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Medienkompetenz in der digitalen Transformation

Letzte Woche habe ich an der EHB mit Lehrenden und Dozierenden aus der Berufsbildung über die digitale Transformation gesprochen.

Dabei haben wir intensiv die Frage der Medienkompetenz diskutiert. In einem vereinfachten Schema lassen sich zwei Vorstellungen von Medienkompetenz unterscheiden:

  1. Kontrollierende Medienkompetenz in der Buchdruckgesellschaft
    Bücher und Massenmedien werden von Gatekeepern publiziert: Verlage, Redaktionen, Herausgebende etc. haben das Privileg, Informationen veröffentlichen zu können.
    Medienkompetenz besteht darin, den Prozess der Publikation zu verstehen, wichtige Akteuere zu kennen, die externe Ordnung (in Bibliotheken, Archiven) und interne Logik (Aufbau, Textsorten, Register etc.) von Publikationen zu durchschauen und Informationen mit denen in Referenzwerken abzugleichen (ein Wort kann in einem formalen Text gebraucht werden, wenn es im Duden steht).
    Medienkompetenz ist primär skeptische Rezeption; für ganz wenige ist es möglich, aktiv zu publizieren, zu Gatekeepern zu werden.
  2. Experimentelle Medienkompetenz in der Informationsgesellschaft
    »Content« erscheint im Netz: Er wird von Menschen und Maschinen generiert und kuratiert. Wie er wahrgenommen wird, entscheiden Leserinnen und Leser mit: Sie filtern, wählen eigene Darstellungsformen, machen Inhalte mehr oder weniger sichtbar. Sie produzieren, sobald sie Medien rezipieren wollen.
    Medienkompetenz besteht darin, die Wirkung medialer Handlungen einschätzen zu können, Kontexte ein- oder ausblenden zu können und Programme selbstbestimmt zu nutzen. An die Stelle einer Ordnung sind Suchverfahren getreten – lokale und globale. An die Stelle von Referenzwerken Statistik (ein Wort kann verwendet werden, wenn es dafür Belegstellen im Netz gibt).

Dieser Umbruch ist tiefschneidender, als man denken könnte. Die Überforderung der CDU mit dem Video von Rezo  ist symptomatisch dafür:

Rezo ist in der Informationsgesellschaft medienkompetent. Er haut Videos raus, die auf unterschiedliche Arten wirken und Resonanz erzeugen. Seine Quellen dokumentiert er auf einem Google Docs, dessen erster Satz lautet:

Hier sind alle Quellen vom CDU-Video. Hoffe es ist alles korrekt übertragen. Falls irgendwo ein Flüchtigkeitsfehler drin ist oder so, schreib mir gern auf den verschiedenen Socialmedia Plattformen 🙂

Rezo bespielt mehrere Plattformen, macht Fehler, rechnet mit Reaktionen. Seine Medienkompetenz ist eine experimentelle: Erst die Reaktionen auf seine Inhalte sagen etwas über ihre Wirkung aus.

Die CDU hat mit einem pdf-Dokument auf das Video geantwortet. Ihre Reaktion zeigt, dass sie dem Paradigma der kontrollierenden Medienkompetenz verhaftet ist: Sie denkt, wenn sie die Verantwortlichen in den Redaktionen kenne, können sie abschätzen, wie die relevante Berichterstattung über die eigene Politik verlaufe – was aber in der Informationsgesellschaft nicht mehr möglich ist. Kontrolle gibt es keine mehr, sie ist gar nicht nötig.

In der Bildung kann sich oft beobachten lassen, dass Erwachsene auf die Herausforderungen im Umgang mit digitalen Medien mit der Aufforderung reagieren, zum Paradigma der kontrollierenden Medienkompetenz zurückzukehren. Typisch sind dafür die »10 Gebote der digitalen Ethik« – es handelt sich dabei um eine Auflistung, die davon ausgeht, Kinder und Jugendliche könnten in eine Buchdruckgesellschaft zurückkehren.

