Studie: Die Auswirkungen von Computergames auf die psychologische Entwicklung Jugendlicher

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Wissenschaft

Mein aktuelles Buch, »Generation Social Media«, fasst den Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Auswirkungen Neuer Medien auf Jugendlichen zusammen. Das Thema wird aber intensiv erforscht – und so erscheinen immer wieder neue Studien, die sich mit ähnlichen Themen befassen. Ich werde in loser Folge Studien zusammenfassen, die sich auf Themen aus dem Buch beziehen und bestimmte Aspekte vertiefen. 

* * *

Your Brain on Videogames, Terry Fan, society6

Your Brain on Videogames, Terry Fan, society6

Auswirkungen von Computergames auf die psychologische Anpassungsfähigkeit. Andrew Przybylski, University of Oxford, Pediatrics (Open-Access), August 2014.

Der Einfluss von Computergames ist eine umstrittene Frage, bei der oft einzelne Faktoren wie das Aggressionspotential isoliert gemessen werden. Przybylski hat den Einfluss auf einen Komplex untersucht, den er psychologische Anpassungsfähigkeit nennt. Gemeint sind damit in der psychologischen Forschung etablierte Skalen und Befragungsmethoden (vor allem SDQ), mit denen folgende Aspekte abgefragt und gemessen werden können:

  • Emotionale Schwierigkeiten
  • Verhaltensauffälligkeiten
  • Aufmerksamkeitsschwierigkeiten und Hyperaktivität
  • Probleme mit Beziehungen zu Gleichaltrigen
  • Empathie und Hilfsbereitschaft
  • Zufriedenheit mit dem eigenen Leben (Schule, Familie, Selbstwahrnehmung, Freundeskreis)

Befragt wurde im Rahmen einer langfristig angelegten Studie 5000 10-15-Jährige, die in Großbritannien leben. Dabei wurden vier Gruppen gebildet, abhängig davon, wie viele Stunden pro Tag digitale Spiele gespielt werden:

  • kein Gamen
  • leichtes Gamen: weniger als 1 Stunde am Tag
  • mäßiges Gamen: zwischen 1 und 3 Stunden am Tag
  • starkes Gamen: mehr als 3 Stunden am Tag
Statistische Verteilung der Typen, Table 1, S. 3

Statistische Verteilung der Typen, Table 1, S. 3

Die Ergebnisse der statistischen Auswertung können wie folgt zusammengefasst werden:

  1. Leichtes Gamen führt in allen Kategorien zu leicht besseren Messwerten als kein Gamen: D.h. diese Jugendlichen weisen weniger Schwierigkeiten, mehr Kompetenzen und eine höhere Zufriedenheit mit ihrem Leben auf als die, die keine Games spielen.
  2. Mäßiges Gamen führt zu keinen messbaren Abweichungen im Vergleich mit dem Verzicht auf Games: Spielen Jugendliche bis zu drei Stunden täglich, entwickeln sie sich psychologisch gleich wie Jugendliche, die nicht gamen.
  3. Starkes Gamen führt zu einem spiegelverkehrten Effekt von 1.: Im fast genau gleichen Ausmaß zeigen Jugendliche, die täglich mehr als drei Stunden Gamen problematische Züge, weniger positive Attribute und geringere Lebenszufriedenheit als nicht-gamende.

In der Interpretation der Daten führt Przybylski aus, dass Computergames – ähnlich wie andere Spiele – positive Auswirkungen auf die Ausbildung einer Identität und die kognitive und soziale Entwicklung hätten. Das kann auch im Labor validiert werden, wie frühere Studien zeigen. Die negativen Einflüsse bei starken Gamerinnen und Gamern führt Przybylski auf die mangelnde Zeit für andere Aktivitäten zurück – insgesamt versteht er digitale Games als generell als einen eher positiven Einfluss auf Jugendliche, wenngleich dafür langfristige Daten fehlen. Insbesondere vermutet er, dass die negativen Effekte von passiven Medien wie Fernsehen bei nicht-altersangepassten Inhalten viel stärker seien als bei aktiven Medien wie Computerspielen.

Anzumerken ist – das steht nicht in der Studie von Przybylski -, dass allein die Zeitdauer der täglichen Verwendung von Computergames mit engagierten Eltern korreliert sein dürfte: Kinder und Jugendliche, denen leichtes Gamen erlaubt ist, stammen aus Haushalten, in denen die technische Ausrüstung und das Bewusstsein für die Bedeutung von Grenzen vorhanden sind – was wiederum ein Faktor für größere Lebenszufriedenheit, positive psychologische Attribute und geringere Schwierigkeiten sein könnte. (Danke für diesen Hinweis, Ali.)

 

 

The Author

philippe-wampfler.ch

5 Comments

  1. Pingback: Bei Gesprächen das Smartphone weglegen [Studie] – Schule und Social Media

  2. Gelten die Aussagen eigentlich für alle Arten von Games? Also Lern- und Kreativ-Games bis hin zu Ballerspielen? Ist eine Differenzierung nicht nötig? Oder zu aufwendig? Kann mir kaum vorstellen, dass das nicht eine Rolle spielt bei den Wirkungen.

  3. Danke für den spannenden Beitrag!
    Merken denn die Jugendlichen, dass ihre Unzufriedenheit und Lebens-un-lust mit dem ewig langen Spielen zusammenhängt?
    Und: wie kommen sie davon ohne Hilfe wieder weg? Da das ihre Leidenschaft ist, müsste ev. eine neue, interessantere Leidenschaft auftauchen, die das Gamen ersetzen könnte, oder?
    Viele Grüße, Uta

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