Was ich alles nicht verstehe – Gedanken zu einer Video-Serie

Auf Instagram und TikTok publiziere ich seit ungefähr einem Jahr alle paar Tage ein kurzes Video, in dem ich eine Frage zu einem Thema stelle, das ich nicht verstehe. Im folgenden Beitrag erkläre ich, wie ich dabei vorgehe und was meine Ziele sind.

In den letzten Jahren erreiche ich mit Blogposts immer weniger Leser:innen, obwohl ich nicht weniger schreibe und auch versuche, meine Texte zu verlinken. Das hat mit verschiedenen Entwicklungen zu tun – etwa mit dem Ende von Twitter, meinem weitgehenden Rückzug aus populistischen bzw. Deutschland-spezifischen Debatten und mit dem KI-Turn von Suchmaschinen. Ein wichtiger Faktor ist aber auch die Dominanz von Kurzformvideos. Viele Menschen ziehen es vor, Informationen über diese Videos aufzunehmen, statt längere Texte aufzurufen.

Statistik von schulesocialmedia.com

Mein Videoformat ist also ein Experiment mit einer Form, die meinen Gewohnheiten nicht besonders entspricht: Ich mag es, Gedanken schriftlich zu formulieren; sie über Links mit anderen Texten zu verknüpfen und zu differenzieren. Ein kurzes Video erlaubt mir das nicht, es zwingt mich zu pointierten Formulierungen.

Das Experiment betrifft auch die Frage, welche Videos wie gut ankommen. Entscheidend ist hier, worauf der «Algorithmus» anspricht, was also Merkmale von Videos sind, die dazu führen, dass sie anderen Menschen angezeigt werden. Darüber habe ich schon ausführlich geschrieben, mit meinem eigenen Content aber bisher wenig Erfahrungen gesammelt. Ich bin aber im Umgang mit diesen Videos auch nachlässig, besonders auf TikTok könnte ich vieles machen, was den Videos mehr Reichweite geben würde. Dafür fehlen mir aber Lust und Zeit. Entsprechend sind die Aufrufzahlen bescheiden:

Das Nicht-Verstehen als Ausgangspunkt hat mehrere Funktionen:

  1. Ich finde leicht neuen Content, weil ich mir viele Frage stellen und vieles mit anderen Menschen diskutiere, was immer wieder dazu führt, dass ich gewisse Zusammenhänge nicht so verstehe, wie ich das gern möchte.
  2. Ich eröffne durch das Format einen Dialog und lade Menschen ein, auf meine Beiträge zu reagieren. Das ist natürlich auch für den Algorithmus eine feine Sache, führt aber zu Rückmeldungen, die mir seit der Twitter-Zerstörung fehlen.
  3. Ich finde eine Rolle, die meine berufliche Rolle des Lehrers bricht. Im Verständnis vieler Menschen sind Lehrer Menschen, die alles verstehen. Wenn ich öffentlich zugebe, vieles nicht zu verstehen, dann öffnet das Gesprächsräume, die sonst verschlossen wären. Ich merke das besonders auch rund um meinen Unterricht, wo ich oft von Kolleg:innen und Schüler:innen auf die Videos angesprochen werde.
  4. Ich höre viele Podcasts und lese viel. Die Fragen helfen mir, einiges davon zu verarbeiten, ohne dass das zu stark als Vortrag oder als Rant daherkommt. Gleichwohl kann ich im Frageformat kritische Bemerkungen unterbringen, die aber einem Dialog verpflichtet bleiben.

Die richtigen Fragen zu finden ist nicht ganz einfach. Für mich müssen sie eine gewisse Tiefe zulassen. Ich stelle mich nicht pseudo-naiv, sondern ich frage authentisch, aber schon mit einem gewissen Vorwissen. Oft erkläre ich auch, weshalb mich naheliegende Antworten nicht überzeugen. Entsprechend sind die Videos weniger authentisch, als sie wirken: Ich nehme sie wirklich oft beim Joggen oder unterwegs auf, habe mit aber schon länger Gedanken zu einem Thema gemacht. Die Fragen reifen gewissermassen und ich stelle sie dann, wenn ich den Eindruck habe, den richtigen Zugang gefunden zu haben.

