Fallstudie: Kommentare zu Bildern in Social Media

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Kürzlich habe ich bei Facebook dieses Profilbild neu eingestellt. Bald entwickelte sich in den Kommentaren eine Diskussion, weil Beat Rüedi, den ich aus medienpädagogischen Diskussion kenne, nach einer ersten Frage (»Treibst du Sport?«) bemerkte, ich sehe auf dem Bild »ein wenig gut genährt aus«:

Bildschirmfoto 2014-07-03 um 09.24.39Bildschirmfoto 2014-07-03 um 09.24.53Diese Diskussion irritierte einige Mitlesende, die mir das in SMS oder persönlichen Nachrichten zu verstehen gaben. Ich beschloss, sie zu löschen, aber zu dokumentieren (weitere Diskussionsbeiträge habe ich dann einfach gelöscht). Kurz darauf wurden zwei Blogposts zu diesem Fall publiziert, einer von Daniel Menna, der andere von Steve Bass. Während Menna den fehlenden Anstand von Rüedi konstatierte, ging Bass differenziert auf die Frage ein, was Öffentlichkeit für persönliche Kritik bedeute:

Kritik in der Öffentlichkeit muss ich zwar aushalten, aber sie bringt mich meistens nicht weiter. Wenn mir ein Bekannter an einem Fest sagt, dass er findet ich sei zu dick, kann ich in diesem Rahmen keine vernünftige Diskussion führen. Ich werde elegant darüber hinweg gehen und bin den Rest des Abends verunsichert und verletzt. Auch bei sozialen Netzwerken würde ein öffentlicher Kommentar zu einem ähnlichen Ergebnis führen, da eine konstruktive Auseinandersetzung kaum stattfinden kann aus meiner Erfahrung.

* * *

Die Beleidigung ist für mich hier nicht der entscheidende Aspekt. Ich bin übergewichtig. Weil ich aber privilegiert bin – als gebildeter Mann mit einem anständigen Einkommen und einer Meinung, die oft ernst genommen wird -, fällt das für mich weniger ins Gewicht als für andere. Bei Referaten kommentiere ich mein Gewicht immer wieder, um einen rhetorischen Erfolg zu erzielen. Kurz: Wenn mir jemand sagt, ich sei zu dick, dann trifft mich das zwar, aber ich weiß, dass die andere Person Recht hat.

Bedeutsamer war, dass Rüedi nicht einfach einen negativen Kommentar abgab, sondern den schon mit einer Frage einleitet und mir danach Tipps gab, wie ich das Bild korrigieren müsste, um es besser aussehen zu lassen. Letztlich wollte er – zumindest empfand ich das so – nicht mangelndes Gesundheitsbewusstsein, sondern mangelnde Medienkompetenz vorwerfen: Einerseits durch die ungünstige Wahl der Bilder und andererseits, weil er ahnte, dass eine souveräne Reaktion mir schwer fallen könnte. In einer Notiz hielt Rüedi denn tatsächlich fest, ich hätte »Social Media nicht verstanden«. Q.E.D.

* * *

Darum die allgemeine Frage: Wie sollte man auf unerwartete, unerwünschte, nebensächliche Kommentare bei Bildern reagieren? Konsequentes Löschen wäre durchaus meine Empfehlung. Wer einen Kanal anbietet, darf auch Regeln festlegen. Nur weil die Möglichkeit besteht, Kommentare abzugeben, heißt das nicht, dass diese Kommentare ablenken und verletzen dürfen. Social Media gelingen, wenn Menschen in konstruktive Auseinandersetzungen mit sich und der Welt gelangen können. Und sie scheitern, wenn viel Energie in Animositäten verpufft werden, die niemanden weiterbringen.