Was wäre die Alternative – was hilft jungen Menschen, in einer genuin digitalen Form Medienkompetenz zu erwerben?

  1. Informationen produzieren, verbreiten – und damit Erfahrungen sammeln.
  2. Gespräche über ihre Erfahrungen führen, die ihnen dabei helfen, das experimentelle Setting zu verstehen und zu reflektieren.
  3. A/B-Testing: Vergleichen, wie unterschiedliche Verfahren wirken.
  4. Lernen am Bekannten und Lokalen: So können auch junge Menschen erfahren, wie mögliche Verzerrungen funktionieren.
  5. Immer komplexere Tools einsetzen, die gewisse Prozesse automatisieren. Dazu gibt es einfache Fragestellungen: Wie viele Menschen haben an einem Wikipedia-Artikel mitgeschrieben? Wie erkennt man, ob Follower-Fake sind?

4 Comments

  1. Pingback: experimentelle Medienkompetenz situiert lernen – das Problem der Nischen | Schule Social Media

  2. Die Differenzierung der Konzepte eingangs des Beitrags halte ich für wenig hilfreich, da sie seltenst in reiner Form antreffbar sind bzw. vertreten werden. „Medien“ sind m.E. traditionell weniger autoritätsgebunden als systemkritisch und ein Urteil darüber zwar unter Berücksichtigung des jeweiligen Entstehungskontexts, aber nicht in kausaler Verbindung davon zu deren Qualität zu begründen. Bei „Rezo vs. Altparteien“ geht es daher eher um Kommunikations- als um Medienkompetenz – wobei freilich das eine mit dem anderen intrinsisch verwoben ist. Ich persönlich finde das CDU-PDF so schlecht nicht, ich kann da auch keine kontrollieren wollende Absicht entdecken, vielmehr erleichtert das Schrift-Format aus meiner Sicht die gründliche, systematische Auseinandersetzung gegenüber dem bemerkenswerten 55-Minuten-Video-Rundumschlag-Format Rezos. Video beeindruckt bzw. manipuliert (nolens oder volens) leichter als Schrift bzw. fordert einen ungleich höhreren Aufwand auf dem Weg zu einer konstruktiven Diskussion. Positiv finde ich, dass Rezos offensichtlicher Erfolg bei den jüngeren Wählerinnen und Wählern überlebensinteressierte Parteien zur Erweiterung ihrer eigenen Kommunikationskompetenz zwingt. – Kurzum: Die Nutzung zeitgemäßer Medien allein (sic) macht für mich noch nicht Medienkompetenz aus. Für die Schule gilt das übrigens ganz ähnlich.

    • Aber das ist etwas, was gar nicht da steht. Das pdf ist aus der Perspektive der Buchdruckgesellschaft ganz gut, ja. Aber es ist nicht möglich, Argumente in einen Diskurs einzubringen, wenn man (nach Tagen) mit einem pdf auf ein Video reagiert. Das ist nicht Kommunikation, sondern Medienkompetenz – sehe das also anders als du.

      • Ruth

        Wenn du schreibst: „Das PDF ist aus der Perspektive der Buchdruckgesellschaft ganz gut“ und vorher differenzierst zwischen einer Buchdruck- (gestern, autoritär) und einer Informationsgesellschaft (heute, egalitär)… was heißt dieser Satz dann? 🙂

        Was mich interessiert:
        – Was hat es mit diesen Gesellschaftsbegriffen auf sich? Auf welcher Basis werden diese Gesellschaften miteinander verglichen?
        – Ein wichtiger Punkt bei Matthias, der mir eine Diskussion wert erscheint: Auch wenn Rezo inhaltlich mE schlecht zu widerlegen ist, muss ich sein Video fast ganz ansehen, um seine Argumentation ganz zu checken. Da macht es mir die CDU mit ihrem PDF leichter. Ich kann das lesen, was ich brauche, um die Argumentation zu verstehen. Von der Kommunikationspraxis hat es die CDU besser gemacht. Sie hats halt an den Inhalten versemmelt.

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