Schulen und linke Ideologie

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Viel zu häufig setzen sich jedoch Lehrpersonen über das Prinzip des neutralen Wissensvermittlers hinweg und versuchen, ihre Schüler einseitig mit ihrer politischen Haltung zu beeinflussen.

Ausgehend von dieser Feststellung wurde heute in der Schweiz eine Initiative gestartet, mit der Schülerinnen und Schüler ermuntert werden sollen, mithilfe einer politischen Partei »überprüfte Kompetenzüberschreitungen durch Lehrpersonen« zu erfassen. Gemeint sind »Fälle politisch motivierter Indoktrinationsversuche und von Benachteiligung eines Schülers aufgrund konträrer Meinungsäusserungen. Dazu gehören auch die einseitige oder grob verzerrte Darstellung politischer, historischer und wirtschaftlicher Zusammenhänge und die Verunglimpfung von Politikern oder Parteien.«

Die Aktion selbst ist ein Versuch der Indoktrination und der politischen Einflussnahme auf die Schule. Ihre Widersprüchlichkeit zeigt sich schon darin, dass sie einerseits erwartet, »politische, historische und wirtschaftliche Zusammenhänge« sollten nicht verzerrt dargestellt werden, andererseits davon ausgeht, es gäbe jeweils mehrere Seiten, die zur Sprache kommen sollten.

Um das Problem, um das es hier geht, genauer fassen zu können, müssen wir davon ausgehen, dass Fakten nicht der relevante Aspekt sind. Entscheidend sind ihre Auswahl und ihre Gewichtung. Anders formuliert: Wie in Schulen Wissen vermittelt wird, ist weniger diskussionswürdig als die Frage, welches Wissen in welchen Zusammenhängen vermittelt wird. Daraus ergibt sich sofort die Einsicht, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, Inhalte auszuwählen und ihnen eine Bedeutung beizumessen.

Das System Schule sollte sich dieser Einsicht stellen. Das tut sie mit dem Konzept der Lehrfreiheit: Lehrpersonen erhalten eine gewisse Freiheit im Umgang mit Lehrplänen. Diese stellen einen demokratisch legitimierten Rahmen für die schulische Arbeit dar, gewähren aber auch Raum für einen individuellen Zugang. So sollten fähige Lehrpersonen gerade die oben bemerkte Kontingenz vermitteln – also zeigen, dass hier eine bestimmte Selektion vorgenommen wird, die auch anders ausfallen könnte. Schülerinnen und Schüler müssen erkennen können, dass historische Begebenheiten, wirtschaftliche Zusammenhänge und wissenschaftliche Einsichten mehr als eine Bedeutung zulassen.

Sie müssen auch verstehen, dass es kein Wissen ohne Ideologie gibt. Wer etwas für richtig hält, vertritt damit eine Position. Eine ideologiefreie Schule wäre eine wissenslose Schule, gar eine inaktive: Schon die Frage, wie sich Schülerinnen und Schüler in ein Zimmer setzen sollen, ist zutiefst ideologisch.

Eine gute Lehrperson und eine gute Schule machen ihre Ideologie transparent. Sie verstecken sie nicht, sondern sie stehen dazu. Sie weisen auch auf Alternativen hin, stehen aber für ihre Wahl ein, ohne anderes lächerlich zu machen. Ein idealer Lehrkörper versammelt unterschiedliche Stimmen, die auch eine Auseinandersetzung ermöglichen. Verantwortungsbewusste Schulen orientieren sich an einem gesellschaftlichen Konsens, der ihnen durch demokratische Rahmenbedingungen abgesteckt wird. Dass dieser Konsens in Bezug auf die Schule links geprägt ist, hängt auch damit zusammen, dass Werte wie Meinungsfreiheit, Solidarität und Verantwortungsbewusstsein für viele Gesellschaften bedeutsam sind und deshalb im Bildungssystem verankert werden.

In einer Reaktion auf die Initiative heißt es:

Was in den Schulen gelehrt wird hat nichts mit Ideologie zu tun. Gelehrt wird das, was wissenschaftlicher Konsens ist.

Das sind zwei meines Erachtens recht naive Aussagen, die nicht tauglich sind, der Initiative den Wind aus den Segel zu nehmen. Wissenschaft führt nie zu einem Konsens, sondern lebt von einer permanenten Auseinandersetzung.

Wer Schulen auffordert, diese Auseinandersetzung auszutragen, lebendiges Wissen anzubieten und ihre Annahmen permanent zu hinterfragen, verdient Respekt. Wer darauf hinweist, dass Meinungsvielfalt in der Bildung einen hohen Stellenwert hat und blinde Flecken eine Gefahr für Lernen und Lehren darstellen, nimmt wichtige Aspekte auf.

Aber wer zum Schein »freie« Schulen fordert, um sie zu unfreien zu machen, verdient Widerstand. Indoktrination ist kein Mittel gegen Indoktrination.

asdfasdfasdfff

The Author

philippe-wampfler.ch

2 Comments

  1. Applaus für diesen Artikel! Ich frage mich gerade, inwieweit er sich auf die im letzten halben Jahr sehr heftig diskutierten geplanten Neuerungen im baden-württembergischen Lehrplan beziehen lässt…

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