The Author

philippe-wampfler.ch

12 Comments

  1. Erstens: Ich finde das Bild gut, es ist authentisch. (Auch, wenn dies nicht Bestandteil der Diskussion ist oder sein sollte, wollte ich es zumindest einmal kundtun)

    Zweitens: Auch wenn es sich bei sozialen Medien um öffentliche Räume (oder wie Jan-Hinrik Schmidt schreibt ‚Vernetzte Öffentlichkeit‘) handelt, bedeutet es nicht, dass diese regellos sind. Das vergessen meiner Ansicht nach einige Personen immer wieder, indem sie ‚privat‘ denken, dieses dann aber eins zu eins in ‚öffentliches‘ Handeln umsetzen. Es gibt jedoch noch eine zweite Gruppe, nämlich diejenigen, denen es egal ist, ob sie öffentlich oder privat handeln, mit allen daran hängenden Konsequenzen (öffentliche Beleidigung, Angriff der Würde des Anderen etc.). Es gibt sie zwar nicht nur in der Online-Welt, aber hier gibt es für Personen, die öffentlich, wiederholt wenig konstruktiv und oft beleidigend handeln, einen Begriff: ‚Trolle‘ (https://de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Netzkultur). Dies im Hinterkopf wäre meine Antwort auf deine Frage: ‚Wie sollte man auf unerwartete, unerwünschte, nebensächliche Kommentare bei Bildern reagieren?‘ -> differenziert! Löschen ist eine Möglichkeit von vielen. Im oben genannten Wikipedia-Artikel, z.B., kann man einige gar nicht so unsinnige ‚Gegenmaßnahmen‘ nachlesen.

    Drittens: Zum Thema „Social-Media-Kompetenz“ bleibt für mich offen, ob derartig dekonstruktive, beleidigende, wenig kompromissbereite und teils auch mit mangelnder fokussierter Beweiskraft geführte Diskussionen, wie die betreffende Person sie (leider nicht nur in diesem Fall) anstößt, nicht eine eigene Art von (Social-(Media)) Inkompetenz zeigen. (Nur einmal laut gedacht, ich lass mich gern vom Gegenteil überzeugen)

  2. Ich begreife nicht so recht, was diese Herausforderung mit Socialmedia zu tun hat. Es scheint mir eher um Deutungshoheit und individuelle Interpretation eines Wortes zu gehen. Soll es im Leben hin und wieder geben.
    Socialmedia fixiert allerdings nun dieses Ringen um Deutung irreversibel. Der Terminus „gelöscht“ ist im Falle von fb ja falsch. „Unsichtbar gemacht“ trifft es eher. Und genau das, diese irreversible Fixierung, erhöht ja zumindest die potentiellen Folgen und wertet das Geschehen psychologisch weiter auf.
    Anlässlich eines Symposium oder so hätte neben der schriftlichen Äußerung ja ein weiterer Kontext (pragmatische Äußerungsebenen) zur Deutung zur Verfügung gestanden. Socialmedia ist – naturalistisch gesprochen – für mich sowas wie Natur – x^2

  3. beatrichartz says

    Hahaha sorry ich dachte der Kommentar kommt untenan. Alles vorherige @dissidentch

  4. Ich glaube wer anderen vorwirft dass sie Social Media nicht verstanden haben hat Social Media nicht verstanden.

    Die Diskussionen, die du vorgegeben hast anstossen zu wollen, sind langweilig; dein Versuch eine dumme Äusserung in ein pseudophilosophisches Lehrstück umzuschreiben sind peinlich und durchschaubar; jeder zusätzliche Kommentar ist noch peinlicher als der vorherige.

    Stauch mal besser dein wohlgenährtes Ego als deine Bilder.

  5. Es gibt Menschen, die wollen primär provozieren durch destruktive Kommentare. Typischerweise haben sie keine Freude, wenn man sich nicht provozieren lässt, sprich, wenn man sie einfach ignoriert. Deshalb gilt etwa in der Wikipedia der Grundsatz „Trolle bitte nicht füttern“.

