Disziplin in der Schule

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In einer »Rhetorikbattle« diskutiere ich heute Abend mit Hanspeter Amstutz, einem pensionierter Lehrer alter Schule in Zürich über die Bedeutung von Disziplin für die Schule. Als Vorbereitung notiere ich hier meine Gedanken – die ich dann so, oder vielleicht ganz anders formulieren werde. Digitale Medien kommen nur am Rand vor – ich bitte um Entschuldigung. 

* * *

Disziplin hat eine militärische Funktion: Sie macht aus individuell unterschiedlichen Menschen Zahnrädchen im Getriebe einer Maschine. Individuen sind nicht steuerbar, sie setzen keine Taktik um, sondern fällen Entscheidungen eigenständig und deshalb auch willkürlich. Disziplin ist nichts anderes als eine gemeinsame Norm: Im Gleichschritt und gehen, dieselbe Uniform auf dieselbe Weise zu tragen, identisch zu grüßen, das Gewehr zu halten, Befehle zu befolgen. Disziplin bringt Verlässlichkeit, Sicherheit und Kontrolle über Menschen.

Schulen sind geprägt von militärischen Überlegungen. Schulhäuser sind architektonisch Kasernen. In den Schulzimmern befindet sich ein Zug, angeführt von einem Offizier – dem Lehrer (oder heute eher der Lehrerin). Disziplin hat eine ähnliche Funktion: Gruppen von Menschen im Gleichschritt lernen zu lassen.

Beobachtet man Kinder im Vorschulalter beim Lernen, stellt man große Unterschiede fest: Mit vier können Kinder Schach spielen, Romane lesen, Computer programmieren, Eishockey spielen, zweihändig Klavier spielen oder ein Menu kochen. Nur meistens nicht alles gleichzeitig. Die Schule braucht Disziplin, um sie alle gleichzeitig an denselben Aufgaben arbeiten zu lassen. Kinder können im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihr Lernen selbst rhythmisieren, reflektieren, planen und sozial arrangieren. Die Schule ersetzt diese Kompetenzen durch einen gemeinsamen Rahmen. Sie setzt diejenigen Kinder unter Druck, welche Normen oder Regeln nicht einhalten wollen oder können. Und belohnt andere, die dazu bereit sind.

Die Idee, dass Klassen vielleicht nicht idealen Lernarrangements führen, gewinnt im Abstand von 10 Jahren an Popularität. Durchsetzen kann sich diese Einsicht nicht, obwohl sie psychologisch einsichtig und belegt ist. Lernen können Kinder und Jugendliche, wenn sie es üben, wenn sie gezielt Feedback bekommen und eine positive Haltung zum Lernen haben.

Bedeutet Disziplin, dafür die Voraussetzungen zu schaffen, ist dagegen nichts einzuwenden. Aber wenige Lehrerinnen und Lehrer, die Disziplin hochhalten, können der Versuchung widerstehen, ein so starkes Machtmittel für andere Zwecke einzusetzen: Um ihre Arbeit zu erleichtern. Um Gruppendynamiken auszulösen. Macht auszuüben. Konformität herzustellen. Die gleichen Scheindebatten geistern seit Jahrzehnten durch die Schulhäuser: Sollen Lernende in Schulstunden trinken dürfen, auf die Toilette dürfen, Mützen tragen, knappe Kleider tragen, Kaugummi kauen, Dialekt sprechen usw. In diesen Debatten zeigt sich die Schule als System: Sie verlangt einen abstrakten Respekt und identische Vorgaben, wo keine nötig sind: Lernen kann man mit Mützen, Kaugummi und leichter Kleidung genau so gut wie ohne.

Im positiven Sinne meint Disziplin Ernsthaftigkeit und Achtsamkeit. Lernen ist serious business – es ist schwierig, braucht einen Rhythmus, Kostanz und Durchhaltewille. Die stellen sich nur ein, wenn Schülerinnen und Schüler sich bewusst werden, wie sie lernen, was sie lernen und wozu sie lernen.

Dieses Bewusstsein verhindert Disziplin im negativen Sinne: Hohle Regeln werden als Abkürzungen benutzt, damit Erwachsene jungen Menschen die Überlegenheit ihrer Weltsicht demonstrieren können. Fragen mich Schülerinnen und Schüler, ob sie zur Toilette können, erschrecke ich: Wie kommt ein Mensch dazu, andere deswegen um Erlaubnis zu bitten? Wer könnte diese Frage unter irgend einem Umstand verneinen?

Albert Anker: Schulspaziergang (1872)

Als Pädagoge lenken mich alle diese Scheinprobleme vom Unterricht ab – von echter Interaktion mit Jugendlichen, von Gesprächen über wichtige Themen: Wer zu spät kommt, soll niemanden stören. Wer trinken will, soll trinken. Wer eine wichtige Nachricht auf dem Handy erwartet, soll die Nachricht lesen. Wenn Unterricht tatsächlich wichtig ist, wenn er echte Motivation erzeugen kann, braucht er keine künstliche Disziplin. Er muss Unterschiede nicht ausblenden, sondern bezieht sie mit ein. Er trennt das Leben nicht vom Lernen, sondern verbindet sie. Er braucht kein Schulzimmern mit Erwachsenenregeln, sondern Begegnungen, Gespräche, Auseinandersetzung. (Störungen haben Vorrang: Wenn jemand Aufmerksamkeit braucht, ist das ein Signal, keine Bösartigkeit. Wie könnte man die Person mit vernünftigen Mitteln dazu bringen, sich disziplinarisch unterzuordnen? Sie bestrafen (oder andere belohnen). Druck auf sie ausüben. Was könnte das bezwecken?)

In meinem Hinterkopf höre ich einen Einwand, während ich diesen letzten Abschnitt schreibe. Aber die Arbeitswelt? Wie können Jugendliche eine Lehrstelle suchen, wenn sie gewisse Regeln nicht gelernt haben, die in Betrieben selbstverständlich sind? – Die Antwort auf diese Fragen? Achtsamkeit und Ernsthaftigkeit. Wer sich selber und andere einschätzen kann und ernst nimmt, hat kein Problem damit, Erwartungen einzuschätzen und sich entsprechend zu verhalten. Eine Arbeitswelt, in der individuelle Stärken und Schwächen keinen Platz haben, in der sinnlose Regeln befolgt werden müssen, weil Tradition oder Macht sie stützen: Auf diese Arbeitswelt muss die Schule junge Menschen nicht vorbereiten, weil sie darin kaputtgehen. Gibt es für Individuen, die sich selbst einschätzen können und motiviert lernen, keine Arbeitsplätze, ist das weder das Problem der Schule noch der Jugendlichen.

The Author

philippe-wampfler.ch

2 Comments

  1. Wilhelm Rinschen says

    Mein Kompliment für diesen Artikel! Besonders die Differenzierung von „positiver“ und „negativer“ Disziplin hat die Problematik gut auf den Punkt gebracht. Ein gutes Lernklima braucht den „Flow“ der Gruppe, welcher sich nicht nur durch Anordnungen und Befehle erreichen lässt…..

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