Das Unterwegs-Format erlaubt mir aber den Quick’n’Dirty-Zugang: Ich muss mich nicht hübsch machen, ich brauche kein Studio, kein Licht, kein Stativ. Sehr selten nehme ich ein Video zwei Mal auf. Ich schneide nie – ich lade die Aufnahmen meist noch während dem Joggen oder spätestens während dem Duschen bei Instagram und TikTok hoch. Die Zeit der Publikation interessiert mich nicht, ich vermeide nur, zwei Videos an aufeinanderfolgenden Tagen zu publizieren.

Für diesen Beitrag habe ich mir die über 50 Videos noch einmal angeschaut und mir notiert, was ich jetzt verstehe, auch aufgrund der Rückmeldungen. Drei Beispiele möchte ich rausgreifen: Das erste Video betraf Lernphasen im Studium. Mich irritierte – generell und im Vergleich mit meinem Studium – die Bereitschaft junger Erwachsener, ihr Leben während Wochen nur eingeschränkt zu führen, um für Prüfungen ganz viel zu lernen. In den Reaktionen haben mit besonders ehemalige Schüler:innen erklärt, wie diese Phasen Zusammenhalt schaffen, eine Identifikation mit dem Fach ermöglichen, wie sie das Lernen Kompetenz erleben lässt und ihrem Studium eine Bedeutung gibt. Das hat mich alles überzeugt, ich habe jetzt dein Eindruck, aufgrund dieser persönlicher Rückmeldungen besser zu verstehen, was ich von aussen nicht verstanden habe.

Eines meiner letzten Videos warf die Frage auf, warum es im Sicherheitsbereich von Flughäfen keine Filialen von günstiger Supermarktketten gibt, wie man sie sonst in Innenstädten und an Bahnhöfen findet. Ich habe gelernt, dass es spezialisierte Unternehmen gibt, welche diese Bereiche betreiben. Sie können mit den erhöhten Sicherheitsanforderungen umgehen und stellen einen Mix von Geschäften und Gastronomieangeboten zusammen. Ein günstiges Geschäft in diesen Mix aufzunehmen, würde wohl das ganze Konzept stören. Zudem betreiben Supermarktketten ihre Geschäfte meist selbst, ihre Logistik ist nicht auf die Flughafen-Security ausgelegt. Das wusste ich so nicht – jetzt weiss ich es. Genauso ist es mit dem Rechtsvortritt, der mich auf Quartierstrassen weiterhin irritiert. Heute weiss ich aber, dass diese Irritation ein Feature und kein Bug ist – wer irritiert ist, fährt vorsichtiger. Genau darum geht es.

Vieles verstehe ich aber weiterhin nicht. Das hat natürlich damit zu tun, dass Menschen oft Dinge tun, die nicht logisch sind, dass sie ihr Verhalten an Mustern ausrichten, die nicht nachhaltig sein. Zudem ist die Welt halt nicht so, wie ich sie mir wünschen würde – die Biber verstecken sich vor mir, der FC Aarau steigt nicht auf und Avocados werden weiterhin als Früchte verkauft und nicht als Gemüse.

In den Rückmeldungen schreiben mir Menschen zuweilen auch, dass ich das doch einfach akzeptieren soll. Die Welt sei nun einmal so, wie sie ist. Manchmal erklären sie mir noch einmal, wie etwas ist – obwohl ich verstehen möchte, warum es so ist. Ich weiss, dass viele Landwirte in der Schweiz eine rechtsnationalistische Politik unterstützen, aber ich verstehe weiterhin nicht, warum sie das tun. Mir ist schon klar, dass die SVP sich für Direktzahlungen einsetzt – ich würde meine politische Meinung aber nicht mit sowas verbinden. Genauso wie ich kein Influencer sein möchte, der in seinen Videos irgendetwas verkauft.

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