  6. Für mich ergeben sich auf der „Meta“Ebene dieser kommunikation folgende Aussagen:
    Beat R.: Ihm erscheint das Profilbild unvorteilhaft. Im Zusammenhang mit der vorausgegangenen Frage liegt nahe, dass er „provozieren“ bzw. „necken“ will (inwieweit das sozial adäquat ist, kann nicht beurteilt werden, ohne die Beziehungsebene (persönlich bekannt, aber wie nahe?) zu kennen.
    Philippe W: gibt ironisch zu erkennen, dass die Provokation funktioniert hat und ein wunder Punkt getroffen wurde.
    Bis hier sehe ich die Kommunikation als „mündig“ an. Hier könnte sie beendet sein nach dem Motto „Aufschlag-Return“ – Ende.

    Alles, was dann kommt, ist einigermaßen abenteuerlich…

    Wenn ich einen „Kindergarten“ unter posts von mir vorfinde, lösche ich konsequent. Manchmal ist aber (wenn ich mich nicht zu sehr fremdschäme) eine andere Variante für mich genau so verlockend: unkommentiert stehen lassen… Jede Äußerung sagt ja nicht nur dem Adressaten etwas (oder Mitlesern), sondern jeder Akt von Kommunikation spricht auch Bände über den, der sich äußert – soll sich doch jeder selbst ein Bild machen…

  7. Jean Baptiste says

    Reichlich erwachsene Leute können sich halt nicht benehmen. Das hat mit Social Media wenig zu tun.

  8. Barbara Jäggi says

    Lieber philippe,
    Fb ist wie im wirklichen Leben; es kann alles geschehen. Sogar verletzende Worte können aus dem Hinterhalt treffen. Ist mir auch schon passiert, so aus dem unerwarteten Nichts heraus. Ich habe es dann auch gelöscht. Es gibt Menschen, die nutzen diese Plattform und sagen Dinge, die sie sonst nur laut denken würden. Oder etwa doch nicht? Und manchmal ist es besser, dass wir ein Kontrollorgan haben, das es verhindert, das Gedachte auszusprechen.
    Ich finde es zuweilen beelendend, dass man Fb als Bauchnabelbesalbung benutzt und keine Gelegenheit auslässt, aus dem Meer der Allgemeinheit auszubrechen und sich zu zeigen. Es dürfen schon mal kritische Worte fallen. Aber nicht zur Person selber. Es gibt da für mich ethische Regeln.
    Ich muss sagen, du jonglierst gekonnt und bewusst mit diesem Medium, du hast meine Anerkennung.
    So jetzt tauche ich wieder ab

  9. dissidentch says

    Was bedeutet „wohlgenährt“? Kann „wohlgenährt“ eingegrenzt werden? Hätte ich, hätte Wampfler mindestens 40 kg weniger, „unterernährt“ geschrieben? Können Menschen auch in Hungersnotgebieten „wohlgenährt“ sein? Drückt „wohlgenährt“ zuerst einmal ein Ungleichgewicht aus?

  10. dissidentch says

    „Darum die allgemeine Frage: Wie sollte man auf unerwartete, unerwünschte, nebensächliche Kommentare bei Bildern reagieren? Konsequentes Löschen wäre durchaus meine Empfehlung. Wer einen Kanal anbietet, darf auch Regeln festlegen.“ [Philippe Wampfler]

    Ich trete also nächstens auf ungewohnte Art vor eine Klasse, verbunden mit dem Anspruch, mich nicht verdeckt zu fotografieren und das Bild in den Social Media zu publizieren? Absurd!

  11. dissidentch says

    … und Bass hätte ich in diesem Zusammenhang besser nicht zitiert. Ohne dass dieser weiss, welche Sportarten ich wie intensiv betreibe, behauptet er, sicher mehr Sport als ich zu treiben. Soll ich nun behaupten, Bass würde auch gegenüber seinen SchülerInnen vergleichbar „argumentieren“?

  12. Dir „mangelnde Medienkompetenz vorwerfen“? Wie käme ich dazu? Wer aber den Anspruch erhebt, sein Profilbild dürfe entweder nicht oder aber positiv, aber nicht negativ kommentieren, hat Social Media nicht wirklich verstanden.

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