Rückhalt finden, dass es also unterschiedliche Sicht- und Wirkungsweisen der Passage gibt.

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Sehr verbreitet ist die Arbeit mit Wortwolken, die hier die ganze Arbeit der Klasse recht übersichtlich darstellen. Die Verknappung auf ein Wort ist allerdings nicht nötig – Mentimeter lässt auch zu, dass ganze Sätze eingegeben werden. Was in der unten stehenden Darstellung nebeneinander steht, habe ich vor der Klasse einzeln vorgeführt und jeweils von Hand abstimmen lassen, ob sie diesen Schreibanlass gerne bearbeiten würden.

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Mentimeter ist ein effizientes Tool dafür, Sätze formulieren zu lassen und sie dann gleich für alle sichtbar zu besprechen. Der Aufwand, dass ich als Lehrender die Sätze irgendwie übertragen muss, entfällt. Ein dialogischer Lernprozess mit den Lernprodukten der Lernenden ist unmittelbar möglich.

Zum Abschluss noch ein Beispiel aus einer Weiterbildung mit größeren Gruppen. Mentimeter ist sehr stark darin, differenziertes Feedback einzuholen und einen Meinungsbildungsprozess darzustellen. Diese Funktion kann mit Inputs verknüpft werden. Ich habe die 4K-Kompetenzen anhand dieser Aufgabe vorgestellt, dann 100 Punkte so verteilen lassen, wie die Anwesenden die Bedeutung dieser Kompetenzen in ihrem Unterricht wahrnehmen – und dann diskutieren lassen, wie die einzelnen Kompetenzen miteinander verbunden sind.

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Kurz: Mentimeter eignet sich aus meiner Sicht sehr, weil das Tool verschiedene Perspektiven abbilden kann und zeigen kann, dass es in einer Gruppe unterschiedliche Sichtweisen gibt. Eine Auseinandersetzung damit ist oft zielführender als das Vorlegen richtiger Lösungen – sie zeigt auf, dass auch Lehrende eine Perspektive auf Gegenstände einnehmen und Wissen nie neutral vermitteln.

(Ich zahle für Mentimeter und habe weder Geld noch Vergünstigungen für diesen Beitrag erhalten.)

 

Veröffentlicht von Philippe Wampfler

philippe-wampfler.ch

4 Kommentare zu „Der Einsatz von Mentimeter in der Lehre

  1. Wir nutzen Mentimeter bei Teamgesprächen und natürlich in Workshops. Mir gefallen die verschiedenen Detail-Ebenen der Resultateauswertung. Das Werkzeug ist toll – kniffliger ist es, gute und relevante Fragen zu stellen.

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